Die 68erinnen
Portrait einer rebellischen Frauengeneration

von Ute Kätzel

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

Joschka mag man eben. Zumindest bei Matthias Gries und Bernd Ulrich ist dies der Fall. Die beiden Berliner Journalisten von der taz und dem Tagesspiegel halten mit ihrer Bewunderung für den grünen Vizekanzler und Außenminister Joschka Fischer in ihrer Biografie "Der Unvollendete" jedenfalls nicht hinterm Berg.

Zwei Jahre begleiteten die beiden das ehemalige Enfant terrible der deutschen Politik durch alle Höhen und Tiefen. Sie sind dabei, als Fischer versucht, sich in der Nahostkrise als weltpolitischer Akteur zu etablieren, und sie erleben live mit, als er die ersten Bilder des von islamischen Fundamentalisten in Schutt und Asche gelegten World Trade Centers sieht. Die beiden Autoren zeichnen aber auch geradezu akribisch jede Drehung und Wendung des wandlungsfähigen Politikers von seiner Kindheit als Metzgerssohn, dessen Eltern aus Ungarn geflüchtet sind, über Fischers Engagement in der radikalen Linken bis zum heutigen Tag nach.

Die Autoren versuchen so, das - wie sie es selbst nennen - "System Fischer" verständlich zu machen: "Seine Geschichte soll uns nicht dazu dienen, irgendetwas zu attackieren oder gutzuheißen, wir möchten etwas erzählen und - verstehen." Herausgekommen ist ein Heldenepos über Deutschlands beliebtesten Politiker, ein Loblied auf einen, der immer schon wusste, wo es langgeht, und der seinen Mitstreitern in jeder Situation ein Stück voraus war - auch wenn dies außer Fischer selbst niemand bemerkt hatte.

Trotz des Versuches zur Distanz scheinen die Autoren manchmal der Selbstinszenierung und Legendenbildung der grünen Nummer eins aufgesessen zu sein. Dass Fischer sich Zeit seines Lebens gegen eine Radikalisierung des Widerstands à la RAF ausgesprochen hat, stimmt. Dass aber das Steinewerfen in der "Patriotischen Union für Terror und Zerstörung" (PUTZ) für ihn der Versuch war, einer weiteren Radikalisierung der Linken entgegenzuwirken, hätte zumindest hinterfragt werden sollen.

"Cäsar schlug die Gallier", schreib Bertold Brecht. "Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?" Selbiges denkt man beim Lesen von Joschka Fischers Biografie. Nur sein langjähriger Freund Daniel Cohn-Bendit darf hie und da zu Wort kommen, Fischers Kritikern und sonstigen Mitstreitern wird hingegen kaum Platz eingeräumt. Was bleibt, ist der Mythos eines "Unvollendeten", ohne den es wohl nicht einmal ein Jahr 1968 in Deutschland gegeben hätte. Dass die Revolte von 1968 aber auch ohne einen Joschka Fischer das Land bewegt hätte, zeigt Ute Kätzels Buch über die 68er-Frauengeneration. In insgesamt 14 Porträts taucht der Außenminister nur ein einziges Mal auf: "Wir sind jetzt in einem Alter, wo die Männer sich trennen und plötzlich Fünfundzwanzigjährige heiraten. Vielen meiner Freundinnen ist das passiert, und auch Joschka Fischer ist so ein Fall", resümiert die ehemalige Großkommunen-Aktivistin Karin Adrian.

Die Diskussion um 1968 wird damals wie heute durch die männliche Perspektive dominiert. Rudi Dutschke, Benno Ohnesorg oder eben Joschka Fischer. Kätzel lässt Frauen zu Wort kommen, die nicht nur in den vorderen Reihen der Bewegung standen, sondern gleich doppelt kämpfen mussten: Gegen das Establishment und gegen den Machismus der "Genossen". Frauengeschichte voller Geschichten und Anekdoten, vom Kinderkacke-Attentat auf das Pressehaus Springer über die Versuche, den eigenen Nachwuchs in Kinderläden antiautoritär aufwachsen zu lassen, bis zu nächtelangen Diskussionen darüber, ob Kommunen mit Klotüren kleinbürgerlich seien oder nicht.

Die Frauen entschieden sich, nach Berlin zu gehen, "einmal weil Revolution angesagt war, und zum anderen, weil es Betriebskindergärten gab". Sie gründeten den "Aktionsrat zur Befreiung der Frauen", legten sich mit der Männerwelt an und legten damit den Grundstein für eine neue Frauenbewegung in Deutschland. Schade, dass Frauen wie Gretchen Dutschke-Klotz keine Möglichkeit erhielten, zu aktuellen politischen Fragen Stellung zu beziehen. Denn so entsteht der Eindruck, dass die "rebellischen 68erinnen" nicht mehr oder weniger waren als eine Fußnote zur deutschen Nachkriegsgeschichte.

Nina Horaczek in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 32)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Der Unvollendete (Matthias Gries, Bernd Ulrich)

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