Schlimmer als Krieg
Wie Völkermord entsteht und wie er zu verhindern ist

von Daniel Jonah Goldhagen

Derzeit nicht lieferbar

Übersetzung: Hainer Kober
Verlag: Siedler
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Umfang: 688 Seiten
Erscheinungsdatum: 30.09.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

Schädel, Mordwerkzeuge und Täterfotos

Genozid: Daniel J. Goldhagens neues Buch wird wohl kaum eine internationale Debatte auslösen

Ob Daniel Jonah Goldhagens neuestes Werk "Schlimmer als Krieg. Wie Völkermord entsteht und wie er zu verhindern ist" ähnliche Kontroversen auslösen wird wie "Hitlers willige Vollstrecker" aus dem Jahr 1996, wird sich erst zeigen, die englische und die deutsche Ausgabe erscheinen nahezu zeitgleich im Oktober. Die marktschreierisch prognostizierte "internationale Debatte", die "unser Verständnis genozidaler Konflikte für immer verändern" wird, wäre wohl eher verwunderlich, denn so neu ist das alles nicht, was der Autor hier präsentiert. Und warum sich das Verständnis für genozidale Konflikte nach der Lektüre noch dazu "für immer" verändern sollte, ist nicht nachvollziehbar.
In dem rund 700 Seiten umfassenden Werk versucht Goldhagen die Entstehungsbedingungen von Völkermord zu analysieren und zu kategorisieren, geht der Frage nach, was diesen von anderen gewaltsamen Auseinandersetzungen wie etwa Krieg unterscheidet und was die Menschen dagegen tun können. Seinen Begriff des "eliminationist antisemitism" erweitert er hier zu einem allgemeinen Eliminationismus: "Eliminatorische Überzeugungen und Wünsche, Diskurse und Ideologien, Handlungen und Strategien spielen zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften eine wichtige Rolle. Trotzdem wurden die vielen Facetten eliminatorischer Überzeugungen und Handlungen begrifflich nie als Elemente eines gemeinsamen Phänomens erfasst: des Eliminationismus."
Dieser Begriff, sei hier angemerkt, wurde von Sir Karl Popper – die Lektüre wäre für einen Politikwissenschaftler und ehemaligen Professor vielleicht ganz nützlich – in einem ganz anderen Zusammenhang verwendet. Popper versteht darunter in seiner "Logik der Forschung" (1934) wissenschaftliche Prüfungen als Versuche, Theorien zu falsifizieren. So weit, so begriffsverwirrend.

Goldhagen identifiziert fünf Hauptformen der Eliminierung: Transformation, Unterdrückung, Vertreibung, Reproduktionsverhinderung und Vernichtung. Für alle nennt er zahlreiche, bekannte Beispiele vor allem aus dem 20. und 21. Jahrhundert, konzentriert sich in seiner Darstellung jedoch schließlich auf den Massenmord, "den Mord an mehr als einigen hundert Menschen in verschiedenen Massakern". Die anderen Formen erörtert er nur dann, wenn sie mit "konventionellen Massenmorden und Vertreibung einhergehen".
Auch wenn Goldhagen glaubt, er schreibe Bücher "allein zu Themen, die ich für relevant halte und bei denen ich den Eindruck habe, dass ich etwas grundsätzlich Neues, Anderes und Zutreffendes vermitteln kann", so lässt sich das bei sehr viel gutem Willen maximal für das letzte Kapitel "Was wir tun können" bestätigen.
Ausgehend von Plattitüden wie "Die gesamte Menschheit – mit all ihren Staaten und politischen Führungen – kann und muss bestrebt sein, die Personen und Gruppen, die Krieg gegen die Menschheit führen, unverzüglich niederzuwerfen", schlägt er zum Beispiel vor, dass jeder mit konventionellen Militäroperationen oder verdeckt gegen Täter vorgehen können solle, da diese sich im Krieg gegen die Menschheit befänden. "Infolgedessen wäre es ein defensiver Akt, die Täter zu töten. Damit würden die freizügigeren Regeln des Krieges anstelle der restriktiven Regeln der Strafverfolgung gelten, was in der Regel grenzüberschreitende Aktivitäten erlaubt."

Das ist wirklich etwas "Anderes", wiewohl nichts "Zutreffendes": internationale Selbstjustiz gegen die Bösen – eine neue Form der Globalisierung. Hie und da finden sich auch durchaus vernünftige, obgleich schwer umzusetzende Vorschläge, wenn Goldhagen meint, es solle eine internationale Überwachungsorganisation von demokratischen Staaten geschaffen werden, um Massenmorde aufzudecken und diese zu untersuchen, da die Uno hier tatsächlich immer wieder versagt hat.
Natürlich ist es eine Frage, wie man so ein Buch bebildern soll – vielleicht am besten gar nicht. Denn so, wie es hier geschehen ist, kann man es nur als gründlich misslungen bezeichnen. Ein Beispiel: Zwischen zwei Fotos findet sich folgende nichtssagende Bildlegende: "Eine große Zahl von (für die Teilnahme am Massenmord verurteilten) Einzelpersonen, die einzeln und gemeinsam vorgingen, löschten das Leben einer großen Zahl von Einzelpersonen aus, die einzeln und gemeinsam sterben (…)." Ansonsten sieht man Leichenberge, Schädel, Mordwerkzeuge, ein paar Täterfotos dazwischen, nicht zu vergessen auch eines "im Gespräch mit dem Verfasser". Dass Goldhagens Ausführungen dazu beitragen werden, Völkermord zu vermeiden, darf aus guten Gründen leider bezweifelt werden.

Eva Blimlinger in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 40)


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