Sisi

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Kurzbeschreibung des Verlags:



Karen Duves großer Roman über Sisi – zwischen Zwang und Freiheit. Bis ins kleinste Detail recherchiert und gnadenlos seziert: Karen Duve über eine Kaiserin, die ihrer Zeit oft weit voraus war und trotzdem bis heute unterschätzt wird.

Als Elisabeth (Sisi) durch Heirat zur Kaiserin von Österreich wird, betritt sie eine streng geordnete Welt voll steifer Konventionen und langweiliger Empfänge. Ausbrechen kann sie nur auf ausgedehnten Reisen und bei Aufenthalten auf ihrem ungarischen Schloss Gödöllö. Dort kann sie ungezwungen leben und ihrer größten Leidenschaft nachgehen: wilden Reitjagden. Kein Wassergraben ist der Kaiserin zu breit, kein Hindernis zu gefährlich – Sisi gehört zu den besten und tollkühnsten Reiterinnen ihrer Zeit. Der legendäre Jagd- und Rennreiter Bay Middleton bewundert die Kaiserin nicht nur für ihr reiterliches Können.
Bei einem Aufenthalt auf Gödöllö lädt Sisi ihre reit- und fechtkundige Nichte Marie Wallersee zu sich ein. Als Tochter einer Schauspielerin ist Marie eigentlich nicht standesgemäß, aber Sisi sieht in ihr ein freieres zweites Selbst und macht sie zur engen Vertrauten. Die 18-jährige Marie erliegt schnell dem Charme der kaiserlichen Tante und assistiert ihr nur allzu gerne, wenn diese die leidenschaftliche Reiterin und Femme fatale gibt. Doch bald wirkt auch Marie anziehend auf andere, besonders auf die männlichen Adligen.
Sisi, daran gewöhnt im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, sieht sich nach einem Ehemann für die lästige Konkurrenz um und beginnt ein intrigantes Spiel aus Verführung und Verrat.

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FALTER-Rezension

"Ich hätte ihr nicht begegnen mögen"

Kaiserinnenfieber ohne Ende: Nach Marie Kreutzers angehipstertem Biopic und knapp vor Start der Netflix-Serie (29. 9.) schiebt sich noch die deutsche Schriftstellerin Karen Duve mit ihrem akribisch recherchierten Roman "Sisi" dazwischen. Ein Zeitgeistphänomen? "Zufall", sagt Duve im Interview. Denn ursprünglich hätte es gar nicht um die mythenumsponnene und legendenumrankte Monarchin gehen sollen. Die leidenschaftliche Reiterin Duve wollte schlicht ein Buch über ihre Pferdepassion schreiben, musste freilich feststellen, dass auch andere auf das Thema gestoßen und schneller gewesen waren -unter anderen ihre Kollegin Juli Zeh. Also sattelte Duve auf einen historischen Roman um, in dessen Mittelpunkt ein alter Rittmeister hätte stehen sollen -eine Idee, die sich als nicht sonderlich ergiebig erwies. So landete die Autorin sehr bald bei der berühmtesten Reiterin des 19. Jahrhunderts, deren Biografie und Lebensumstände sich nicht allzu überraschend als überaus ergiebig erwiesen.
Falter: Frau Duve, wissen Sie noch, wo Sie waren, als Lady Di verunglückt ist?

Karen Duve: Ja, in der Wohnung meines damaligen Freundes. Wir sind dann zu einem See gefahren, wo eine Art Triathlon stattfand, und einer der Teilnehmer hatte sich so eine schwarze Schleife um den Arm gebunden, was mich geärgert hat, weil ich wirklich bestürzt war und die Geste aufgesetzt fand. Wie kommen Sie auf die Frage?

Die Kaiserliche Wagenburg bewirbt Sisi als "Lady Diana des 19. Jahrhunderts". Das ist nicht ganz daneben, oder?

Duve: Ja, es gibt ein paar deutliche Parallelen. Zum Beispiel die Angst vor den Paparazzi. Wobei Kaiserin Elisabeth das von Anfang an nicht aushalten konnte, während es bei Lady Di eher so war, dass sie das erst bedient hat und dann die Geister, die sie gerufen hatte, nicht wieder loswerden konnte. Und in beiden Fällen gab es halt den Reitlehrer. Wobei der von Sisi, Captain Middleton, tatsächlich über drei Ecken mit der jetzigen Princess of Wales, Catherine "Kate" Middleton, verwandt ist.

