Kursbuch 141
Das gelobte Land

von Karl Markus Michel

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Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 42/2000

Man muss nur eine Stunde österreichisches Nationalfernsehen anschauen, mit Unterhaltungssendungen, in denen der Ladenpreis österreichischer Produkte erraten wird, um zu ahnen, wie weit wir uns geöffnet, gelockert und gewandelt haben." An einer einzigen Stelle bemüht der Berliner Theaterautor Thomas Oberender in seinem Beitrag zum "Kursbuch 141: Das gelobte Land" den Vergleich zum südöstlichen Nachbarn; deutlicher wird er, sobald er sich ganz auf den Gegenstand seiner Betrachtung konzentriert: "In Deutschland zu leben, ist heute angenehm, weil Deutschland in Deutschland kaum noch vorkommt. Und wenn es vorkommt, so eher als aggressive Bescheidenheit, aggressive Unscheinbarkeit, aggressive Selbstverleugnung." Da schwingt noch einiges von der bewährten, kritischen Distanz zur "problematischen Heimat" mit, doch fällt Oberenders Urteil insgesamt ziemlich positiv aus: eben angenehm, offen, locker - normal.
Auch die 15 anderen Autoren des Sammelbandes ergehen sich nicht in den hierzulande so beliebten Abgrenzungen und Vergleichen. Die Entwicklung der Bundesrepublik bietet Stoff genug, von den Gründungsmythen über 1968 und 1989 bis hin zur mutmaßlichen "Berliner Republik".
"Ach Deutschland!", ruft etwa Hans Magnus Enzensberger aus und ringt sich sogar dazu durch, einige Vorzüge des Landes aufzuzählen: "Die fantastische Auswahl an rohen und gekochten Schinken, die stets geöffneten Tankstellen, der brave Buchhändler an der Ecke, der wild blühende Frauenschuh und die jederzeit erreichbare Telefonseelsorge." Immerhin.
Ähnlich wohlwollend-zurückhaltend ist auch der Tenor der anderen Autoren, darunter etwa der Politologe Claus Leggewie, der grüne Landespolitiker Rupert von Plottnitz, die FAZ-Journalistin Regina Mönch oder ihr Kollege von der Zeit, Jörg Lau, der erläutert, warum er "dann fast doch noch zum Patrioten werden" könnte. Seine Gründe dafür sind jedenfalls deutlich schlüssiger als diejenigen, die österreichische Politiker aller Parteien noch vor kurzem für den nationalen Schulterschluss bemühten. Allein deswegen lohnt es sich auch in Österreich, den Band zu lesen.Typisch deutsch. Wie deutsch sind die Deutschen?", fragt der Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger in seinem neuen Buch und geht dabei - typisch deutsch? - ziemlich gründlich vor: Bevor er mutmaßliche nationale Eigenheiten auf Herz und Nieren prüft, wird erst einmal ausführlich der "Sinn und Unsinn von Typisierungen" diskutiert, zwischen den eigenen und den fremden Klischees unterschieden und mit dem Vorurteil aufgeräumt, dass hinter den Vorurteilen eine formulierbare Wirklichkeit stecke.
Dann erst gehts ans Eingemachte: Die Sandburg, die Ordnung, das Eisbein, die Gemütlichkeit, der Humor, aber auch abstrakte nationale Symbole wie "Deutsche Farben, deutsche Hymnen" stehen auf Bausingers Prüfstand - und halten zwar nicht nichts, aber doch ziemlich wenig aus.
Ganz ohne Statistiken lässt sich dabei natürlich nicht auskommen; trocken wird die Lektüre dennoch nie, denn Bausinger verlässt sich eher darauf, seine Betrachtungen historisch einzubinden. So wird die Frage nach dem "typisch Deutschen" vor allem zu einem Schnellkurs in besonders prägnanten Situationen der deutschen Geschichte.Und noch ein Buch sollte in Österreich zur Kenntnis genommen werden. Hier, wo man gerne glaubt, die Powidlkolatsche oder die Liwanze erfunden zu haben, müsste man sich eigentlich mit der abschätzigen Beurteilung fremder "Nationalküchen" sehr zurückhalten. Dass beispielsweise die deutsche Küche aus sehr viel mehr als Eisbein und Sauerkraut besteht, das beweist der vom Magazin der Süddeutschen Zeitung mitherausgegebene Band "Mit 100 Sachen durch die deutsche Küche".
Hundert Promis stellen darin ihre deutschen Kultspeisen vor - von der Szene-Schickse Jenny Elvers (Kaviar: "Man braucht ihn nicht warm machen. Man muss nur irgendwie die Dose aufkriegen") über den Kabarettisten Gerhard Polt (Gegrilltes: "Eine lupenreine Sache") und den Weinkenner Stuart Pigott (Saumagen: "Genusswunder") bis hin zum Bundeskanzler. Der steht auf Currywurst. "Ist doch toll, oder?"

Carsten Fastner in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 24)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Typisch deutsch (Hermann Bausinger)
Mit 100 Sachen durch die deutsche Küche (Süddeutsche Zeitung)

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