Fräulein Nettes kurzer Sommer
Roman

von Karen Duve

€ 25,70
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Verlag: Galiani Berlin ein Imprint von Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 592 Seiten
Erscheinungsdatum: 07.09.2018


Rezension aus FALTER 41/2018

Der Maulwurf mit den Nixenaugen

Karin Duve hat einen farbenfrohen Zeit- und Charakterroman über Annette von Droste-Hülshoff geschrieben

Einen Roman, so hat man früher nicht nur die Gattung genannt, sondern auch das, wovon diese handelt: die Liebesgeschichte. Mindestens einen Roman hat auch eine deutsche Dichterin erlebt, die als Inbild des ältlichen Fräuleins gilt, obwohl sie leidenschaftlich glühende Verse geschrieben hat: Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848). Über die Tiefe ihrer späten Freundschaft mit dem 17 Jahre jüngeren Schriftsteller Levin Schücking wird in der Droste-Gemeinde trefflich gestritten. Nicht wenige brennende Gedichte des ewigen Freifräuleins sind an Frauen adressiert. Und als die Dichterin jung war, gab es ein inniges Verhältnis zu einem Mann, dem Bürgerlichen Heinrich Straube, das im Sommer 1820 auf ebenso skandalöse wie mysteriöse Weise in die Brüche ging. Die beiden sahen einander nie wieder, und die Droste blieb zeitlebens ledig.

Nun hat Karen Duve den Roman über Annettes (ersten) Roman geschrieben. „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ ist, wie das Vorwort verrät, eng an die vorhandenen Quellen angelehnt. Auf dem Fundament gesicherter Tatsachen blüht die poetische Spekulation, auch über das, was damals auf Schloss Bökerhof nahe Paderborn geschah: Es war ein kurzer Sommer, doch es ist ein langer Roman. Duve breitet zunächst die fein verzweigten Stammbaum-Äste der Geschlechter Droste-Hülshoff und Haxthausen (die mütterliche Linie) vor uns aus. Sodann widmet sie sich der Vorgeschichte der von der Droste-Forschung so genannten „Jugendkatastrophe“.

Die Annette von 1817 ist bei der ganzen Verwandtschaft als schwierig verschrien, als eine, die zu oft und zu grell lacht, die nicht Konversation macht, wie es sich gehört, sondern allzu ernsthaft und ungeniert spricht und widerspricht, auch den Herren. Karen Duve schätzt klare Worte: „Annette von Droste-Hülshoff war eine Nervensäge.“ Dass sie Verse schreibt, ginge ja noch an, dass sie aber meint, mit den dichtenden Freunden ihres nur um wenig älteren Onkels August von Haxthausen konkurrieren zu können, findet man allenthalben peinlich.

Dabei ist die Zwanzigjährige ein hässliches Entlein, aus dem kein Schwan zu werden verspricht, und überdies kurzsichtig wie ein Maulwurf. Doch nach und nach übt sie auf die jungen Männer ihrer Umgebung eine auch für sie selbst erstaunliche Wirkung aus, man bewundert ihren Geist, ihren Witz, ihr Klavierspiel und ihren Gesang und lobt ihre Haare und „Nixenaugen“.

Ganz an den Beginn stellt Duve eine Szene, die der Chronologie nach erst später kommt: die Annäherung zwischen Annette und dem wirklich hässlichen, bitterarmen Studenten Heinrich Straube, der ein Protegé Augusts ist und nicht nur bei diesem als poetisches Genie gilt. Mit einem aufgenötigten Kuss im Treibhaus hält Straube den Bund fürs Leben für besiegelt und auch sie (Annettes Sicht der Dinge wird nachgeliefert) ist sich ihrer Liebe sicher, wenngleich sie die damit einhergehenden körperlichen Sensationen gewöhnungsbedürftig findet.

Begonnen hat alles mit einem Affront: Einen „Geruch wie von einem nassen Hund“ hat sie, laut und vorlaut wie stets, dem Gast in seinem alten Flausrock coram publico bescheinigt. Zwei Jahre später ist es Straubes Freund und Kommilitone August Freiherr von Arnswaldt, der „schöne Arnswaldt“, der die beiden auseinanderbringt. Seine moralische Entrüstung entspringt verschmähter Liebe – oder gekränkter Eitelkeit.

Diese psychologischen Finessen zeichnet Duve in wiederholtem Perspektivwechsel meisterlich nach, wenn der Intrigant „am Wort“ ist, vibriert der Text vor verhaltenem Hohn. Geradezu schmerzhaft spürbar wird Annettes Eingeklemmtsein zwischen den katholischen Zielvorgaben der unerbittlichen Mutter und der milden Großmutter. Selbstironie war ihr nicht fremd; in den „Szenen aus Hülshoff“ lässt sie ihren Bruder sagen: „Nenn’ sie Hexe und Kokette, / Aber nur nicht kleine Nette!“ Wer so zwischen Hybris und Demut schwankt, tut sich schwer mit einem gesunden Selbstbewusstsein.

Karen Duve, zuletzt mit einem Pamphletroman („Macht“) hervorgetreten, hat nicht nur eine formidable Charakterstudie, sondern auch ein farbenfrohes Milieu- und Zeitporträt gezeichnet. Ihr Blick auf die Marotten des westfälischen Adels wie der krawall- und trunksüchtigen Göttinger Studentenschaft vermittelt so etwas wie großzügige Ironie, mit der sie auch die Prominenz, die Brüder Grimm, Hoffmann von Fallersleben, Brentano oder Heine, nicht verschont. Dass sie in der deutschen Romantik ganz und gar zu Hause ist, zeigt sich am politischen Diskurs, aber auch am prächtigen Alltagskolorit und vielen Realien.

Duves sehr heutige Erzählstimme verleugnet dabei nicht die Distanz zum Berichteten: „Drehen wir die Uhren auf das Jahr 1817. Es dürfte sich dabei um Taschenuhren handeln. Die Armbanduhr war zwar bereits erfunden, konnte sich aber erst im 20. Jahrhundert durchsetzen.“ In den Dialogen aber stören die Anachronismen („mein Nettchen schafft das“) denn doch. Und die zahlreichen Kutschfahrten auf verschlammten Wegen, die nicht enden wollenden studentischen und familiären Dispute über die Fragen der Zeit hätten eine kräftige Kürzung vertragen.

Dennoch ist dieses Buch einer Bestsellerautorin eine mehr als artige Verbeugung vor der überlebensgroßen Gestalt der Anna Freiin von Droste zu Hülshoff, die sich einst schwor, „nie auf den Effekt zu arbeiten“: „Ich mag und will jetzt nicht berühmt werden, aber nach hundert Jahren möcht ich gelesen werden, und vielleicht gelingt’s mir, da es im Grunde so leicht ist, wie Kolumbus Kunststück mit dem Ei.“

Daniela Strigl in FALTER 41/2018 vom 12.10.2018 (S. 18)


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