Linkes Ufer
Erzählungen aus Kolyma 2

von Warlam Schalamow

€ 23,50
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Gabriele Leupold
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 320 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.02.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

Tschechow im Gulag

Jede Erzählung, jeder einzelne Satz wurde zuerst einmal ins Leere geschrieen – immer wenn ich schreibe, führe ich Selbstgespräche, ich brülle, wüte. Die Tränen kann ich dabei nicht zurückhalten. Ich wische sie erst ab, wenn die Erzählung beendet."
Die poetologische Selbstbeschreibung, wie sie der russische Schriftsteller und Dichter Warlam Schalamow (1907–1982) im Essay "Über meine Prosa" gibt, würde bei jedem anderen Autor vermutlich als peinlich angesehen werden. Allein – Schalamow macht deutlich, welche Rolle für ihn Stil und Form des Erzählens spielen, vor allem das gesprochene Wort. Seine Texte über 16 Jahre in Stalins Gefängnissen und im Gulag haben in ästhetischer Hinsicht mehr mit Flaubert oder Tschechow zu tun als mit den sonst bekannten Augenzeugen- oder Erlebnisberichten über den Terror in den Konzentrationslagern des 20. Jahrhunderts.

Karriere in der Verwaltungshaft "Linkes Ufer – Erzählungen aus Kolyma 2", zwei Dutzend, Ende der 50er-Jahre nach der Rückkehr nach Moskau entstandene Texte stellen in der chronologisch aufgebauten deutschen Schalamow-Ausgabe die Fortsetzung von "Durch den Schnee" dar. Standen dort die 30er-Jahre, die Zeit des "großen Terrors", im Zentrum, geht es jetzt um Schalamows Karriere als "pridurok", als Verwaltungshäftling in den Jahren der Verbannung. 1942 war dessen zweite Lagerhaft als "trotzkistischer Verschwörer" zu Ende gegangen (ihm war die Verbreitung von "Lenins Testament", in dem Lenin vor Stalin gewarnt hatte, vorgeworfen worden).
Schalamow wird zum Feldscher ausgebildet und lebt unter den vergleichsweise privilegierten Voraussetzungen des medizinischen Hilfspersonals. Die Konditionen für die große Masse an Häftlingen haben sich – der Sieg im "Großen Vaterländischen Krieg" wird allmählich absehbar – zwar noch immer nicht geändert, aber zumindest besteht Bestrafung mittlerweile nicht mehr nur in sofortiger Erschießung; der Archipel Gulag erreicht allerdings nach 1945 seine zahlenmäßig größte Ausdehnung.

Trotzkisten und Karrieristen "Wer aus der Hölle zurückkehrt, bringt nichts mit", erklärte Schalamow einmal, nach dem Sinn seines Schreibens befragt. Es ist vor allem der fast klinische Blick in jene Grauzone, in der die Grenze zwischen Tätern und Opfern, zwischen Opfern, die soeben noch Täter waren und jetzt zu den Gequälten gehören, der diese Erzählungen derart peinigend macht.
Da trifft man auf "Selbstverstümmler", Häftlinge, die sich Finger, Hand oder Bein abhacken – was Ärzte und Lagerleitung sofort bemerken. Ein anderer versucht, sich mit dem bazillenversuchten Rotz eines tuberkulösen Mithäftlings zu infizieren, um der Arbeit in den Goldbergwerken zu entgehen. Da gibt es die "Karrieristen", ein ganzes Heer an Denunzianten und ehemaligen Tschekisten, die sich noch als Häftlinge an "Volksfeinden" rächen wollen. Und da sind schließlich die Kriminellen, die – immer im Einvernehmen mit der Lagerleitung – bei Bedarf Mithäftlinge ermorden.
Neben den Vertretern der von Stalin deportierten diversen Sowjetvölker wie Kalmücken, Tschetschenen oder Krimtataren, gibt es Häftlinge, die aus gänzlich absurden Gründen verurteilt wurden: einem Esperantisten wurden seine Beziehungen zum "feindlichen Ausland" zur Last gelegt, ein Ukrainer sitzt wegen des Versuchs der "Wiederherstellung der österreichisch-ungarischen Monarchie".
Die Hauptmasse des Lagers stellen die "inneren Feinde" der Sowjetmacht – "Trotzkisten" wie Schalamow selbst, oder die sogenannten Sozialrevolutionäre, einst treibende Kraft der Oktoberrevolution. Häftlinge dieser beiden Gruppen bezeichnet Schalamow als das "aborigene Volk der Kolyma". Ihm gehört auch ein gewisser An- drejew an, Vertreter der alten russischen Intelligenzija, der dem Erzähler in "Das beste Lob" ein sehr ambivalentes Kompliment macht: ",Tja', sagte er und zupfte mich leise am Hemdkragen. ,SIE können im Gefängnis sitzen, Sie können es. Das sage ich Ihnen von ganzem Herzen.'"
Und Warlam Schalamow sitzt tatsächlich mit scheinbarem Stoizismus und erzählt, ohne je – wie etwa Solschenizyn – in Anklagetiraden zu verfallen. Gerade dieser, von untergründigem Sarkasmus begleitete Duktus macht etwa die aussichtslose Liebesgeschichte zweier Häftlinge unerträglich. Dasselbe trifft auf die zahlreichen, geradezu ekstatischen Naturbeschreibungen und Tiergeschichten zu.

Auf der Flucht erschossen Die beste, in rasantem Tempo erzählte Geschichte ist "Das letzte Gefecht des Major Pugatschow". Pugatschow, der aus kurzfristiger deutscher Gefangenschaft mit einigen Mitgefangenen zu den eigenen Truppen geflohen war, wurde als sogenannter "Wlassow-Anhänger", als Kollaborateur der Deutschen, verhaftet und nach Kolyma verschickt. Mit einem Dutzend Mithäftlingen wagt er, der im Krieg die paradoxe Freiheit vom Stalinismus erlernt hatte, den Ausbruch. Die Flucht in die Taiga scheitert, der Reihe nach werden alle erschossen.
Dann folgt das Ende des Anführers: "Pugatschow pflückte Preiselbeeren, die in Büschen direkt auf dem Fels am Eingang der Höhle wuchsen. Graublau und runzlig, platzten die vorjährigen Beeren in seinen Fingern, und er leckte die Finger ab. Die überreifen Beeren waren geschmacklos wie geschmolzener Schnee. Die Beerenschale klebte an seiner trockenen Zunge. Ja, das waren die besten Leute gewesen. Major Pugatschow rief sie sich alle ins Gedächtnis – einen nach dem anderen – und lächelte jedem zu. Dann schob er den Pistolenlauf in den Mund und drückte zum letzten Mal im Leben ab."

Erich Klein in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 16)


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