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Verlag: Merve
Format: Hardcover
Genre: Philosophie
Umfang: 152 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.10.2008

Rezension aus FALTER 8/2009

Wenn der Pumpökonomie die Luft ausgeht

Was die Sache mit dem Geld betrifft, da ist unsere Vorstellungswelt noch ziemlich retro. Letztlich hält sich stur die Idee, dem "umlaufenden" Geld müssten irgendwelche "realen" Werte gegenüberstehen (wobei "umlaufend" relativ ist, weil das meiste ja in Computernetzwerken als Zahl rumläuft). Ein bisschen haben wohl die meisten von uns noch die Fantasie, dem Geld lägen irgendwelche Goldbarren zugrunde, die sich in Zentralbanktresoren stapeln (oder deren moderne Version, die Devisenreserve).
Aber Geld kann sich vermehren – ohne putzige Deckung. Und ohne dass es dadurch schon minderwertiges Spielgeld würde. Und es sind nicht nur die Zentralbanken, die zur Geldvermehrung beitragen. "Wir gehen davon aus, dass Geld eine Struktur in die Welt setzt, die das einfache Kommando Mehr! absondert", schreiben die Brüder Ralph und Stefan Heidenreich in ihrem Buch "Mehr Geld". Es handelt von den Macken des Geldes und versucht nichts weniger, als die gegenwärtige Weltfinanzkrise zu erklären. Es ist ein Antiserum gegen vorschnelle Urteile, wonach wir den Crash irren Spekulanten zu verdanken haben, die ein an sich gesundes System – "unseren Wohlstand" – zugrunde richteten. Denn das ist zwar nicht total falsch, aber auch nicht exakt richtig.

Der Massenkonsum der Mittelklasse ist schließlich seit mindestens 60 Jahren der Wachstumsmotor schlechthin. Aber die Konsumspirale darf nicht abbrechen, wenn nicht das Wachstum abbrechen soll. Wer irgendwie kreditwürdig ist, erhält Konsumkredite. Wenn alle schon Konsumkredite haben, erhalten auch jene welche, die nicht kreditwürdig sind. "Mit der Ausweitung des Kredits auf Konsumenten begann die Phase, die heute zu Ende geht. Man hat, ­solange es ging, künftiges Einkommen für gegenwärtigen Konsum aufgewendet", schreiben die Autoren, und: "So wurde jeder Konsument eine kleine Bank, mit einem kleinen Kreditgeschäft, das konsumierte Werte als Sicherheiten nahm. Ausgegebener Kredit verwandelte sich in Sicherheit für neuen Kredit. Je mehr Kredit man aufnahm, desto mehr Kredit erhielt man."
Das liegt natürlich ganz in der Logik des "consumer-driven capitalism". Die Kredite zu bündeln, zu verbriefen und in der Welt als "Werte" zu verkaufen, um so weiter Kredite schöpfen zu können, steht damit vollkommen im Einklang, ebenso die Praktiken der Banken, Kreditgeschäfte zu tätigen, die ihre Eigenkapitalbasis um ein Vielfaches überschreiten.
Das Spekulative ist hier nicht das Gegenteil des Realen. Ohne dieses Spekulative gäbe es schon längst eine "reale" Rezession. Das ist auch so eine Art Keynesianismus, nur dass nicht der Staat die Nachfrage ankurbelte, sondern die Finanzwirtschaft. Diese globale Konstellation kracht nun, weil der Markt für minderwertige Immobilien in den USA ausfällt. Daran kann man die Störungsanfälligkeit des Systems erkennen: "Der anfallende Schaden", so die Autoren, "entspricht weniger als einem Prozent des Weltvermögens. Doch mittlerweile scheinen die Effekte auf das gesamte System unabsehbar. Das ist, als drohe ein Auto, bei dem das Rücklicht ausfällt, spontan zu explodieren."

Ein kluges, durchaus eigenwilliges Buch haben die Autoren – zwei Brüder, keiner davon studierter Ökonom, aber seit Jahren mit dem Thema befasst – geschrieben, auch wenn es stellenweise ein wenig jargonhaft geschrieben ist und mit einer gehörigen Portion "Deleuze-Guattari-Schneidigkeit" daherkommt.
Es ist ein feiner Beitrag zum Verständnis eines Geschehens, dessen Folgen wir noch gar nicht überblicken können. Die Krise erschüttert die Fundamente – die gesamte Wasserkette, an deren Ende der Konsument als Wirtschaftsankurbler letzter Instanz steht. Die Alternative zum Kaufen auf Pump könnte eine tiefe Depression sein. Was das Finanzsystem stabilisieren soll – ein "gesunderes" Verhältnis zwischen Eigenkapitalbasis und Kreditgeschäft der Banken – könnte sich erst recht als tödliche Medizin herausstellen. Im Rahmen des heutigen Systems wird jede Gesundung ein Schockgeschehen.
Die Alternative, auf zwei lockeren Seiten angerissen: mehr Demokratie. Die Güter "wenn nicht gleich, so doch wenigstens ähnlich zu verteilen". Zugegeben, der Ausweg ist nicht die Stärke dieses Buches. Aber wer das den Autoren vorwerfen will, der werfe den ersten Geldschein. 

Robert Misik in FALTER 8/2009 vom 20.02.2009 (S. 17)


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