Essgestört waren auch beide.

Duve: Lady Di wohl tatsächlich, wohingegen Elisabeth einfach ungeheuer diszipliniert war. Dass sie sich dreimal am Tag gewogen hat, hatte auch was Krankhaftes, aber es ist ihr nicht entglitten, wie das normalerweise bei Magersüchtigen passiert. Sie hat abgenommen, zwischendurch aber auch normal gegessen; es war nur ganz klar: über 50 Kilo geht nicht!

Wie erklären Sie sich das "Phänomen Sisi"? Sie ist immer noch Projektionsfläche, nicht bloß für sentimentale Nostalgiker, sondern auch für ein junges, feministisch aufgeklärtes Publikum?

Duve: Die Kaiserin Elisabeth eignet sich ganz besonders als Projektionsfläche. Zum einen, weil sie eine Rollenverweigerin war. Eine Frau, die sich rigoros den Erwartungen ihres Ehemannes und der gesamten guten Gesellschaft verweigert, ist auch heute noch selten. Dann hat sie mit Sport und Diäten den heutigen Lebensstil vorweggenommen, so dass sich auch gnadenlos angepasste Schlankheitsfanatikerinnen über eine Identifikation mit Sisi rebellisch vorkommen können. Und zum Dritten bestand ihr schillerndes Wesen aus so vielen -teils widersprüchlichen -Facetten, dass für jeden und jede etwas dabei ist: die Rebellin, die Extremsportlerin, die Melancholikerin, die Romantikerin, die Unterdrückte, die liebende Gattin, die enttäuschte Gattin, die liebende Mutter, die Rabenmutter, der süße Sissi-Fratz, die Femme fatale, die unnahbare Kaiserin. Dass sie außerordentlich schön gewesen ist und ein wenig rätselhaft, schadet sicher auch nicht.

Die Handlung Ihres Romans beschränkt sich auf acht Jahre. Wieso?

Duve: Ich hatte zunächst mit Sisis Kindheit angefangen, bis ich irgendwann gemerkt habe, dass ich mich entscheiden muss, ob ich es breit anlegen möchte oder stärker fokussieren will. Und die Jahre von 1874 bis 1882 sind gerade in Hinblick auf das Thema Reiten besonders ergiebig.

Das ist so ziemlich die gleiche Zeit, in der auch der Film "Corsage" spielt.

Duve: Ja, da bin ich zunächst auch etwas erschrocken. Es liegt aber auch daran, dass dieser Abschnitt bislang ein bisschen stiefmütterlich behandelt worden ist: Es gab keine großen politischen Ereignisse und auch privat nichts so Dramatisches wie ihre Hochzeit oder den Selbstmord ihres Sohnes. Es ist allerdings genau die Zeit, in der die schönste Frau der Welt anfängt, zu altern, und alles, worauf sich ihr ganzes Selbstbewusstsein gründet, ins Wanken gerät.

Und wo kommen jetzt die Pferde ins Spiel?

Duve: 1875 ist Ferdinand der Gütige gestorben (Amtsvorgänger und Onkel von Kaiser Franz Joseph, seiner Handlungsschwäche wegen auch "Gütinand der Fertige" genannt, Red.), und Franz Joseph hat geerbt. Für kaiserliche Verhältnisse war der Fortsetzung nächste Seite davor etwas knapp. Für richtige Klassepferde, wie Elisabeth sie sich für die Jagden in England gewünscht hätte, hat es jedenfalls nicht gereicht.

Können Sie mir bitte einmal erklären, was es mit dieser ganzen Reiterei überhaupt auf sich hat?

Duve: Das ist schon eine tolle Sache, und die hat mit Beziehung zu tun: Man muss mit einer Spezies kommunizieren, die vollkommen anders funktioniert als man selbst. Das Pferd muss ein bisschen mehr Mensch werden und der Mensch ein bisschen mehr Pferd. Sisi hatte wohl ein besonderes Händchen dafür und konnte sehr, sehr gut mit Pferden, hat die zugleich aber auch ganz rücksichtslos verbraucht: Aus heutiger Sicht ist es erschreckend, wie sie mit den Pferden umgegangen ist.

Das war aber schon ein Hobby für Eliten?

