Kriegssplitter
Die Evolution der Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert

von Herfried Münkler

€ 25,70
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Verlag: Rowohlt Berlin
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Politik
Umfang: 400 Seiten
Erscheinungsdatum: 25.09.2015


Rezension aus FALTER 41/2015

Krieg oder Frieden? Eine Grammatik der Gewalt

Was bedeutet Krieg, wenn er nicht mehr erklärt wird? Und kann es dann noch Frieden geben? Worum werden die zukünftigen Kriege geführt werden? Herfried Münkler sucht nach Antworten und versucht Prognosen



Am Anfang stellt Herfried Münkler die Diagnose: Die Zeit, in der sich in Europa die Friedensdividende der unblutigen Umwälzungen von 1989 „unbesorgt konsumieren ließ“, sei vorbei, und keiner könne sagen, ob sie jemals in dieser Form wieder zu haben sein werde.

Der renommierte Politologe, Professor an der Humboldt-Universität von Berlin, betrachtet die kriegerischen Auseinandersetzungen seit dem Fall der Berliner Mauer und versucht sie einzuordnen. Er reflektiert die Folgen der beiden Weltkriege für die politischen Konstellationen in Europa und an dessen Rändern und kommt zu dem Schluss, dass der Erste Weltkrieg, die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, in ihnen immer noch nachwirkt.

Was bedeutet das Ende der sicherheitspolitischen Unbesorgtheit für Europa und die Europäische Union, die sich in Bezug auf die aktuellen Flüchtlingsprobleme wieder einmal uneinig und wenig bereit zu Kooperation und Kompromiss gezeigt hat?

Münkler greift das Problem an der Wurzel an und sichtet nicht nur die Kriegsgeschichte Europas, sondern auch das Philosophieren über den Krieg von der Antike an, um mit einem Begriffsinstrumentarium aufzuwarten, das in der Lage sein könnte, die neue weltpolitische Lage besser zu beschreiben als die alten Begriffe Krieg und Frieden.

Die Hauptthese dieses Denkstücks, dessen Titel „Kriegssplitter. Die Evolution der Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert“ etwas in die Irre führt, besagt, dass die Ära des klassischen Staatenkriegs bzw. die „Epoche des Territorialstaats als Monopolist des Politischen“ zu Ende gehe oder bereits zu Ende gegangen sei, was die Grammatik der Gewalt grundlegend verändert habe.



Opfer und Helden

Im ersten Teil des Buchs rekapituliert Münkler die großen Kriege des 20. Jahrhunderts und benennt als Folge des Ersten Weltkriegs den Sieg des nationalstaatlichen über das imperiale Ordnungsmodell. Mit dem Ende imperialer Ordnungen – dem Untergang der drei Imperien Habsburgerreich, Zarenreich und Osmanisches Reich – ging auch das bürgerliche Selbstbewusstsein verloren. Die Ära des Fortschrittsoptimismus der industriellen Revolution war beendet.

Stattdessen waren Gewalt und das mythische Denken von Heldentum und Selbstaufopferung als „politische Potenz“, gar als Medium der Erneuerung gefeiert worden. Am Ende des Ersten Weltkriegs war diese Begeisterung verbraucht, aus heroischen Gemeinschaften wurden postheroische Gesellschaften, die allerdings durch Mussolini, Hitler oder Stalin erneut heroisiert wurden, mit der dazugehörenden Dauererregung und Zukunftsgewissheit, die im Gegensatz zur tragischen Grundstimmung heroischer Gesellschaften steht.

Den Verlauf des Zweiten Weltkriegs erklärt Münkler u.a. mit den unterschiedlichen Heroizitätspotenzialen von England und Frankreich, den USA, Deutschland und der Sowjetunion, das heißt der unterschiedlichen Bereitschaft, Soldaten und Zivilisten zu opfern, sowie durch die (teilweise falschen) „Lehren“, die die Kriegsparteien aus dem Verlauf des Ersten Weltkriegs gezogen hatten. Heroischen und heroisierten Gesellschaften gemeinsam ist das permanente Spiel mit dem Feuer der Gewalt und die Unfähigkeit, den Frieden auszuhalten – und beiden weint Münkler, um es klar zu sagen, keine Träne nach.



Die postheroische Gesellschaft

Am Ende des Zweiten Weltkriegs hatte sich das reanimierte Heldentum endgültig ausgeblutet, der Völkermord an den europäischen Juden führte zu einer „radikalen Entsublimierung des Opfers“. Aus Opfern wurden Abgeschlachtete, aus Helden Totschläger. Begünstigt wurde dieser Prozess durch die allgemeine Erosion des Religiösen.

Den moralischen Dilemmata der postheroischen Gesellschaften der Nachkriegszeit ist der zweite Teil des Buches gewidmet. Sie haben nicht nur einen Lernprozess hinter sich, sie werden von Münkler auch als „mit sich eins“ definiert – Voraussetzung für die Friedlichkeit Europas zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Aber sie sind verwundbar und auch erpressbar von heroischen Haltungen, die an den Rändern Europas nicht nur überlebt haben, sondern auch neuen Zuspruch erfahren.

Der islamistische Terror stellt dabei die größte Herausforderung dar, denn er zielt mit der Produktion unschuldiger Opfer und der Verbreitung ihrer Bilder via Massenmedien auf die labile Psyche der postheroischen Gesellschaften, dorthin, wo sie am meisten verletzbar sind.

