Politisches Denken im 20. Jahrhundert
Die Anfänge

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: VSA
Genre: Geschichte/Allgemeines, Lexika
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Das 20. Jahrhundert kann nur von seinen Ursprüngen her verstanden werden. Wie läßt sich der Charakter dieses Jahrhunderts umschreiben, wenn das 18. das der Aufklärung und das 19. das der kapitalistischen Industrialisierung genannt wird? In Frank Deppes Grundlagenwerk geht es um auf politische Praxis bezogenes Denken, um 'konzeptive Ideologen', die der Epoche ihre Stempel aufgedrückt haben. Politisches Denken wird analysiert in seinen Entstehungsbedingungen: Damit wird deutlich, wie bestimmte objektive Strukturen, Prozesse und Machtverhältnisse sowie Elemente der Politik, der Kultur und der Ideologie – stets vermittelt über konkrete Kräfteverhältnisse der Klassen und ihrer Kämpfe – jeweils historisch spezifische Verbindungen eingehen.

Rezension aus FALTER 41/1999

Das Jahr 1900 war relativ ereignislos. Außenpolitisch erregte der so genannte "Boxeraufstand" in China die Gemüter. Innenpolitisch wurden die üblichen Streiks und
Arbeiteraufstände vermeldet. Und Friedrich Nietzsche starb – der war allerdings schon ein Jahrzehnt lang umnachtet. Frank Deppe, Professor für Politikwissenschaften in Marburg, hat rechtzeitig zum Jahr 2000 einen Rückblick auf "Politisches Denken im 20. Jahrhundert. Die Anfänge" – genauer: die Zeit zwischen der Belle Époque und dem Ersten Weltkrieg – vorgelegt. Doch interessant ist an Deppes Buch nicht der Zuschnitt auf die marktgängige "Jahrhundertwende", sondern der Blickwinkel, aus der das politische Denken der Zeit rekonstruiert wird.
Politische Theorie wird hier einmal nicht als Ideengeschichte durchgewalzt, sondern aus ihren Entstehungsbedingungen heraus analysiert. Sozialökonomische Transformationen fließen in die Erklärung genauso ein wie kulturhistorische. Deppes Blickwinkel ist dabei weitgehend "regulationstheoretisch": Das heißt, politisches Denken ist für Deppe nicht einfach "Widerspiegelung" der ökonomischen Verhältnisse, sondern Letztere werden selbst von politischen, kulturellen und ideologischen Weltbildern bestimmt. Die wichtigste Aufgabe der politischen Theorie besteht dabei in der Legitimierung bestimmter Macht- und Herrschaftsverhältnisse: Die politischen Denker treten also in einen ideologischen Kampf ein.
Dem Autor geht es zwar um diesen Kampf, er vernachlässigt aber keineswegs die Theorie selbst. Er liefert also keine bloße Sozialgeschichte politischer Theorie, sondern zoomt in das Werk mehrerer Einzeltheoretiker oder Schulen: Max Weber, die so genannten Neo-Machiavellisten Pareto und Sorel, den US-amerikanischen Pragmatismus, Lenin und schließlich Sun Yat-sen, "Vater" der Republik China. Wer gängige Einführungen in die politische Theorie kennt, wird von dieser Auswahl erstmal überrascht. Doch für Deppe stecken diese Theoretiker das Feld ab – wohl auch, weil sie zum Teil Praktiker, ja Politiker waren.
Aus heutiger Sicht ist bemerkenswert, wie leicht die Legitimationsarbeit dieser Theoretiker politisch umgepolt werden konnte. Der Anarchosyndikalist Sorel wurde von Mussolini wie von Gramsci geschätzt, auf Sun Yat-sen konnte sich das kommunistische China genauso berufen wie Chiang Kai-sheks Taiwan. Vielleicht hätte Deppe den Bogen zu heutigen Diskussionen (etwa zur Weber-Renaissance oder zum heutigen Pragmatismus und zur Radikaldemokratie)etwas konsequenter schlagen sollen. Außerdem hätte sich, nebenbei gesagt, jemand die Mühe machen können, die Literaturverweise im Text auch wirklich mit der Bibliografie in Übereinstimmung zu bringen. Trotzdem lässt sich sagen: Wer schon immer mal eine linke Einführung in politische Theorie gesucht, bisher aber nur DDR-Lexika gefunden hat, sollte hier und jetzt zugreifen.

Oliver Marchart in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 26)


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