Duve: Nicht schon immer. Anfang, Mitte des 19. Jahrhunderts sind da auch noch der Dorflehrer und der Pfarrer auf ihren Gäulen mitgeritten. Als sich dann aber so richtig reiche Leute wie etwa die Rothschilds in Buckinghamshire ansiedelten, haben die ihr eigenes Gestüt mitgebracht. Das waren Pferde von einer Qualität, die am Grand National, dem berühmtesten Pferderennen des Vereinigten Königreichs, teilnehmen hätten können und das teilweise auch getan haben. Mit denen wurden dann plötzlich ganz andere Hindernisse genommen. Und ab diesem Zeitpunkt konnten dann eben nur noch Menschen mithalten, die ebenfalls über solche Pferde verfügten.

Und Elisabeth konnte?

Duve: Na gut, die ist quasi im eigenen Lehnstuhl verreist, hatte ihren Salonwagen, ihre Klamotten, ihr Fitnessstudio und die gesamte Dienerschaft dabei. Und natürlich wurden auch die Pferde alle eingepackt. Dann musste sie aber in England feststellen, dass das zwar die besten Pferde Europas, aber nicht für diese Art von Gelände geeignet waren. Und dann musste sie halt noch mal neu einkaufen, was sie sich nach der Erbschaft auch leisten konnte.

Wie kam es eigentlich, dass die Passion für Pferde so ein Mädchending wurde?

Duve: Das ist wie mit dem Töpfern: Das war zunächst reine Frauensache, dann wurde es zu einem gewinnbringenden Handwerk und geriet in Männerhand, und als man Tonwaren in den Fabriken billiger herstellen konnte, war es schon wieder was für Frauen auf der Volkshochschule. Sobald man mit Pferden nicht mehr so viel Geld verdient hat, wurden die auch für Frauen frei.

Also eine rein ökonomische Angelegenheit?

Duve: Nein, man braucht dafür auch unheimlich viel Geduld. Mit einem Motorrad kann ich sofort losfahren und es ist auch lauter. Also mehr etwas für Jungs. Was all die Motorradfahrer aber nicht kennen - und das sage ich als jemand, der selbst ein Motorrad hat -, ist dieser fantastische Moment, in dem ein am Geschwindigkeitslimit dahinrasendes Pferd einen inneren Hebel umlegt, plötzlich noch schneller wird und dabei ganz mühelos und ohne jede Erschütterung dahinfliegt. Da kommt Motorradfahren einfach nicht ran.

Das wäre dann analog zum "Runner's High" das "Rider's High"?

Duve: Das High hat das Pferd, aber man darf das miterleben. Das ist etwas, was nahe an das Fliegen rankommt, und zwar an das Fliegen, das man im Traum erlebt, an diese Art von Freiheitsgefühl.

In der Bibliografie zu Ihrem Roman sind 84 Bücher aufgeführt. Wie geht man mit so einer gewaltigen Materialmenge um?

Duve: Die großen Biografien von Conte Corti und Brigitte Hamann umfassen ja das ganze Leben und können nicht in die Tiefe gehen. Daneben gibt es aber ganz viele Bücher, die sich auf Einzelaspekte wie Sisi als Reiterin oder deren Diäten konzentrieren. Wenn man die wie Folien übereinanderlegt, erschließen sich ganz neue Dimensionen.

Welche?

Duve: Nach Auffassung der meisten Biografien ist es nachgerade ausgeschlossen, dass Sisi je fremdgegangen ist, weil das in ihrer Position gar nicht möglich gewesen wäre und sie außerdem frigide gewesen sei. Dazu muss ich aber sagen: Wenn es irgendwo möglich gewesen wäre, dann bei diesen englischen Reitausflügen, auf denen übrigens sehr viele fremdgegangen sind. Und dass Sisi das sexuelle Interesse an ihrem Mann verloren hat, stimmt zwar, aber sie hat ihn früher einmal sehr geliebt. Das kann man sogar ihren späten Gedichten entnehmen, die durchaus nahelegen, dass sie einmal eine erfüllte Sexualität hatte. Die Theorie von ihrer Frigidität wird jedenfalls nirgends schlüssig belegt.

Ihr Roman zeigt, wie Sisi ihre Nichte Marie Louise nach dem eigenen Vorbild modelliert und schließlich kaltherzig am Heiratsmarkt verschachert. Sie muss schon eine stark manipulative Ader gehabt haben?

