Alles über Beziehungen

von Doris Knecht

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Verlag: Rowohlt Berlin
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 288 Seiten Seiten
Erscheinungsdatum: 10.03.2017

Viktor ist ein Mann mit durchschnittlichen Problemen: Er wird demnächst fünfzig, er hat hohen Blutdruck, fünf Kinder, zwei Exfrauen und eine Lebensgefährtin, die nicht immer so glücklich wie er selbst damit ist, dass er gerade Festival-Intendant wurde. Und er hat eine heimliche Leidenschaft: noch mehr Frauen. Viktor fühlt sich interessant und wie scharf gestellt durch die Frauen, mit denen er Sex hat: Josi und Helen, Anja, Camille, Lisbeth und noch ein paar andere. Die Frauen wiederum haben ihre eigenen Geschichten und entsprechende Gründe, warum sie sich mit einem wie Viktor einlassen – oder auch nicht mehr. Magda, seine Lebenspartnerin, die endlich geheiratet werden will, ahnt davon nichts, und so schwebt über allem eine große Bedrohung: dass Viktor auffliegt und all seine schönen Rechtfertigungen und feinen Begrifflichkeiten von Treue, Komplizenschaft und Loyalität gleich mit. Denn: Was ist das, Treue? Ist jedes Fremdgehen auch ein Betrug? Und: Existiert etwas Derartiges wie eine perfekte, glückliche, ehrliche Beziehung überhaupt?
Doris Knecht erzählt furchtlos, manchmal frivol, stets aber extrem unterhaltsam von Viktor und den Frauen – und verrät im mitreißenden Knecht-Sound nebenher viel darüber, wie moderne Menschen lieben und was passiert, wenn sie damit aufhören. Doris Knecht, geboren in Vorarlberg, ist Kolumnistin ('Kurier', 'Falter') und Schriftstellerin. Ihr erster Roman, 'Gruber geht' (2011), war für den Deutschen Buchpreis nominiert und wurde fürs Kino verfilmt. Für 'Besser' (2013) erhielt sie den Buchpreis der Stiftung Ravensburger Verlag. Zuletzt erschien ihr vielgelobter Roman 'Wald' (2015). Doris Knecht lebt in Wien und im Waldviertel.

Rezension aus FALTER 11/2017

„Knutschen, lecken, ficken, reden“

Schön ist er ja nicht, eher unscheinbar und durchschnittlich. Nicht übermäßig groß, Arme und Beine leicht ­defizitär bemuskelt, das Wohlstandswamperl grüßt die bis zum Nacken reichende Denkerstirn. Auf seinen 50er geht er auch schon zu, der Herr Viktor, und zwar ziemlich ­kurzatmig und mit zu hohem Blutdruck. Die Zigaretten, der Alkohol, der Stress.
Aber er kann es mit den Frauen. Da wäre einmal die Eine, die Offizielle, Lebenspartnerin und Mutter seiner Töchter Nummer drei, vier und fünf: Magda. Schupft souverän die Kinder, den Haushalt und den Schrebergarten und dirigiert nebenbei auch noch ein kleines Putzfrauenimperium, das mehr Geld einbringt als Viktors Posten als Intendant eines zweitrangigen Wiener Theaterfestivals.
Dann gibt es noch Josi, die junge, unkomplizierte Meeresbiologin, die eigentlich immer für eine schnelle Nummer zu haben ist. Helen, die taffe Anwältin, ist ­eigentlich mit Viktors Freund Paul zusammen und genauso eigentlich mit Magda befreundet. Lisbeth, Josis Schwester, mit ihren langen, steifen Nippeln und ihrer muskulösen Möse. Und Nora, die Künstlerin. Und Camille, die Tänzerin. Und, und, und.
„Alles über Beziehungen“ heißt der neue, der vierte Roman von Doris Knecht, und es ist das Dossier der Sexaffären von Viktor Kirchner, das die gebürtige Vorarlbergerin hier detailliert ausbreitet. „Knutschen, lecken, ficken, reden“, und das in einer guten Stunde, anderthalb: Das kann Viktor ziemlich gut.

