Fiasko

von Imre Kertész

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Übersetzung: György Buda
Übersetzung: Agnes Relle
Verlag: Rowohlt Berlin
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 448 Seiten
Erscheinungsdatum: 10.09.1999

Ein Mann um die Fünfzig muß mit dem Fiasko fertigwerden, daß sein Erstlingswerk, der 'Roman eines Schicksallosen', vom Verlag abgelehnt wurde. In seinem winzigen Arbeitszimmer eingesperrt, unternimmt er den träumerischen Versuch, einer Begegnung mit seiner Existenz auszuweichen: er erfindet sich einen Helden, dem er die Bürde seiner eigenen Erfahrungen auflädt, und verdammt ihn zur Wiederholung. Dieser 'Fiasko' betitelte Roman im Roman spielt Anfang der fünfziger Jahre. Ein Schriftsteller namens Steinig kommt auf einer Flugreise von weither an einen gespenstisch fremden und gleichzeitig merkwürdig vertrauten Ort. Er gerät in ein undurchschaubares System, dessen Straf- und Verfolgungsmethoden sich jeder, auch Steinig, unterzieht, ohne zu begreifen, wie ihm geschieht. Als sich aber die Möglichkeit zur Flucht bietet, bleibt er: aus Einsicht, daß er nur dort, in der einzigen Sprache, die ihm geblieben ist, schreiben kann, was er schreiben muß. Imre Kertész, 1929 in Budapest geboren, wurde 1944 als 14-Jähriger nach Auschwitz und Buchenwald deportiert. In seinem "Roman eines Schicksallosen" hat er diese Erfahrung auf außergewöhnliche Weise verarbeitet. Das Buch erschien zuerst 1975 in Ungarn, wo er während der sozialistischen Ära jedoch Außenseiter blieb und vor allem von Übersetzungen lebte (u.a. Nietzsche, Hofmannsthal, Schnitzler, Freud, Joseph Roth, Wittgenstein, Canetti). Erst nach der europäischen Wende gelangte er zu weltweitem Ruhm, 2002 erhielt er den Literaturnobelpreis. Seitdem lebte Imre Kertész überwiegend in Berlin und kehrte erst 2012, schwer erkrankt, nach Budapest zurück. Er starb am 31. März 2016.

Rezension aus FALTER 41/1999

Mit dem 1988 auf Ungarisch erschienenen Roman "Fiasko" liegt nach "Roman eines Schicksallosen" und "Kaddisch für ein nicht geborenes Kind" nun der Mittelteil von Imre Kertész "Trilogie der Schicksallosigkeit" vor.

