Im Krebsgang
Eine Novelle

von Günter Grass

€ 18,60
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Verlag: Steidl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 216 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.02.2002

Rezension aus FALTER 8/2002

In seiner soeben erschienenen Novelle "Im Krebsgang" thematisiert Günter Grass deutsches Leiden und wird auf einmal wieder gelobt.



Günter Grass gut zu finden galt im vereinigten Deutschland als ein Sakrileg, vor dem sich der modebewusste Feuilletonist bei Strafe der eigenen Veronkelung zu hüten hatte. Mit seinen beharrlichen Invektiven gegen die Kolonisierung der neuen Länder ging er all jenen zuverlässig auf die Nerven, die das moralische Engagement der Intellektuellen für unzeitgemäß erklärt hatten. Sein Roman "Ein weites Feld" wurde mit so viel Hass verrissen wie keines seiner Bücher zuvor. Selbst die Nobelpreisverleihung wurde leise murrend mit dem Hinweis kommentiert, sie käme vierzig Jahre zu spät.

Seit vierzehn Tagen aber, seit der Steidl-Verlag die Sperrfrist für die Novelle "Im Krebsgang" aufgehoben hat, weil die Sturzflut der Rezensionen nicht länger aufzuhalten war, darf, ja muss gelobt werden. Die kollektive Euphorie erlaubte allenfalls die Frage, mit der auch Grass seine Novelle selbstkritisch beginnt: "Warum erst jetzt?" Warum erzählte er nicht schon früher vom Untergang des KdF-Schiffes "Wilhelm Gustloff", das mit rund 9000 Menschen an Bord am 30. Januar 1945 durch ein sowjetisches U-Boot versenkt wurde? Nun ist daraus eine Tragödie von nationaler Tragweite geworden. Endlich ist es erlaubt, auch über den Deutschen zugefügtes Leid zu sprechen, ohne sofort unter Revanchismusverdacht zu geraten. Fernsehdokumentationen über die Flüchtlinge aus dem Osten deuteten den Koordinatenwechsel an. Auch in Walter Kempowskis gewaltiger Materialsammlung "Das Echolot" waren bereits Zeitzeugenberichte vom Untergang der Gustloff zu finden. Details aus diesen Quellen hat Grass in seine Novelle eingearbeitet, die, und das ist neu für ihn, dem Zeitgeist durchaus entspricht.

Doch kein anderer als Grass wäre geeigneter gewesen, dieses Thema aus der rechten Schmuddelecke herauszuholen. Er erzählt, weil er erkannt hat, dass das tabuisierende Beschweigen dieser tragischen Ereignisse den Rechtsradikalen nützt. Dabei verzichtet er klug auf schlichte Schwarz-Weiß-Kontraste. Seine Figuren sind widersprüchliche Charaktere, allen voran die alte Tulla Pokriefke, die Kenner des Grass-Universums als junges Mädchen in "Katz und Maus" erinnern. In der "Rättin" hieß es, sie sei wohl mit der Gustloff untergegangen. Doch nun ist klar: Sie wurde gerettet, und sie gebar, während das Schiff versank, einen Sohn.

Über fünfzig Jahre später wird dieser Sohn dazu gedrängt, die Geschichte seiner Herkunft zu erforschen. Als gescheiterter Journalist hat er wenig Neigung, den Aufforderungen seiner Mutter nachzukommen, verdingt sich aber als Schreiber für einen schnauzbärtigen "Alten", einen Schriftsteller, der Grass sehr ähnlich sieht, aber irgendwie zu müde geworden ist, um selbst noch zu arbeiten. Im Internet findet der Erzähler rechtsradikale Seiten über die Gustloff und muss bald schon entdecken, dass sein eigener Sohn dahintersteckt. Der ist ein recht sympathischer junger Mann mit einer gefährlichen historischen Zwangsfixierung. Im Chatroom unterhält er sich mit einem Jungen, der sich David nennt und als Jude ausgibt, über das Ausflugsschiff der Nazis und über den Namensgeber Wilhelm Gustloff, der von dem Juden David Frankfurter erschossen wurde. Am Ende treffen sich die beiden Jünglinge in Schwerin an der Stelle, an der die Nazis ein Mahnmal für den "Blutzeugen" errichtet hatten, und es kommt erneut zu einem Mord - spiegelverkehrt zur historischen Tat.



Das alles wirkt ziemlich kalkuliert. Die Geschichte ist mit großem handwerklichem Geschick, aber doch ins Korsett der Novellenform genagelt. Spannung ergibt sich eher aus dem historischen Material als aus der Erzählung, die sich über weite Strecken wie eine journalistische Recherche liest. Von Grass' barock wuchernder Sprache ist wenig geblieben, wenn Bruttoregistertonnen so sorgsam notiert werden wie die Anzahl der Leichen. Vielleicht liegt es daran, dass er nicht nur im Text einem Lohnschreiber das Erzählen überließ, sondern auch selbst einen Rechercheur in Dienst genommen hat. Grass ist und bleibt ein politischer Autor, die Kritik reagiert auf ihn eher politisch als literarisch. Anders ist der Begeisterungsüberschwang nicht zu erklären. Das zumindest hat sich vom "Weiten Feld" zu "Im Krebsgang" nicht verändert.

Jörg Magenau in FALTER 8/2002 vom 22.02.2002 (S. 58)


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