Kleiner Versuch über das Küssen.

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Übersetzung: Till Bardoux
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Format: Hardcover
Genre: Philosophie/Allgemeines, Lexika
Umfang: 175 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.02.2013


Rezension aus FALTER 11/2013

French Kiss, Mischtrommel oder Pinsel?

Lebenskunst: Alexandre Lacroix hat einen so lehrreichen wie verspielten Essay über das Küssen geschrieben

Was ist er denn nun, der Kuss? Ist er "Probe oder Entwurf eines künftigen Geschlechtsverkehrs"? Ist er "ein Test" oder "ein gezügelter Biss"? Handelt es sich beim Küssen um "eine Kunst des Erstickens" oder gar um einen "Hemmschuh für den Vormarsch der Moderne", wie Voltaire glaubte?
Eines weiß man mit Gewissheit, wenn man den "Kleinen Versuch über das Küssen" des französischen Philosophen Alexandre Lacroix, Jahrgang 1975, gelesen hat: Der Kuss, dessen Ursprünge im Dunkeln liegen, hat – wiewohl durchaus keine universelle Praktik und in vielen Weltgegenden völlig unbekannt – die Zeiten überdauert.

Nicht, dass das Küssen nur Freunde hätte. Der Autor selbst hegt eingangs keinen Zweifel daran, dass man "problemlos sein Leben mit jemandem teilen" könne, "der schlecht küsst", und deklariert sich als jemand, dem die eigentlich so schlichte Geste des Küssens einigermaßen "unnütz oder schwierig" vorkommt. Schon vor dieser Einsicht wusste er auf die Klage seiner Frau, er küsse sie viel zu selten, mit nichts als einem Achselzucken zu reagieren.
Doch dieser Eindruck eigener Ratlosigkeit wirkte nach, und als Philosoph schien ihm das Thema tiefgründig genug, um sich darin zu versenken und als Erstes festzustellen, dass Philosophen und Psychologen zwar unendlich viel über den Geschlechtsverkehr zu sagen haben, doch eindeutig dazu neigen, "den Kuss allzu stiefmütterlich zu behandeln".
Also entschloss sich Lacroix zu einem ausführlicheren Quellenstudium und schließlich zum Schreiben eines Essays über das Küssen, der die Einsichten seiner Recherche darlegen und zugleich ein sehr subjektiver, persönlicher Kusserfahrungsbericht sein sollte.

Herausgekommen ist ein verspielter Text, kokett, heiter und gelehrig, gespickt mit pointierten Sätzen, die das Zeug zum Aphorismus haben, und ohne Scheu vor kühnen Behauptungen und einigen unaufgelösten Widersprüchen.
Fest steht für Lacroix die machtvolle Initiationsqualität des Zungenküssens, denn "mit dem ersten French Kiss wechselt man auf die andere Seite des Spiegels". Im Sturm und Drang der Pubertät neige man dabei noch zur Technik der "Mischtrommel", bei der es sich um ein energisches Umeinanderwinden der Zungen handelt. Dass "alles schön drunter und drüber" gehe, sei nur folgerichtig, da doch die "Adoleszenz selbst so eine Art Zentrifuge" sei.
Eine schon "reifere, raffiniertere Technik" stellt nach Lacroix' Typologie die des "Pinsels" dar, "bei der sich die Zungen ohne Systemgedanken umherbewegen" und der Eindruck der "Abwesenheit von Methode", also von Unmittelbarkeit und Spontaneität entstehe. Das sind lustige Spielereien, ergänzt um Lacroix' eigene Kusserlebnisse von der Vorschule bis in sein viertes Lebensjahrzehnt.
Wirklich interessant wird es, wenn Lacroix vom Kuss als Erkennungsmerkmal des Frühchristentums berichtet, was skandalösen Gerüchten über die christlichen Zusammenkünfte als Orten der Ausschweifung Vorschub leistete und schließlich dazu führte, dass Papst Innozenz III. zu Beginn des 13. Jahrhunderts "die Gepflogenheit des Kusses" abschaffte.
Dadurch wurde der Kuss aus dem "Quasi-Monopol der Kirche" befreit und schaffte, "noch beladen mit einer Aura des Heiligen", in der Renaissance den Sprung ins Laientum – und zwar ausgestattet mit einem neuen Sinn. Er wurde zum "unumgänglichen Ritual der Intimität".

Später wetterte Voltaire im Namen des Fortschritts gegen den Kuss, der für ihn ein Relikt der inzestuösen Verbindung zwischen Kirche und Adel war. Rousseau und de Sade, radikale Antipoden in der Verehrung des Natürlichen, versuchten dem Kuss den authentischen Geschmack der Natur zurückzugeben.
Auch auf Kussdarstellungen in der bildenden Kunst und in der Literatur kommt Lacroix zu sprechen und schwenkt schließlich zum Filmkuss à la Hollywood, dem der Kuss seine weltweite Verbreitung verdankt.
Sogar James Bonds Filmküsse werden von Lacroix typisiert: Waren die Kuss­sequenzen 1962 in "Dr. No" noch echte Höhepunkte des Films, gewähren sie 2002, wenn Pierce Brosnan in "Die Another Day" mit Halle Berry schläft, nur mehr "eine kurze Verschnaufpause vor der nächsten Actionszene". Lacroix konstatiert es mit Nostalgie.

Julia Kospach in FALTER 11/2013 vom 15.03.2013 (S. 39)


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