Warum die Sache schiefgeht
Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen

von Karen Duve

€ 12,40
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Verlag: Galiani Berlin ein Imprint von Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Romanhafte Biografien
Umfang: 192 Seiten
Erscheinungsdatum: 02.10.2014

Rezension aus FALTER 41/2014

Es ist kurz nach fünf Minuten vor zwölf

Ökologie: Die Erzählerin und Sachbuchautorin Karen Duve stellt der Menschheit eine düstere Prognose

Das Ende ist nah. Es braucht nur vier Worte, um sich auf das neue Buch von Karen Duve einzustimmen. Die norddeutsche Autorin mit ungewöhnlicher Laufbahn – abgebrochene Ausbildung zur Steuerinspektorin, lange Jahre Taxifahrerin in Hamburg, ab Mitte 30 erfolgreiche Romanautorin und in den letzten Jahren verstärkt als Verfasserin von Sachbüchern aktiv – legt nach ihrem Bestseller "Anständig essen. Ein Selbstversuch" (2010) einen Essay über den drohenden Kollaps der Zivilisation vor.
"Warum die Sache schiefgeht. Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen" handelt davon, wie knapp die Menschheit vor dem Zusammenbruch steht, weil es einfach nicht gelingt, mit der Ausbeutung von Ressourcen Schluss zu machen und eine wirkliche Trendwende – man kann, wie die Autorin, durchaus auch von einer "Revolution" sprechen – zu vollziehen.

Es ist kurz nach fünf Minuten vor zwölf, wenn es nach Duve geht. Und auch wenn einem das, wovon sie schreibt, naturgemäß nicht gefallen kann, muss man ihr in sehr vielen Punkten recht geben. Wenn wir ehrlich sind, wissen wir längst, dass das Aufrechterhalten unseres Lebensstils nicht ewig möglich sein wird und dass das auf Kosten unserer Kinder (oder spätestens Enkelkinder) passiert, denen wir einen geplünderten Planeten zurücklassen werden.
Doch nur zu gern sehen wir wohlhabenden Mitteleuropäer weg und lassen uns von Wirtschaft und Politik einlullen. Grundlegende Reformen bleiben aus, weil niemand in einer Machtposition zu sagen wagt, wie brenzlig es schon ist – klar, denn dann wäre er seine Position schnell wieder los. Politik und Geschäftswelt funktionieren gleich: Schnelle Gewinne zählen mehr als längerfristige Lösungen, die bedeuten würden, sich massiv einschränken zu müssen.
Was will Karen Duve mit ihrem Buch erreichen? In erster Linie will sie uns die vernebelten Augen öffnen: "Sind die Überschwemmungen noch nicht hoch genug, die Stürme nicht verheerend genug gewesen?", schreibt sie in der Einleitung. "Ist es denn völlig unerheblich, wenn der UN-Klimarat und der Club of Rome mit einer alarmierenden Studie nach der anderen darauf hinweisen, dass das Ausbleiben von konsequenten Maßnahmen – und zwar sofort, jetzt gleich, nicht erst in 20 Jahren! – die Menschheit unweigerlich in eine Katastrophe führen wird?"
Duve gibt auch gleich die Antwort darauf: "Alle, die es wissen wollen, wissen sehr gut, was da auf uns zukommt. Weiteres Wirtschaftswachstum wird nur noch sehr kurzfristig zu mehr Wohlstand führen, längerfristig aber bloß noch zu mehr Klimaerwärmung, mehr Müll, mehr Hunger, mehr Dürrekatastrophen, mehr Waldbränden und mehr Überschwemmungen. Sehr viel mehr Überschwemmungen."
Also, packen wir's an? So leicht ist es leider nicht. Im Hauptteil des Buches setzt Duve sich mit Eigenschaften von Menschen auseinander, die die schon länger notwendige Umkehr verhindern. Es handelt sich dabei blöderweise um Merkmale, die vor allem bei der Besetzung von wichtigen Positionen in Wirtschaft, Forschung oder Politik gefragt sind: Einsatzbereitschaft, Risikobereitschaft, Selbstvertrauen, Durchsetzungsvermögen.

Laut Duve sind es schlichtweg die Falschen, die den Kahn steuern und uns immer weiter in den Sumpf führen: "Man macht schließlich nicht deswegen Karriere, weil man intelligenter, kompetenter oder sozialer als andere ist, sondern weil man gemeiner, gieriger, aggressiver und schamloser ist." Und: "Was uns da seit jeher als klassische Unternehmertugend gepriesen wird, würde sich bei genauer Betrachtung aber auch für eine Verbrecherlaufbahn eignen."
Duve stellt unterschiedliche Berufszweige an den Pranger: nur an ihrem Geld und Status interessierte Börsenmakler; Physiker, die noch kurz vor Fukushima erklärten, wie minimal die Wahrscheinlichkeit von Zwischenfällen in Atomkraftwerken sei; die Bauernlobby, die dafür sorgt, dass Tiere weiter mit Antibiotika vollgepumpt werden, mit der Folge, dass immer mehr Antibiotika bei Menschen keine Wirkung mehr zeigen; oder die Pharmaindustrie, die die Antibiotika-Forschung trotzdem praktisch eingestellt hat, weil sie nicht profitabel ist.

Das ist eine erstklassige Runterzieher-Lektüre. Aber wo bleibt das Positive? Im letzten Drittel wagt Duve den Schritt zu möglichen Lösungsansätzen. Einer wäre ihres Erachtens, mehr Frauen in leitender Funktion und in Aufsichtsräten sitzen zu haben, notfalls mit einer 50-Prozent-Quote per Gesetz. Die im Untertitel erwähnten "Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen" sind nämlich bis heute großteils Männer. Nicht alle Männer seien so schlimm, schränkt Duve ein, aber die, die sich auf eine Karriere mit 16-Stunden-Tagen einließen.
Manchmal neigt die Autorin zu Schwarz-Weiß-Malerei, um die Botschaft rüberzubringen. Das geht in Ordnung. Was beim Lesen saurer aufstößt, ist der legere Umgang mit komplexen Zusammenhängen. Wenn es um den Stand der Forschung in einer bestimmten Disziplin geht, genügt Duve oft schon ein Zitat aus einem Zeitungsartikel, um Auskennertum zu signalisieren. Das ist insofern schade, als es diesen wichtigen Essay manchmal in ein etwas unseriöses Licht rückt.
Das Stilmittel der Wiederholung und Variation wendet Duve dagegen sehr geschickt an. Immer wieder bläut sie uns mit leicht abgewandelten Worten ein, was alles falsch läuft. Am Ende kann niemand behaupten, die Botschaft des Buches nicht verstanden zu haben: Das Ende ist nah.
Ganz am Schluss spielt Duve ihren Hang zu böser Ironie voll aus: "Es kann doch eigentlich nur besser werden." Nachdem der Homo sapiens ausgestorben ist.

Sebastian Fasthuber in FALTER 41/2014 vom 10.10.2014 (S. 43)


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