Visuelle Kreativität
Kreativitätstechniken für neue Bildwelten in Werbung, 3-D-Animation und Computergames

von Mario Pricken

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Schmidt, H, Mainz
Genre: Sachbücher/Kunst, Literatur/Sonstiges
Erscheinungsdatum: 01.10.2003

Rezension aus FALTER 48/2003

Der Wiener Mario Pricken hat bereits das zweite Buch zum Thema visuelle Kreativität verfasst - demnach ist Kreativsein lernbar.

Zum Beispiel Nemo. Der animierte Clownfisch, der zurzeit von den Kinoleinwänden lacht, kommt gar nicht aus dem Computer. Bevor in Disneys Animations-Zauberlädchen Pixar John Lasseter die Rechner überhaupt hochgefahren hat, hatten ein paar Kreative den bunten Fisch nämlich erstmal nur in ihren Köpfen.

"Kreativität ist immer noch sehr mystifiziert", sagt Mario Pricken. Kann man Kreativsein lernen? Er glaubt, dass das bis zu einem gewissen Grad durchaus möglich ist. Der Wiener ist hauptberuflich als Kreativitätstrainer unterwegs, um Menschen in Werbeagenturen, bei Fernsehsendern (Pro7, ZDF) oder Computerentwicklungsfirmen auf neue schöpferische Pfade zu führen. Als Ergebnis seiner Arbeit hat der ehemalige Werber - davor war Pricken Türsteher, Musiker und Feuerwehrmann - einen weltweiten Bestseller mit dem Titel "Kribbeln im Kopf" geschrieben. Thema: Kreativitätstechniken. Jetzt ist ein weiterer Wälzer erschienen, der dem Leser völlig neue Methoden näher bringen soll, und der ihn dazu ermutigen will, seine kreativen Fähigkeiten zu erweitern. Und während sich das erste Buch eher nur an die Spezialisten in der Werbeindustrie richtete, erweitert "Visuelle Kreativität" auch den Horizont jener, die einmal hinter die Kulissen der normal Werblichen blicken möchten. "Nur wer Einblick in die Struktur kreativer Prozesse hat, kann dafür das Verständnis entwickeln, das notwenig ist, um diesen sensiblen Prozess zur vollen Entfaltung zu bringen", sagt der Buchautor.

Auf 232 Seiten zeigt Pricken zwischen zwei aufwendig gemachten Hochglanzpappen dann auch die kleinen Tricks der Kreativen-Industrie. Bereits der Einband des schrillgelben Buches ist ein Beispiel kreativer Visionen: Mit Wasserdruck wurde ein Handgriff in das Buch gestanzt - beim "praktischen" Tragen des Buches entsteht dabei ein kurioser Effekt.

Anhand von 750 - teils mehrfach ausgezeichneten - Beispielen aus den Bereichen Grafikdesign, Werbung, 3-D-Animation und Computergames legt er offen, was zwischen der Idee im Kopf und dem Produkt am Ende angeblich so alles passiert: "Mich interessieren genau diese unsichtbaren Prozesse, die jemand innerlich durchläuft, um zu kreativen Lösungen zu gelangen."

Deshalb führte Pricken zum Beispiel auch Interviews mit 13 kreativen Köpfen auf der ganzen Welt. Er sprach mit Special-Effect- und Kameraleuten, einem Musikvideo-Regisseur, einem Werbefotografen, einem Spieleentwickler oder einer Illustratorin. Die Befragten wunderten sich dabei meist über den sonderbaren Zugang des Wieners. Zum Beispiel die Tatsache, dass sie über innere Bilder Auskunft geben sollten. Die Interviews sieht Pricken als Beweisführung, dass Kreativsein nicht ausschließlich aus dem Bauch heraus geschieht, sondern dass auch die besten Kreativen ihre Techniken und Tricks haben.

Hunderte Illustrationen, Fotos und Videostills sollen die Leser provozieren, "dass sie die Grenzen des Visuellen vorantreiben". Wie in einem visuellen Labor nähmen Kreative weltweit immer neue Perspektiven ein, um Effekte zu erreichen, die noch nie jemand zuvor hatte. "In fünf Jahren wird es zumindest technisch keine Grenzen mehr geben", prognostiziert Pricken für den visuellen Bereich. "Limits gibt es dann nur noch in den Köpfen der Leute." Unter den vielen internationalen Beispielen findet sich auch eine Wiener Kreativschmiede im Buch: Im Kapitel "Spiel mit Ebenen" zeigt der Autor die Kampagne von Artdirector Günter Eder für das Schauspielhaus - Montagen sich häutender Menschen. Alles ist mehrschichtig.

Pricken hat lange recherchiert, kennt alle Festivals der kreativen Branche und Publikationen, die Projekt-Paletten aller wichtigen Produktionsfirmen. Einige Tausend internationale Werbekampagnen hat er analysiert, um anschließend darin stets wiederkehrende Muster und Techniken zu erkennen. Dazu gehören der Wechsel der Perspektive, ein spielerischer Umgang mit Bildelementen und Ebenen, die Vermischung von realer und fantastischer Welt und - ganz wichtig - die Überschreitung von Genres. Aus seinen Forschungsergebnissen hat Pricken anschließend die Strukturen herausgearbeitet.

In seinem Buch eröffnet er so etwas wie eine "Denkschule für Kreativität". Er referiert über die "Sechs Arten des Sehens" und zeigt unter anderem, wie sich visuelles Denken bewusst steuern lässt. Mit einem "Filmstudio im Kopf" nämlich. In der entsprechenden Übung wird der Leser aufgefordert, eine beliebige Filmsequenz vor dem inneren Auge zu manipulieren: Vor- und zurückspulen, das Bild scharf oder unscharf werden lassen, es in der Größe verändern, sich selbst in die Szene einbauen, die Perspektive wechseln. Ziel der Übung soll sein, Vorstellungsbilder zu präzisieren, Fantasien bewusst steuern zu lernen und neue Ideen zu entwickeln. Damit, so Pricken, erspare man sich dann Zeit in der Phase der Ideenfindung: Ausprobieren im Kopf statt auf Papier.

Zum Thema Hollywood-Kino und Animation wäre Mario Pricken zwar einiges eingefallen, aus Kostengründen kann er das Thema in seinem Buch aber nicht mit Bildbeispielen illustrieren: "Wir haben bei den Filmfirmen damit argumentiert, dass es sich um ein Lehrbuch handelt." Vergeblich, denn eine Sequenz Gollum aus "Herr der Ringe" hätte fast 500 Euro pro Bild gekostet - zu viel für das in der Produktion ohnehin nicht ganz billige Druckwerk. Genauso wie Bilder aus der Science-Fiction-Trilogie "Matrix". So illustriert man das Thema eben anhand von Stills aus Musikvideos oder Werbeclips. Übrigens ein Genre, das die kreativen Möglichkeiten und ästhetischen Vorstellungen rasant voran getrieben hat.

"Früher haben sich Trends langsam über den Erdball verteilt", sagt Pricken. Mittlerweile gehe das blitzschnell. "Heute wird alles mit allem vermischt: Stile, Genres, da wird hemmungslos zitiert, um etwas Neues zu erreichen." Das Ergebnis, so der Autor, sei darum meist auch irgendwie bereits bekannt. "Es ist sehr selten geworden, dass wirklich etwas Neues entsteht."

Möglicherweise ist Kreativität ja doch nicht so einfach mit einem Lehrbuch zu erlernen.

Christopher Wurmdobler in FALTER 48/2003 vom 28.11.2003 (S. 18)


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