Die Mühl-Kommune
Freie Sexualität und Aktionismus. Geschichte eines Experiments

von Robert Fleck

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Walther König
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 33/2003

Zwei Bücher über Kommunen der Siebzigerjahre: T.C. Boyles Schilderung der fiktiven "Drop City" fällt im Vergleich zu den von Robert Fleck recherchierten Tatsachen über die Mühl-Kommune recht harmlos aus.

Zwei Ausstellungen stören gegenwärtig die leise Historisierung der Revolten rund um das Jahr 1968: die geplante Schau über die Geschichte der Roten Armee Fraktion (RAF) in den Berliner Kunst-Werken und die für Herbst im MAK geplante Ausstellung über den Wiener Aktionisten Otto Mühl, die ehemalige Kommunarden auf den Plan rief. Sie wollen ihre Beteiligung an dem von Mühl geleiteten gesellschaftlichen Experiment nicht auf Ausstellungsfotos dokumentiert sehen. Die RAF mit ihren drastischen Mitteln im politischen Kampf; Mühls Kommune mit der Pervertierung des Konzepts einer psychischen Befreiung des Individuums: Beide haben - radikal avantgardistisch - Normen gebrochen und an deren Stelle die Totalität eines utopischen Gesellschaftsmodells gesetzt.

"Ich hab Angst", sagt Star, eine der Protagonistinnen in "Drop City", dem neuen Roman des amerikanischen Schriftstellers T.C. Boyle. "Hier sind alle total außer Kontrolle." Befreiung? Ja. Aber was dann? "Es funktioniert einfach nicht, wenn wir nicht irgendwelche Regeln haben ", stellt ein anderer Kommunarde desillusioniert fest. Was läuft schief in der kalifornischen Idylle Anfang der Siebzigerjahre, fernab der "beschissenen Gesellschaft von Konsumidioten"?

Niemand will Latrinen bauen; einem Kind wird LSD in den Saft gemixt, eine 15-jährige Ausreißerin vergewaltigt; der Kommunenführer ist eine ziemlich ekelhafte Figur, um einiges älter als die anderen, mit Vorliebe sein soziales Kapital in sexuelles umwandelnd. Regeln möchte auch er keine aufstellen. Seine Vision besteht darin, dass der kaputte Haufen nach Alaska ziehen soll, nachdem die Anrainer die Polizei mit Bulldozern vorbeigeschickt hatten. Unter dem Motto "Flower-Power in die Tundra!" setzt sich der Treck in Bewegung. Die Natur wird zum symbolisch aufgeladenen Ort sozialer Sehnsüchte. Die Projektionen der Drop-City-Bewohner kollidieren mit den zerstörerischen Kräften von Mutter Natur, der äußeren wie der inneren. Hunger, Kälte, Gier, Neid und Eifersucht lassen die Aussteiger verzweifeln.

Der Zerfall der großen Blöcke im Kalten Krieg ging mit dem Ende politischer Gegenentwürfe innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft einher. Solche anregenden Beobachtungen fehlen Boyles Roman. Er liest sich streckenweise wie die Reportage einer Illustrierten über die bunte, aber ziemlich böse Hippiewelt. Entsprechend simpel verläuft auch der Lebensweg von Boyles Kommunenguru Norm. Er landet nicht im Knast, sondern setzt sich mit dem ersten Flugzeug in den sonnigen Süden ab. Ein seltsames Heidedorf schildert der Wiener Kunsthistoriker und designierte Direktor der Hamburger Deichtor-Hallen Robert Fleck in seinem Buch "Die Mühl-Kommune". 1973 ziehen junge Leute aus alternativen Wohngemeinschaften in die Ruinen eines Gutsgebäudes in der Parndorfer Heide südlich von Wien. Halb nackt, mit geschorenen Köpfen, arbeiten Männer und Frauen unter der sengenden Sonne des Burgenlandes. Nach getaner Arbeit am Bau und auf dem Feld beginnt die Arbeit an dem Selbst.

Die Körperaktionen des Wiener Aktionismus werden von dem damals 48-jährigen Künstler Mühl, der sich etwas Geld mit Nachhilfestunden verdient, mit psychoanalytischen Rezepten kombiniert. In gemeinschaftlichen Aktionsanalysen sollte der Kleinfamilienwicht so weit regredieren, dass sein Körperpanzer zerspringt. Wenn Streicheln, Kneten, Küssen, Zwicken oder Schlagen nicht reichen, "dann wird er von der ganzen Gruppe gleichzeitig in die enge getrieben und fertig gemacht", notiert Kommunardin Terese in ihr Tagebuch. Händchenhalten ist im Kleinstaat der freien Liebe streng verboten, ebenso Privatbesitz: Alle Einkünfte des expandierenden Kollektivs fließen auf ein Gemeinschaftskonto. Der Kurstourismus auf den Friedrichshof floriert. In den Achtzigerjahren arbeiten Kommunarden außerhalb des Friedrichshofs als Immobilien- und Versicherungsmakler. Finanziellen Krisen wird durch eine klug angelegte Kunstsammlung entgegengewirkt.

Fleck erzählt überaus detailreich die spannende Entwicklung eines improvisierten Gesellschaftsexperiments zu einem oligarchisch regierten Sex-Gulag. "Wir sind die kleinen Teenies, Ottos kleine Bienis", sang ein Mädchenchor zu Mühls sechzigstem Geburtstag. Die Ausdehnung des Konzepts freie Liebe auf Minderjährige war es schließlich, die das Ende der Kommune herbeiführte. 1991 wurde Mühl wegen Beischlafs mit Minderjährigen und einer Vergewaltigung zu sieben Jahren Haft verurteilt. Heute lebt er in Portugal.

Es gehört zu den Stärken von Flecks Buch, dass er den Nichtort der Kommune mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen abgleicht: Kontrollgesellschaft und neoliberaler Unternehmergeist führen eine beängstigend friedliche Koexistenz. Eine gespenstische Szene des Buches beschreibt Mühl mit seiner Frau Claudia beim Fernsehen. Fernsehen ist an sich verpönt, denn ein hauseigener Videokanal unterhält die Bewohner mit den täglich stattfindenden Aktionsanalysen. Man schreibt aber das Jahr 1989, und zum ersten Mal wird eine Revolution live übertragen: Der rumänische Präsident Nicolae Ceausescu wird im Schnee eines verlassenen Hinterhofs von Aufständischen erschossen. "Mühl wird blass, Schweiß steht ihm auf der Stirn, er hat einen Schwächeanfall und lässt sich in seine Wohnung führen."

Der Zerfall der großen Blöcke im Kalten Krieg ging mit dem Ende politischer Gegenentwürfe innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft einher. Solche anregenden Beobachtungen fehlen Boyles Roman. Er liest sich streckenweise wie die Reportage einer Illustrierten über die bunte, aber ziemlich böse Hippiewelt. Entsprechend simpel verläuft auch der Lebensweg von Boyles Kommunenguru Norm. Er landet nicht im Knast, sondern setzt sich mit dem ersten Flugzeug in den sonnigen Süden ab.

Matthias Dusini in FALTER 33/2003 vom 15.08.2003 (S. 52)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Drop City (T.C. Boyle)

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