Macht
Roman

von Karen Duve

€ 22,70
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Verlag: Galiani Berlin ein Imprint von Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 416 Seiten
Erscheinungsdatum: 18.02.2016


Rezension aus FALTER 11/2016

Wenn Weicheier ausrasten

In ihrer Dystopie „Macht“ projiziert Karen Duve den Geschlechterkampf der Gegenwart ins Jahr 2031

Gäbe es eine internationale Heulsusen-WM, hätten Männerrechtler wohl gute Chancen, auf dem Siegertreppchen zu landen. Kaum haben sich die Machtverhältnisse ein Jota in Richtung weiblicher Welthälfte verschoben, ertönt das Lamento der Männermimosen, die sich lauthals zu Opfern stilisieren.
Man könnte es lustig finden, wäre nicht in den letzten Jahren auch ein weit weniger weichkäsiges Wiederaufflammen der Sehnsucht nach den guten alten Zeiten spürbar geworden. Deutsche Pegidisten demonstrieren gegen den „Gender-Wahn“, Gefärbte-Haare-Opis wie Berlusconi und Oben-ohne-kalte-Krieger wie Putin werden als Retter der Männlichkeit angesehen, Krawallfiguren wie Akif Pirinçci bejubelt und Politikerinnen auf Facebook mit Rachefantasien bombardiert.
Karen Duves Roman „Macht“ ist ein nahezu verzerrungsfreier Spiegel dieses Backlashs, verlängert die Unruhen der Gegenwart allerdings ins Jahr 2031: Flüchtlingskrise ist ein Dauerzustand, die globale Erwärmung kurz vor der Endkatastrophe, Fleisch kostet teure „CO2-Punkte“ und in Deutschland herrschen die Frauen.

Duves durch und durch unsympathischer Ich-Erzähler Sebastian Bürger ist – obwohl mit Greenpeace-Biografie und Wohlstandsexistenz ausgestattet – damit, gelinde gesagt, nicht einverstanden. Nicht nur, dass er angesichts der klimakatastrophalen Zukunft die retro-nostalgische Offensive antritt und sein Elternhaus mit dem teuer auf Ebay erstandenen 70er-Jahre-Mobiliar seiner Kindheit ausstattet. Er wirft auch das progressive Mäntelchen ab und sperrt seine Frau Christine, die ihn für einen anderen Mann verlässt und obendrein als Umweltministerin den Staatsfeminismus vertritt, in den „Prepper-Keller“ seines Hauses ein.
Woran natürlich, wie er nicht müde wird zu betonen, diese selbst schuld sei, weil ihn das verweichlichte Matriarchat mit politischer Korrektheit kastriert habe. Nachdem er sie vergewaltigt hat, raunt er ihr ins Ohr: „Sei doch froh, dass ich dich immer noch will.“ Das Buch ist voll von diesen Gruselsätzen mit ihrer sinister verdrehten Logik. Selbst als Sebastian in einem Wutanfall die gemeinsamen Kinder zusammenbrüllt, gibt er seiner Frau die Schuld und jammert dann: „Ich bin kurz davor zu heulen.“ Der Mann als Scheusal und Weichei zugleich.
Verkompliziert wird der Geschlechterkampf durch die Erfindung von Ephebo, einer krebserregenden Verjüngungsdroge, die 60-Jährige wie deren junges Selbst aussehen lässt. Also rivalisieren nicht nur Mann und Frau, sondern auch noch „Bio-Junge“ und „Chrono-Junge“ beiderlei Geschlechts um Chancen auf dem Arbeits- und Partnerschaftsmarkt. Wobei das angesichts des als sicher geltenden Klimadesasters vielleicht ohnedies schon alles egal ist.

„Macht“ ist ein wütendes Buch, und bisweilen gewinnt man den Eindruck, als hätte es die Autorin mit zusammengebissenen Zähnen geschrieben. Die ersten Reaktionen im deutschen Feuilleton waren teils verheerend. Zu grobschlächtig, zu belehrend, zu vereinfachend sei die Zukunftsszenerie geraten. Die Zeit verstieg sich gar zu der Aussage, Duve habe sich mit diesem Werk „aus der Literatur verabschiedet“, andere bemängelten kurioserweise, dass sich die Romanzukunft nicht hinreichend von der Real-Gegenwart unterscheiden.
Zugegeben: Subtilität ist nicht die Stärke des Romans, sie ist allerdings auch gar nicht dessen Ziel. Es fließt viel Blut in „Macht“, und die Kellerszenen zwischen Täter und Opfer sollten Traumatisierte lieber schnell überblättern. Collagiert aus „mehr oder weniger stark veränderten Zitaten“ unterschiedlicher Herkunft (wie die Autorin im Anhang vermerkt) sind sie zu nahe an der Realität, um als Groteske oder schwarze Komödie durchzugehen.
„Diese Verweiblichung der Kulturen und dass ihr jetzt überall mitmischen dürft, ist eine kurzzeitige historische Abnormität“, höhnt Sebastian seiner Frau entgegen, um sich später zu beklagen: „Seit ihr Frauen die gut bezahlten Jobs an euch gerissen habt, interessiert es euch nicht mehr, was in uns vorgeht.“

Dergleichen Sätze sind tausendfach im Internet zu finden. In den Roman montiert, erzeugen sie an manchen Stellen eine bittere Dringlichkeit, an anderen verwandeln sie Dialoge in umständliche Verhandlungsprotokolle. Mitunter hat man den Eindruck, Zuschauer einer politischen Diskussion mehrerer Nachrichtensprecher eines Senders namens „Karen Duve TV“ zu sein. Und wenn Sebastian dem Leser scheinbar nebenbei, aber doch sehr ausführlich die Verhältnisse des Jahres 2031 beibringt, will man ihm zurufen: „Nicht in die Kamera reden!“
Trotz dieser narrativen Notbehelfe und den etwas hektisch geratenen Schlusskapiteln entfaltet der Roman alleine durch die ihm zugrunde liegende Wut und Schärfe einen solchen Drive, dass er über alle Stolpersteine hinwegrast.
Wie alle Dystopien erzählt er weit mehr über die Zeit, in der er geschrieben wurde, als über die, in der er spielt: War es bei „Metropolis“ die Überforderung durch die moderne Großstadt, bei Orwell die Totalitarismuserfahrung der 30er- und 40er-Jahre, in J.G. Ballards Oeuvre die Mischung von Sex und Technologie der Sixties und in Russell Hobans „Riddley Walker“ die Nuklearangst der 70er, ist „Macht“ ein polemisches, aber doch akkurates Abbild des heutigen Kampfes zwischen den Männern, die den Planeten mit selbstgerechter Lust in den Orkus steuern, und den „verweichlichten“ Rettern der Zivilisation.
2031, wenn wir alle bio-alt sind, werden wir also in Karen Duves Roman nachlesen können, welche Machtverhältnisse sich 2016 anbahnten. Und dann wird sich herausstellen, ob wir in der Zwischenzeit einen anderen Weg eingeschlagen haben.

Maik Novotny in FALTER 11/2016 vom 18.03.2016 (S. 12)


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