Der "Roman eines Schicksallosen" beschreibt die Genese eines Bewußtseins unter dem Zeichen von Auschwitz: Schritt für Schritt und unter Verzicht auf jegliche nachträglich moralisierende Perspektive verfolgt sein Autor, Imre Kertész, den Weg des 1944 aus Budapest deportierten 15-jährigen Jungen, der er einmal war, durch die Vernichtungslager. Das Schicksal steht fest, die bürokratisch organisierte Vernichtung vollzieht sich, indem die Täter ihre Arbeit tun und die Opfer zum Gegenstand dieser Arbeit werden. Was geschieht, ist nicht das faszinierend abscheuliche Werk Einzelner, ist nicht in der unheiligen Allianz von "Blut, Lust und Dämonie" zu fassen, sondern es folgt der ermüdenden "Funktionalität des Fließbandes".
Wenn das Opfer in diesem Sinne über kein Schicksal verfügt, dann doch über individuelle Erfahrungen, die sich zu einer Geschichte fügen. Und auf dieser Geschichte eines Schicksallosen, der im KZ auch Momente von Glück erfahren hat, der nach seiner Rettung gar "Heimweh" nach dem Lager empfindet, besteht der Erzähler; und der Autor Kertész besteht auf den "Mythos Auschwitz", der die Erfahrung absoluter Negativität für immer einschließt und den humanistischen Mythos vom ewigen moralischen Sieg des Guten, auch wenn dieses dem Bösen unterliegen mag, als verbraucht erscheinen lässt. Die Massenmörder unseres Jahrhunderts, heißt es in "Fiasko", sind keine amoralischen Heroen, sie "legen einen Schwur aufs allgemeine Wohl ab".
Das Scheitern des "Romans eines Schicksallosen" unter den Bedingungen einer kommunistischen Diktatur ist Thema von "Fiasko". Mit jedem Satz wird der Roman der Etymologie seines Titelwortes gerecht. "Far fiasco" heißt wörtlich: eine Flasche machen; in übertragener, abschätzig konnotierter Bedeutung: keinen Erfolg in der Öffentlichkeit haben, durchfallen. Das Leben, das Kertész über Jahrzehnte auf 25 Quadratmetern in einem Budapester Plattenbau führt, ist ein Hohlkörper, den die Arbeit am Roman füllt, dessen Publikationsgeschichte zum Fiasko wird. Erst 1975, Jahre nach seiner Fertigstellung, kann der Roman in Ungarn erscheinen; als 1996 eine deutsche Neuübersetzung herauskommt, wird Kertész als großer europäischer Schriftsteller gewürdigt.
Fiasko" ist nach Art der berühmten russischen Puppen konstruiert: Im Roman über das Scheitern eines Schriftstellers steckt ein Roman über das Ungarn der Fünfzigerjahre, in dem ein Schriftsteller vorkommt, der vieles mit dem Erzähler der Rahmenhandlung gemein hat und überdies an einer Autobiografie arbeitet. Dieser Schriftsteller schreibt sich die Schuld am Tod von 30.000 Menschen zu, er beteuert, dass er "ganz beiläufig" auf "diese sonderbare Laufbahn" geraten wäre, ohne dabei jedoch seine hohe Bildung und seelische Kultur eingebüßt zu haben. Auch das eine Spiegelung der Frage nach der rationalen Begründbarkeit menschlichen Verhaltens, die Kertész im "Roman eines Schicksallosen" bis ans Ende treibt.
"Ich ist ein anderer" heißt programmatisch ein 1998 erschienener Band mit Erzählungen des Autors: Ich in "Fiasko" ist der Junge im KZ; ist der erfolglose Schriftsteller der Rahmengeschichte vor seinem Schreibtisch, der nach Abschluss seines Lebensromans ein neues Thema sucht; ist der Schriftsteller Berg und die Hauptfigur Steinig in diesem schließlich geschriebenen Roman – und alle sind sie der Autor Imre Kertész.
Dessen Alter ego, ironisch als der Alte tituliert, sitzt am Beginn von "Fiasko" in seiner Schreibklause inmitten einer Unzahl von Aufzeichnungen und denkt nach. Minutiös wird uns die exakte räumliche Anordnung der schäbigen Einrichtungsgegenstände mitgeteilt. Aus diesem Denk- und Lebensgefängnis auszubrechen, gibt es nur einen einzigen Weg: den der autobiografischen Erfindung. Der Alte erfindet sich eine Romanfigur mit Namen Steinig und schickt ihn zurück ins Budapest der frühen Fünfzigerjahre.
Es ist eine namenlose, von den Nachwirkungen des Krieges gezeichnete Stadt, die aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Aus einem nicht näher bezeichneten Ausland gerät Steinig in eine Welt, in der nichts auf die konkreten Verhältnisse hinweist und doch alles daran erinnert. Steinig durchläuft die verschiedensten beruflichen Stationen, ohne für eine einzige davon geeignet zu sein. Aber worin würde die Eignung eigentlich bestehen? Darin, als Sekretär der Presseabteilung des Produktionsministeriums Loblieder auf neue Produktionstechniken zu singen? Oder doch eher darin, unbrauchbare Berichte (doch unbrauchbar für wen?) so zu redigieren, dass sie unbrauchbar bleiben? Oder darin, die erotisch-schwülstige literarische Produktion seines Vorgesetzten mit falscher Zunge zu loben?
Fortsetzung auf Seite 4
Fortsetzung von Seite 3

Steinig bewegt sich in einem Netz undurchsichtiger Abhängigkeiten, das in seiner Gesamtheit die Macht ist. Wie der Junge im KZ versucht Steinig, die Regeln einer entwirklichten, ihn aber dennoch wirklich betreffenden Welt zu befolgen. Jegliche Berechnung muss scheitern, wo die Berechnungsgrundlagen sich andauernd ändern. Anders gesagt: Keiner, der sich mit der Macht arrangiert zu haben glaubt, ist davor gefeit, selbst deportiert, eingesperrt oder umgebracht zu werden. Steinig ist eine tragikomische Figur, ein Schelm, der nicht weiß, was die anderen wissen, wodurch er aufgrund der absurden Logik des Systems persönliche Freiheit gewinnt. Dies verleiht der surrealen Traumwelt des Buches einen ironischen Grundton. Kertész' Leistung ist es, diese Spannung auszuhalten; sie überträgt sich auf den Leser, der lesend die Wirklichkeit eines Phantasmas erfährt.

Am Schluss löst sich alles. Der Stein, den der Alte als magische Reliquie in seinem Schriftenchaos aufbewahrt, entpuppt sich als der durch langes Wälzen zum unscheinbaren Steinbrocken gewordene Stein des Sisyphos in der Umdeutung, die ihm Albert Camus gegeben hat: Gerade die Bejahung seines sinnlosen Tuns läßt Sisyphos schließlich zum Herrn seiner Last werden. Während die anderen nach der angedeuteten Revolte von 1956 das Land verlassen, bleibt Steinig – um in der Sprache, über die er verfügt, seinen Roman zu schreiben, den "Roman eines Schicksallosen". Und als der Roman endlich gedruckt wird, "genießt er ungestillt die süße Erinnerung an sein Fiasko".
Man könnte Kertész das dichte allegorische Muster vorwerfen, auf die Arbeit des Sisyphos etwa verweisen, die Namen Steinig, Felsen, Berg, die permanente Spiegelung der verschiedenen Bedeutungsebenen. Allerdings ist Kertész ein souveräner Handwerker, sein Roman funktioniert als in den Bann schlagende surreale Erzählung ebenso wie als großangelegte Reflexion über die künstlerische Gestaltung des "Erlebnismaterials", wie die Begutachter des "Romans eines Schicksallosen" die Frage nach dem Verhältnis von Schreiben und Leben in
ihrer unvergleichlichen Bürokratensprache formuliert hatten.

Bernhard Fetz in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 3)


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