Was will frau also mehr? Meistens eh nichts. Als Liebhaber perfekt, als Partner unvorstellbar: So schätzt nicht nur Josi ihren Viktor ein. Aber auch Viktor will von seinen Affären um Gottes Willen nicht mehr als schnellen, unkomplizierten Sex. Als die gefühlige Lisbeth sich von ihrem Freund trennt, klingeln beim Don Juan der Donaustadt die Alarmglocken. Zu Recht, wie sich am Ende des Romans herausstellt.
Tut eine Affäre einer Partnerschaft wirklich nur schlecht? Nicht immer. Aber manchmal halt schon: wenn die Sache auffliegt. Überhaupt ist alles so komplex. Und damit es das auch für den Leser wird, schildert Knecht die ganzen Verwerfungen nicht nur aus der Perspektive der männlichen Hauptfigur, sondern auch aus der von Josi, Helen, Magda und Lisbeth. So entsteht – vor dem ein bissi klischeehaft gezeichneten Hintergrund des saturierten Wiener Künstlermilieus – ein komplexes Panorama der amourösen und sexuellen Dependenzen.
Dieses beinhaltet nur wenig No-na-Behauptungen (etwa: der Alltag ruiniert Beziehungen), einige platte, aber witzige Sager (Männer sind vor dem Vögeln verliebt, Frauen danach) und weibliche Gesprächscharakteristika („Zuerst verschwiegen sie, dann deuteten sie an, dann redeten sie, dann tratschten sie“). Knecht zeichnet die Linksschickeria als relativ reaktionären Haufen: Die Männer saufen, koksen und vögeln die Nächte durch, alles kein Problem. Aber wenn eine verheiratete Frau einmal was mit einem Bekannten anfängt, dann trifft sie der gesellschaftliche Bannstrahl. Und das als Dank dafür, dass die Frauen ihre Familien tipptopp im Griff haben, patent sind und ihre schwanzgesteuerten, dauersaufenden Ehegatten sachte in Richtung fleischlose Küche und körperliche Hygiene schubsen.
„Wie schaffen es die anderen?“, fragt sich die verzweifelte Magda am Schluss. Halt auch irgendwie.
Wie Doris Knecht war auch Simone Meier Redakteurin beim Zürcher Tagesanzeiger, wie Knecht hat Meier dieser Tage einen Roman veröffentlicht, der sich um Beziehungen dreht. Zu Beginn von „Fleisch“ sehen wir die Kulturbeamtin Anna und den Lehrer Max gefangen „in der leidenschaftslosesten Langzeitaffäre“, die Letzterer je erlebt hat. Der Sex der beiden Frühmittevierziger ist „irgendwie gar nichts“, Anna kommt nicht, Max schon – was Anna aber nicht groß stört. Denn Anna sieht und bezeichnet Max eh als ihren „Begleitfreund“, und als Max klar wird, dass sie beide nicht viel mehr sind als „die Darsteller eines Beziehungsfragments“, beginnt er sich auch prompt zu entlieben.
Wie praktisch, dass ihm im Rotlichtbezirk der Großstadt, in der Anna lebt, die kleine, wohlgeformte Sue über den Weg läuft, die Max’ Herz wieder aus dem Dauerfrost befreit. Sue ist zwar lesbisch und keine Prostituierte, schläft aber trotzdem einmal wöchentlich gegen Bezahlung mit Max. Und Anna beginnt sich im Luxusbistro ihres Vertrauens zwischen Fois gras und unzähligen Gläsern Crémant für die Kellnerin Lilly zu erwärmen.

Simone Meier erzählt die Geschichte einer Entfremdung zweier nie Vertrauter mit Witz, speziell Annas Krise bezüglich ihrer zunehmenden körperlichen Erschlaffung und Hinfälligkeit wirft für den Leser einige hübsche Pointen ab. Die prallen Brüste von anno dazumal sind „als teigiger Klumpen auf ihre Hüften und Schenkel gerutscht“, alles Mögliche zwickt und zwackt: „Wäre ich ein Auto, dachte sie, dann käme ich nicht mehr durch den TÜV.“
Die Schweizer Autorin (Jahrgang 1970) schildert die Milieus der beiden Hauptfiguren – Feinkostläden, Premierenfeiern und die Enge einer (schweizerischen?) Kleinstadt – gekonnt, und auch die versiffte, kakerlakenverseuchte WG von Lilly, die dort mit Alex, Sue und ihrem minderjährigen Bruder Jonas wohnt, gerät lebensnah. Alles in allem gestaltet sich die Lektüre von „Fleisch“ aber doch „äs kliis bitzeli“ spröder als jene von Doris Knechts Beziehungsroman – und auch das dort beschriebene Soziotop ist etwas vielfältiger ausgefallen als das ihrer Schweizer Kollegin.

Stefan Ender in FALTER 11/2017 vom 17.03.2017 (S. 25)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Fleisch (Simone Meier)

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