Die ältesten Lebewesen der Erde

von Rachel Sussman

€ 49,00
Derzeit nicht lieferbar

Übersetzung: Ulrike Becker
Empf. Lesealter: ab 16 Jahre
Verlag: Bastei Lübbe
Format: Hardcover
Genre: Reisen/Bildbände
Umfang: 320 Seiten
Erscheinungsdatum: 12.11.2015


Rezension aus FALTER 41/2015

Vorchristliche Koralle, Yuccapalme und Zypresse

Kunst: Die amerikanische Künstlerin Rachel Sussmann hat Lebewesen fotografiert, die tausende Jahre alt sind



Mit ihrer Leidenschaft für Bäume, Flechten und Bakterien folgt die Fotografin Rachel Sussman einer naturwissenschaftlichen Tradition, die an oberster Stelle ästhetischen Rückhalt findet: Hans Ulrich Obrist, einer der derzeit wichtigsten Kuratoren bildender Kunst, hat das Vorwort zu dem visuell und erzählerisch überbordenden Fotoband geschrieben.

Sussmann ist nicht wohlhabend, merkt sie beiläufig in ihrem einleitenden Text an. Mit diesem sehr persönlichen „Geständnis“ will die in Brooklyn, New York lebende Künstlerin, Jahrgang 1975, die bereits wichtige Stipendien und Unterstützer für sich gewinnen konnte, jenen Kontrast unterstreichen, den Künstler erleben, die in wichtigen Medien groß herausgebracht werden und ihre Miete dennoch nicht bezahlen können.

Dieses Narrativ der künstlerischen Produktionsbedingungen setzt Sussmann in den 320 Seiten von „Die ältesten Lebewesen der Erde“ konsequent um, ohne dabei allzu wehleidig oder kokett zu wirken.



Auf der Suche nach einer künstlerischen Position ist sie bei der Naturwissenschaft gelandet und hat wenige Koordinaten festgemacht, um ihr Vorhaben zu einem funktionierenden Konzept zu verdichten. Es sollten Lebewesen sein, die seit mindestens 2000 Jahren leben, ob im Wasser oder auf dem Land.

Sie nahm sich alle Kontinente vor, setzte sich intensiv mit den jeweiligen Dendrochronologen, die das Alter von Bäumen bestimmen, Botanikern und Meeresbiologen auseinander, um jene Organismen aufzuspüren, für die Zeit eine andere Bedeutung zu haben scheint und die an Orten wachsen, wo sonst wenig Zivilisation zu finden ist: die 12.000 Jahre alte Yucca-Palme in der Mojave-Wüste, die 2000 Jahre alte Hirnkoralle in Tobago, die 9550 Jahre alte Fichte in Schweden oder die 2000 Jahre alte Welwitschie in Namibia, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Als Perspektive wählt sie in der Regel die frontale Ansicht. Manchmal variiert sie mit verschiedenen Distanzen, um, wie sie sagt, „das Wesen des Organismus“ einzufangen.

Das hat zwar einen essenzialistischen Nimbus, driftet visuell jedoch nur dort ins Pathetische, wo es ausdrücklich gewollt ist.



Die Struktur des Bandes ist nach Kontinenten aufgebaut. Und Sussmann bettet mit einem essayistischen Text die Fotos in jene Abenteuer ein, die sie bei ihrer künstlerischen Forschungsarbeit erlebt hat.

Sie hat sich zum Teil die Sprache der Forscher angeeignet und verwendet sie stringent, jedoch so, dass auch bei Laien die Lust am Verstehenwollen erhalten bleibt. Sie sägt mit größter Leichtigkeit am Elfenbeinturm der Wissenschaftler und nimmt sich die Freiheit, ihre eigene Persönlichkeit miteinzuflechten.

Das ist über weite Teile charmant, funktioniert jedoch nicht immer. Das Narrativ der schwierigen Produktionsbedingungen enthält zum Teil sehr persönliche Geschichten. So erfährt man, dass Sussman sich auf einer der Reisen zu den ältesten Lebewesen von ihrem Lebensgefährten getrennt hat.

Der Bruch ihres Handgelenks in einem Tempel auf Sri Lanka, wo sie die Pappelfeige Sri Maha Bodhi fotografieren wollte, unter deren Abkömmling Siddhārta Gautama Erleuchtung gefunden haben soll, ist für sie Anlass, das Verhältnis zu ihrem Vater zu erläutern. Ein Missverständnis in der Einöde von Grönland, das eine mehrstündige Verirrung zur Folge hat, löst eine existenzielle Krise aus, über die sie mit Suspense schreibt.



Was manchmal als ein Zuviel daherkommt, ist charmantes Kalkül: Würde man sonst als Laie über Pathogene, über Koryphäen der Borstenkieferforschung oder über das Kooperationsverhalten von Mykorrhiza lesen wollen? Als Gegenpol zum avancierten Infotainment mit biografischen Bezügen wirken die sehr reduzierten Infografiken, die das Linnésche System übersichtlich demonstrieren oder abstrakte Urgeschichte rekonstruieren.

Auch wenn Zivilisation in ihren Erzählungen weit weg zu sein scheint, so sind die Lebewesen dennoch absurden Gefahren ausgesetzt. Etwa Menschen, die im hohlen Inneren des „Kastanienbaums der 100 Pferde“ auf Sizilien auf die Idee kommen, Würstel zu grillen Immer wieder ist von Menschen auf Drogen die Rede, die in der Natur ihr Heil suchen und im Rausch tausende Jahre alte Bäume beschädigen, wie den „Senator“, eine Aufrechte Sumpfzypresse in Florida, die nach 3500 Jahren von einem Menschen auf Crystal Meth abgefackelt wurde.

Souvenirjägern, die ein Stück „vorchristliches“ Holz, zum Beispiel vom Jōmon Sugi, einer bis zu 7000 Jahre alten Sicheltanne in Yakushima, stehlen möchten, kommt man in Japan bereits mit moderner Technik bei: Überwachungskameras.

Marianne Schreck in FALTER 41/2015 vom 09.10.2015 (S. 50)


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