Der Komet
Roman

von Hannes Stein

€ 19,60
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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 272 Seiten
Erscheinungsdatum: 14.02.2013


Rezension aus FALTER 11/2013

Hoch die hinternationale Solidarität!

Hannes Stein prolongiert in seinem Roman "Der Komet" die Donaumonarchie

Die Deutschen haben den Krieg gewonnen, und Hitler lebt. Das ist eines der beliebtesten Szenarien des sogenannten Alternate-History-Genres. Und weil diese Konstellation mittlerweile schon etwas abgegriffen ist, hat der deutsche Journalist und Publizist Hannes Stein den Spieß quasi umgedreht: Nicht nur ist Hitler tot, er ist auch nie zum historischen Hitler geworden, sondern bloß "ein gewisser Hüttler, ein Maler von Ansichtskarten" geblieben.
Der Autor, ein gebürtiger Münchner, der als New-York-Korrespondent der Welt mittlerweile in den USA lebt, ist in Salzburg aufgewachsen. Er ist dort offensichtlich gut behandelt worden, denn am Österreichertum hat der Mann, so scheint's, einen Narren gefressen. Man muss freilich hinzufügen, dass "Der Komet" nicht die Zweite Republik zum Ausgangspunkt seiner Fiktion macht und auch nicht die Erste, sondern gleich bis in die Doppelmonarchie zurückgeht.

"I bin doch ned deppat, i fohr wieder z'haus!" In der schnöden Wirklichkeit sind dem Thronfolger Franz Ferdinand diese legendären Worte leider nie über die Lippen gekommen. Und weil er in Sarajewo nach einem zunächst missglückten Attentat eben nicht nach Hause gefahren ist, wurde er doch noch erfolgreich ermordet.
So weit lässt es der Roman nicht kommen. Der Erste Weltkrieg fällt aus und in der Folge auch der Zweite. Der "Anschluss" im Jahr 1938 findet zwar statt, aber es ist die "Heimholung" der deutsch bzw. russisch besetzten Teile Polens durch Maximilian III. Österreich bleibt Monarchie und Wien so einigermaßen der Nabel der Welt.
Das ist ein hübsches Szenario, und bei allem ironischen Augenzwinkern hat man den Eindruck, dass der Autor sein Szenario durchaus ernst meint. Der sogenannte Fortschritt, so seine Botschaft, ist den ganzen blutigen Pallawatsch nicht wert, mit dem er erkauft wird. Statt in der EU sind wir hier gleichsam im Posthistoire einer ewigen Donaumonarchie gelandet. Und es ist gut so.
"Ein Imperium, das auf dem Weg in die Zukunft jene Lahmen, Mühseligen und Beladenen nicht zurückließ, die der modernen Entwicklung hinterherhinkten. Ein schlampiges Gebilde, das aus vielen Völkern zusammengestückelt war: keine Internationale, wie die Austromarxisten sie vergeblich herbeiträumten, sondern – viel praktischer – eine Hinternationale. Reaktionär, fortschrittlich und human."
Neben einer gemütlichen Zivilisiertheit, die ihren idealtypischen Ausdruck darin findet, dass sich Psychoanalytiker, Kardinal und Oberrabbiner jeden zweiten Dienstag zum Tarockieren im Café Central treffen, manifestiert sich der Fortschritt hier noch in Reisen zum Mond, die nicht viel außergewöhnlicher sind als Interkontinentalflüge. Das Handy freilich wurde (noch) nicht erfunden.
Stein hat seinen Roman als retro-futuristischen Gegenwurf zu Hugo Bettauers bitterer Dystopie "Stadt ohne Juden" von 1922 konzipiert. Im Salon der stadtbekannten und -begehrten Schönheit Barbara Gottlieb, die sich ausgerechnet in den schüchternen und unerfahrenen Studenten Alexej von Repin verschaut, hängt ein echter Jizchak Levinsohn. In der Oper spielt man Werke von György Lukács, und die aufregendsten Filme hat ein gewisser Szczepan Szpilberg gemacht.

Auf die Dauer tendiert der Schmäh, der darauf gründet, dass es der Leser besser und der Autor sehr viel besser weiß, aber zur Halblustigkeit. Hannes Stein ist sehr belesen und gebildet – und er kann damit leider nicht hinterm Berg halten. Dutzende Exkurse werden in Fußnoten verpackt, was an sich schon etwas enervierend ist, den Autor darüber hinaus aber offensichtlich davon abgehalten hat, sich aufs Erzählen zu konzentrieren.
Die Geschichte davon, wie Dudu Gottlieb auf dem Mond zur Kenntnis nehmen muss, dass der Titelheld des Romans der Erde in sehr absehbarer Zeit den Garaus machen wird, während sich seine Gattin dort noch ahnungslos mit ihrem unerfahrenen, aber talentierten Lover vergnügt, ist jedenfalls ziemlich hanebüchen geraten. Vielleicht hätte Stein sein Projekt "Die unter- und überschätztesten Personen der Weltgeschichte" doch auslagern und nicht in den Fußnotenapparat stecken sollen. Und ganz sicher hätte der Lektor einen Satz wie diesen verhindern sollen: "In seiner Seele kochten allerhand halb gare Gedanken."

Klaus Nüchtern in FALTER 11/2013 vom 15.03.2013 (S. 19)


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