Die sogenannte Wiedervereinigung

von Heinrich Senfft

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Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

Beginnend mit dem 7. Oktober 1989, dem 40. und letzten Jahrestag der DDR, rollen die beiden Journalisten in minutiöser Detailarbeit Tag für Tag die Ereignisse auf: von den Montagsdemonstrationen Anfang Oktober 89 in Leipzig, den Rufen "Wir sind das Volk", der Angst vor einem Schicksal wie am Pekinger Tienanmen-Platz wenige Monate zuvor, über den Tanz auf der Mauer in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 bis hin zu den ersten freien Wahlen vom 18. März 1990, als der Schriftsteller Stefan Heym verkündet: "Es wird keine DDR mehr geben. Sie wird nichts anderes sein als eine Fußnote in der Weltgeschichte."
Mit diesem Satz endet Bahrmanns und Links' Chronik. Was Heym weiter sagte, findet keine Erwähnung mehr – kein Wort vom Bestreben, "einen demokratischen, aber eigenen Ausweg zu finden". Denn die DDR verschwand im Gegensatz zu den Ländern, in denen es 1989 auch zu Umstürzen kam. Sie hatte keine Chance, sich nach dem Führungswechsel von Erich Honecker zu Egon Krenz und Hans Modrow selbst zu erneuern. Das Programm hieß "Wiedervereinigung". Im Februar 1990 verweigerte Bundeskanzler Helmut Kohl der DDR-Delegation einen Kredit, mit dessen Hilfe sie die Reformen in die eigenen Hände nehmen wollte. Das Prinzip des Nationalen bedeutete für die DDR, aufzugehen in einer anderen Nation. Aus den Rufen "Wir sind das Volk" wurde "Wir sind ein Volk".Der US-amerikanischen Historiker Charles S. Maier interpretiert in seiner umfangreichen und fundierten Auseinandersetzung mit dem "Verschwinden der DDR" die Frage positiv: "Was bleibt? Zumindest Streitereien über die Erinnerung und Auseinandersetzungen über die Geschichte."
Dem Historizismus und der Suche nach der nationalen Geschichtsschreibung steht Maier dennoch skeptisch gegenüber. Sie habe nicht mehr hervorgebracht "als eine mahnende Aufforderung, auf die Geschichte Deutschlands stolz zu sein" und das Land "zu normalisieren", wobei Maier fragt: "Ist es schon eine Leistung, normal zu sein?" Mit zukünftigen Perspektiven oder geschichtswissenschaftlicher Aussagekraft hätten seine deutschen Historikerkollegen jedenfalls nichts am Hut gehabt. Im Gegensatz zu ihnen versucht der Harvard-Historiker auch in seiner gesamten Darstellung den Bogen über die Unversöhnlichkeiten zu spannen, von den "Ossis", die "zu Einwanderern in ihrem eigenen Gebiet" geworden sind, auf der einen Seite zum Überdruss der "Wessis" über die verlangte "nationale Solidarität" auf der anderen – und zwar ohne die deutsche Geschichte von den Stauffern bis zu Helmut Kohl neu zu schreiben.
Maier genügt die Spanne von 1945 bis 1995. Und der Harvard-Emeritus findet mehr Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Seiten als das gesamte deutsche Feuilleton der letzten Jahre, wenn er abschließend feststellt: "Mit ihrer auf das Jahr 1989 folgenden Melancholie drohen die Menschen aus der DDR ihren Landsleuten aus der alten Bundesrepublik in eine neue Epoche der verlorenen Sicherheit voranzugehen."Was in der CSSR, in Ungarn und Polen Selbstemanzipation bedeutete, hieß in der DDR "hinaus" und "hinüber". Am 3. Oktober 1990 gab es dann nur mehr ein Deutschland. Wie Heinrich Senfft in "Die so genannte Wiedervereinigung" schreibt, war das nicht der Schlussstrich, sondern erst der Anfang des deutschen Dilemmas – zwischen den Arroganten auf der Westseite und den Verstockten, Unbelehrbaren auf der anderen Seite. Die wirtschaftliche Diskrepanz und der wachsende Unmut im Westen, für den Wiederaufbau-Ost zu bezahlen, war da nur ein Aspekt. Die ausgebliebenen "blühenden Landschaften", die Helmut Kohl den DDR-Bürgern versprochen hatte, ein weiterer.
Wer das neue Deutschland als das gute sah, musste im alten das böse finden. Die von der Gauck-Behörde verwalteten Akten der DDR-Staatssicherheit wurden dazu als Zeugen aufgerufen. "Die Stasi-Akte", so Senfft, "wurde zur Stufe der Karriereleiter, die Rundfunk- und Fernsehstationen zum Schnellgericht, das das Urteil über die soeben enttarnten inoffiziellen und anderen Mitarbeiter der Stasi verkündet, und der Spiegel zum amtlichen Mitteilungsblatt all der selbsternannten Richter." Der Rechtsstaat der Bundesrepublik begann über den "Unrechtsstaat" der DDR zu richten. Hatte man früher mit abenteuerlichen juristischen Konstruktionen die Nazis geschont, versuchte man nun mit denselben Konstruktionen gegen Sozialisten vorzugehen, zitiert Senfft den Jus-Professor Uwe Wesel.
Der Blick zurück galt nur mehr der Stasi-Vergangenheit. Daneben wurde an neuen Nationsbildern gebaut, die, wie Senfft in seinem Abschlussessay über die Walser-Debatte beklagt, das nationale Bekenntnis zur Mitschuld am Holocaust gleich zu begraben versuchten. Senfft fragt zu Recht, ob das alles ist, was von der DDR blieb.

Patrik Volf in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 24)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Das Verschwinden der DDR und der Untergang des Kommunismus (Charles S. Maier, Klaus Binder, Bernd Leineweber)
Bilderchronik der Wende (Hannes Bahrmann, Christoph Links)

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