Smalltalk
Die Kunst des stilvollen Mitredens

von Alexander von Schönburg

€ 16,50
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Verlag: Rowohlt Berlin
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Angewandte Psychologie
Umfang: 320 Seiten
Erscheinungsdatum: 19.12.2014


Rezension aus FALTER 11/2015

Beschnüffeln, Gezwitscher und Blendgranaten

Lebenskunst: Alexander von Schönburg führt unterhaltsam in die verlorengegangene Kulturtechnik des Smalltalks ein

Muss ein Buch über Smalltalk seicht sein? Mitnichten, wie die Erläuterungen zur "Kunst des stilvollen Mitredens" von Alexander von Schönburg beweisen. Die Kulturtechnik des Smalltalks hat im deutschsprachigen Raum einen schlechten Ruf. Das liege auch, meint von Schönburg, an der Marginalisierung der alten Eliten durch Revolutionen und Weltkriege.
Im Zeitalter der Ich-AGs und Selfies wird Smalltalk oft missverstanden als Forum der Selbstdarstellung. Dabei besteht seine Geheimwaffe in deren krassem Gegensatz, dem Zuhören.

Smalltalk hat stets mit Nichtigkeiten zu beginnen, unerlässlich für das gegenseitige Beschnüffeln. "Smalltalk ist ein Spiel. Es lebt vom Hin und Her. Alles, was man sagt, muss Raum für Gegenrede bieten." Smalltalk gleicht Vogelgezwitscher. Es geht nicht so sehr darum, was man sagt, sondern wie man es rüberbringt. Die größten Tabus stellen dabei Rechthaberei, Klugscheißerei und Moralisieren dar. Und der größte Feind des gelungenen Gesprächs ohne Tiefgang heißt Langeweile. Das Gegengift: die zugespitzte These, der spielerische Widerspruch.
Und Lockerheit. "Be cheeky. And don't try too hard." Diesen Tipp will der Autor, der für Vanity Fair, Vogue, aber auch für die FAZ geschrieben hat und seit 2009 Mitglied der Bild-Chefredaktion ist, von Stil­ikone Paris Hilton erhalten haben, als er unsicher auf einer Hollywood-Party weilte.
Der Spross aus altem Adelshaus gehört nicht nur durch seine Schwestern Gloria von Thurn und Taxis und Maya Flick zum internationalen Jetset, befand sich bereits als Jugendlicher auf Segeltörns mit Größen wie Henry Kissinger und fuhr mit Marion Dönhoff Porsche.
Smalltalk verträgt ein gerüttelt Maß an Namedropping und Snobismus, keinesfalls aber übereifrige Zustimmung und Begeisterung, übertriebenes Lächeln, Hektik und Unsicherheit. Die Welt sei zu komplex geworden, um zu irgendetwas eine fundierte Meinung zu haben, meint der Autor. Vereinfachung stelle deswegen ein probates Mittel dar, mit der Komplexität und den Ungereimtheiten unseres Lebens umzugehen – und über die wichtigsten Themen der Jetztzeit mitreden zu können.
Deswegen liefert von Schönburg Hintergrundinfos über den Stand von Debatten, die unerlässlich sind, um sich einmischen zu können – aber auch, um nicht in Fettnäpfchen zu treten, was im Zeitalter der Political Correctness nicht eben leichter geworden ist. (Für diese gilt übrigens: "Sie eifrig zu verteidigen ist genauso spießig, wie dagegen zu wettern.")
Dabei unterscheidet er zwischen Pauschalthemen, bei denen jeder etwas vermelden können muss, Jokerthemen, die durch Überraschung und Abwegigkeit punkten, und Chloroformthemen, die einlullen und Einhelligkeit herstellen. Zu Ersteren zählen etwa die haarige Genderdebatte, Fußball, Internet, Kapitalismus, moderne Kunst (besser, man redet über den Kunstmarkt!) oder Prominente. Jokerthemen gleichen Stinkbomben oder Blendgranaten, die Verwirrung stiften oder den Abgang einleiten können, wie Sex, Zeit, Buddhismus, Gottesteilchen bzw. Quantenphysik.

Die amerikanische Außenpolitik, die Apokalypse, das FAZ-Feuilleton, Fernsehserien, New York oder Quentin Tarantino eignen sich hingegen gut, um Konsens herzustellen. Manche Themen, wie Homosexualität, können auch in alle drei Kategorien fallen, je nachdem, "mit wie viel Nonkonformismus man sie zu würzen entschlossen ist". Und der gehobene Plauderer sollte auf jeden Fall etwas über Luxushotels, die Jagd oder Pferderennen von sich geben können.
Unbedingt aussparen sollte man auf Partys oder Events: Verdauung, Gesundheit, Beruf, Sternzeichen, Kinder und Witze. Und zum Savoir vivre gehört es, beim Essen nicht über das Essen zu reden.
Da Alexander von Schönburg Smalltalk naturgemäß aus dem Effeff beherrscht, versteht er es auch, mit diesem Buch nicht zu langweilen. Anekdoten und Schoten aus seinem Leben sowie kleine Spitzen gegen gängige Meinungen würzen diese Ode an Lebensqualität, Lebensfreude und Liebenswürdigkeit. Nur in einem gibt sich der Autor wohl zu optimistisch: dass man Esprit lernen kann.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 46)


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