„Das Problem der westlichen Gesellschaften ist, dass sich diese Verwundbarkeit nicht beseitigen lässt, ohne dabei die wesentlichen Merkmale einer freien und offenen Gesellschaft in Frage zu stellen.“



Hybride Kriege

Die neue Verwundbarkeit hat auch die Gestalt der Kriege verändert. Sowohl die Ebenbürtigkeit der Gegner, die aus einem Zweikampf erst einen Helden hervorgehen lässt, als auch das seit dem Westfälischen Frieden von 1648 geltende Regelwerk der Kriegsführung, das Europa für fast drei Jahrhunderte bestimmte, sind außer Kraft gesetzt.

Die Neuen Kriege zeichnen sich durch eine Entstaatlichung, Asymmetrisierung und Demilitarisierung aus. Münkler verteidigt die in seinem Buch „Die neuen Kriege“ (2002) vorgestellten Begriffe gegen seine Kritiker und definiert das Neue an den hybriden Kriegen als das Zusammenwirken dieser drei Paradigmen.

Hybride Kriege werden zwischen ungleichen Gegnern ausgetragen und oft nicht einmal mehr erklärt, weswegen sie auch per definitionem nicht beendet werden können. Hybrid nennt Münkler sie, weil die binäre Ordnung von Krieg und Frieden sie nicht mehr zu fassen bekommt. In den neuen Konflikten dreht sich der jahrhundertelange Trend zu immer mehr und stärkeren Waffen um. Substaatlichen Akteuren wie Terrornetzwerken und „Warlords“, die Gewaltlimitierung nicht zugänglich und an Frieden nicht interessiert sind, kommt in ihnen eine immer größere Bedeutung zu.

Als Sinnbild für diese neuen Paradigmen steht auf der einen Seite der Selbstmordattentäter, der Unschuldige tötet, und auf der anderen die Kampfdrohne, die, um Verluste in den eigenen Reihen sowie unschuldige Opfer der Zivilbevölkerung zu vermeiden, die Kader des Gegners direkt zu eliminieren versucht.



Militär oder Polizei?

Der Drohnenkrieg wird aus der Ferne geführt, er ist unsichtbar. Killereinsätze bedeuten eine Reindividualisierung des Gewaltgebrauchs. Militäroperationen und Geheimdienste wie die CIA gewinnen an Bedeutung. Damit einher geht eine Entschleunigung des Waffeneinsatzes. Die Grenzen zwischen Zivilisten und Kombattanten werden unscharf, der Krieg wird zur Jagd.

Ein klassischer Staatenkrieg, argumentiert Münkler, sei für Europa allein schon aufgrund der Zerstörungskraft moderner Waffen und aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr führbar. Der Kritik an der auf Ungleichheit der Kombattanten basierenden „Feigheit“ des Drohnenkriegs – für Münkler ein Argument aus der heroischen Perspektive – hält er die Frage entgegen, was ethischer sei, der Ankauf von Kämpfern aus anderen Gesellschaften und die Inkaufnahme von menschlichen „Kollateralschäden“ oder hochmoderne Waffensysteme.

Nicht zufällig liegen die Konfliktherde der Neuen Kriege für Münkler an den Rändern der im Ersten Weltkrieg aufgelösten Imperien: in Libyen, Syrien, dem Kaukasus und der Ukraine. Auch vom IS und den ihm angeschlossenen terroristischen Gruppen werden die Grenzziehungen der Siegermächte des Ersten Weltkriegs infrage gestellt, um nicht zu sagen bekämpft, mit dem Ziel, ein Kalifat zu errichten. Staatenzerfall macht Krieg endemisch, und die Interventionen der USA im Irak oder Afghanistan haben diesen Prozess eher beschleunigt als gestoppt. Mit ein Grund, warum die USA immer weniger geneigt zu sein scheinen, den Weltpolizisten zu spielen.



Europas Herausforderung

Was tun? Im dritten Teil analysiert Münkler die Neuen Kriege anhand des Bedeutungsverlusts der Räume, die der Nationalstaat verteidigte, zugunsten von Strömen. Ströme bestimmen die globalisierte Welt. Sie bestehen aus Waren, Daten und Menschen – Touristen, Migranten, Flüchtlingen. Das 21. Jahrhundert, prognostiziert der Politologe, der via Medien wie Spiegel oder Süddeutsche Zeitung immer wieder in aktuelle Debatten eingreift, werden nicht mehr klassische Staatenkriege beherrschen, sondern ein permanenter Kleinkrieg um das Fluide. Als Global Player, warnt Münkler, sei Europa hier schlecht aufgestellt, auch weil es die Kontrolle der Daten den Amerikanern überlassen habe.

Die postheroische Gesellschaft lebt nicht in einer Welt des Friedens, sondern sie hat es mit heroischen Gesellschaften und Mentalitäten zu tun. Um zukünftige Terroranschläge zu überstehen, müsse Europa sich zudem einen „Restheroismus“ bereithalten, meint Münkler und denkt dabei vermutlich an die tapfere Gelassenheit, mit der die Briten auf die Anschläge des Jahres 2005 reagierten.

Das Problem für Europa sieht Münkler darin, dass es sich von den neuen Bedrohungen nicht wie gewohnt mit Geld freikaufen kann. Deswegen sei politisches Handeln das Gebot der Stunde. Darüber hinaus könnte es hilfreich für Europa sein, sich der Herausforderung der unaufgearbeiteten Hinterlassenschaft des Ersten Weltkriegs zu stellen – mit dem Ziel, dem Nahen Osten bei der Stabilisierung zu helfen. Auch im eigenen Interesse, wie der Blick auf die Flüchtlingsströme der jüngsten Zeit zeigt.

Aber dafür ist bislang weder ein Wille noch ein Konzept in Sicht.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 41/2015 vom 09.10.2015 (S. 34)


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