Ein Sonntagskind

von Jan Koneffke

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Verlag: Galiani Berlin ein Imprint von Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 592 Seiten
Erscheinungsdatum: 17.08.2015


Rezension aus FALTER 50/2015

Killer zum Knuddeln

Klug und virtuos: Autor Jan Koneffke arbeitet in einem Roman die abscheuliche Jugend seines Vaters auf
Da stirbt ein Vater. Der Sohn sortiert seine Hinterlassenschaften, und als er glaubt, nun sei alles erledigt, erreicht ihn verstörende Post. Ein Jugendfreund des Vaters schickt ihm Briefe aus den Kriegsjahren, und plötzlich erscheint der freundliche Vater in einem erschreckenden Licht: „Ich las Vaters Kriegsschilderungen mit tiefem Entsetzen.“
„Wesentlich schlimmer als seine Geschichten, unmenschlich, beklemmend und schauderhaft, war Vaters Sprache, von abscheulicher Rohheit und irrer Begeisterung. (...) Ich brachte den Jungen aus den Briefen, leichtsinnig und grimmig, nicht mit meinem Vater zusammen, diesem klugen, bescheidenen, warmherzigen Menschen.“
So ähnlich muss es Jan Koneffke ergangen sein, nachdem sein Vater, ein linker, kritischer Professor der Pädagogik, 2008 im Alter von 80 Jahren gestorben war. Damals war gerade der erste Band seiner Chronik der Familie Kannmacher erschienen, „Eine nie vergessene Geschichte“, an deren Ende bereits auch sein Vater auftritt, damals noch als jugendlich-harmloser Mitläufer der Nationalsozialisten. 2011 folgten „Die sieben Leben des Felix Kannmacher.“
Der Name Kannmacher kann als freie Übersetzung des ursprünglich polnischen Namens Koneffke durchgehen – der dritte Band, „Ein Sonntagskind“, führt nun bis in die Gegenwart, mit Konrad Kannmacher als Hauptfigur, gearbeitet nach der Biografie von Koneffkes Vater.
Ein Sonntagskind hat ihn seine Mutter genannt und dass ihm nichts passieren könne, hat er dem Sohn noch auf dem Totenbett versichert. Doch wer das Leben dieses Sonntagskinds einen dicken Roman lang verfolgt hat, für den klingen diese letzten Worte ziemlich zynisch.
1927 geboren, konnte ihn sein Vater nur im letzten Moment davon abhalten, bei der Waffen-SS zu unterschreiben. Stattdessen sollte er sich lieber für einen Offizierskurs bei der Wehrmacht bewerben – das kleinere Übel, sollte man meinen.
Im November 1944 wird er an die Ostfront abkommandiert, zum aussichtslosen Versuch, die Rote Armee zurückzudrängen und die Partisanen auszuschalten. Im zivilen Leben vorsichtig und manchmal sogar feige, verwandelt sich Konrad an der Front in einen kaltblütigen Killer.
Dass er als Angehöriger eines Sonderkommandos zum Kriegsverbrecher wird, hätte man vor dem Krieg nicht für möglich gehalten. Aber auch nach dem Krieg nicht: Kaum jemand hat etwas gesehen, und wenn es doch Spuren gab, dann verloren sie sich im Chaos des deutschen Zusammenbruchs.

Das Sonntagskind kann sich schnell zu seinen Eltern durchschlagen, die in den Westen geflohen sind. Es lässt sich zum Lehrer ausbilden und tritt eine Stelle in der Provinz an. Eine erste Ehe scheitert, aber es sind eben auch immer zu viele Frauen um ihn herum, die ihn wollen, das wird sein Leben lang so bleiben. Dass er sich in seiner Freizeit mit Kants Moralphilosophie beschäftigt, kommt niemandem verdächtig vor, seine Kriegsverbrechen sind ja sein Geheimnis. Und war nicht schon sein Großvater ein begeisterter Kantianer?
Über einen kleinen Aufsatz lernt er Jochen Moosbach kennen, einen Philosophieprofessor, der als Deserteur nach England geflohen war. Moosbach ermuntert ihn, neben der Schule ein Philosophiestudium zu beginnen, und öffnet ihm alle akademischen Wege, die zu einer Professur im sehr linken Frankfurt der 1960er führen.
Dass die Stasi doch von seinen Kriegsverbrechen Wind bekommt und ihn zu erpressen versucht, kann einem Sonntagskind nicht wirklich schaden. Er ist angekommen in der linken Mitte der Gesellschaft, und wären nicht nach seinem Tod die verhängnisvollen Briefe aufgetaucht, hätte er im Familienepos seines Sohnes vielleicht nur einen Auftritt als Nebenfigur.

Gernot Koneffke steht mit Günter Grass, den Literaturwissenschaftlern Hans Robert Jauß und Hans Schwerte und anderen linksliberalen Leitfiguren in einer Reihe. Sie alle konnten bis ins hohe Alter ihre Verwicklungen in die NS-Verbrechen verheimlichen. Ihre Biografien wurden skandalisiert, aber es braucht einen Epiker von Koneffkes Format, um die Dimensionen ihrer Lebenslügen wenigstens zu erahnen. An einer so durchschnittlichen Figur wie Konrad Kannmacher lässt sich studieren, wie sich einer zu immer höheren moralischen Risiken hinreißen lasst – hinreißen lassen muss, weil sonst die Fassade seiner bürgerlichen Existenz zusammenbrechen würde. Freilich macht es ihm die Gesellschaft auch leicht, denn die sieht nur, was sie sehen will und verkneift sich schmerzliche Fragen.

„Sonntagskind“ handelt ganz grundsätzlich von der Fragilität privater und öffentlicher Moral, die am Ende nur in einzelnen Ausnahmefiguren vom Schlage eines Jochen Moosbach eine Chance hat, ernst genommen zu werden.
Koneffke hat seine altmeisterliche Erzählkunst weiter perfektioniert, durchzieht sein üppig ausgestattetes Erzähluniversum aber ganz gezielt mit Rissen und Schrunden, bisweilen bizarren Schreibversuchen des jungen Kannmacher etwa; soll bloß keiner glauben, dieser Stoff sei aus einer archimedischen Erzählperspektive und in einem Atemzug zu bewältigen.
Historisch klug und literarisch virtuos: Wer immer noch nichts von Jan Koneffke gelesen hat, muss dies nun dringend nachholen.

Tobias Heyl in FALTER 50/2015 vom 11.12.2015 (S. 31)


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