Duve: Das glaube ich auch. Allerdings war für Marie Louise als Tochter einer bürgerlichen Mutter ein reicher Graf schon ein Hauptgewinn! Sisi selber hat darunter, dass 15-jährige Mädchen nach dynastischen Kriterien verheiratet werden, sehr gelitten, ist dann mit ihrer eigenen Nichte aber genauso gnadenlos umgegangen. Sie hat auf der einen Seite ziemlich moderne und liberale Auffassungen, handelt aber auf der anderen Seite genau, wie man das von der Kaiserin erwarten darf, die von ihren Bediensteten jeden Morgen mit dem Satz "Ich lege mich zu Füßen Eurer Majestät" begrüßt wird.

Eine von Ihnen war Sisis Hofdame Gräfin Marie Festetics de Tolna, zu der sie möglicherweise auch ein lesbisches Verhältnis unterhielt. Ist da was dran?

Duve: Es gibt bei der Festetics kurze Momente des Aufbegehrens, aber im Grunde ist sie völlig verstrahlt und bezuckert von ihrer "Herrin", wie sie sie auch nennt. Herrinnendienst geht noch vor Gottesdienst! Aber wenn sie mehrere Ehen ausgeschlagen hat, um ihrer Herrin zu dienen, dann ist das schon auch aus freien Stücken geschehen. Das Leben mit Kaiserin Elisabeth war vermutlich sehr, sehr anstrengend, aber es war gewiss nicht langweilig. Ein lesbisches Verhältnis wird ihr auch eher zu ihrer Vorleserin Ida Ferenczy angedichtet. Dazu kann ich nichts sagen. Ich war nicht dabei.

Sowohl in Ihrem Roman als auch in "Corsage" spielt dieses hyperloyale Trio von Friseuse, Vorleserin und Hofdame eine wichtige Rolle: Feifalik, Ferenczy und Festetics.

Duve: Ja, das klingt schon ein bisschen wie Fix & Foxi, und die waren ihr auch alle verfallen.

Wären Sie auch gefährdet gewesen?

Duve: Elisabeth hat eine große Anziehungskraft auf mich, aber ich hätte ihr im echten Leben nicht begegnen mögen.

Weil sie einfach keine sonderlich sympathische Person war?

Duve: Sie war eine richtige Diva, und wenn man sie auftragsgemäß bewundert hat, ist man mit ihr vermutlich hervorragend ausgekommen, aber wohl nicht wirklich nahe gekommen.

Nur mit der Ferenczy war sie per Du.

Duve: Ja, die Ferenczy ist sehr früh in Sisis Dienste getreten, was ein bisschen dubios ist, weil sie gar nicht über den entsprechenden Status verfügte. Die war dann halt "Frau von Ferenczy" - mehr war nicht drin. Die beiden waren sehr eng miteinander, was nicht für eine sexuelle Beziehung sprechen muss, aber auch nicht dagegen. Aus den Briefen wurden jedenfalls alle Stellen, die man für die Nachwelt nicht geeignet hielt, getilgt. Es sind ja auch einige von Sisis Gedichten im Safe einer Schweizer Bank verschwunden, der erst 1950 geöffnet wurde. Und so, wie ihre Familie darin vorkommt, kann man das auch verstehen. Wenn man die eigene Tochter in einem Gedicht, das für die Nachwelt gedacht ist, als "rackerdürre Sau" bezeichnet, ist das schon bitter und macht es einem sehr schwer, Sisi noch lieb zu haben.

Das ist noch freundlich formuliert.

Duve: In dieser Familie stand emotional allen das Wasser bis zum Hals. Am wenigsten vielleicht noch Kaiser Franz Joseph, der auch kein schönes Leben hatte, aber sich an seiner eigenen Würde festhielt.

Ist es ungerecht, dass der als brutaler Langweiler gilt?

Duve: (Lange Pause ...)

Sie dürfen das ruhig bestätigen!

Duve: Ich fürchte, er war es tatsächlich. Elisabeths Kosename für ihn war "ponty", das ungarische Wort für Karpfen.

Klaus Nüchtern in Falter 38/2022 vom 23.09.2022 (S. 28)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783869712109
Ausgabe 1. Auflage
Erscheinungsdatum 22.09.2022
Umfang 416 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Galiani Berlin ein Imprint von Kiepenheuer & Witsch
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