Wenn es dunkel wird
Zum Verständnis des Selbstmordes

von Kay Redfield Jamison, Klaus Binder, Bernd Leineweber

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Siedler
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 42/2000

Wo sich ein Mensch das Leben nimmt, bleibt ein Schmerz lebendig, der nicht vergehen will. Die Zurückgelassenen sind ratlos und kennen keine Antwort. Laut neuesten Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) starben 1998 mehr Menschen durch Selbsttötung als in Kriegen. Dennoch hat das Phänomen Selbstmord über voyeuristische Schlagzeilen hinaus so gut wie keine Öffentlichkeit.
"Wenn es dunkel wird. Zum Verständnis des Selbstmordes" ist ein dunkles Buch. Geschrieben hat es die Psychiaterin Kay Redfield Jamison, die an der US-amerikanischen Johns Hopkins University arbeitet. Neben fachlicher Kompetenz zeichnet sich das Buch durch einschlägige Erfahrungen der Autorin aus: Selbst an einer manisch-depressiven Störung erkrankt, überlebte Jamison einen Selbstmordversuch als 28-Jährige nur knapp. Beklemmend sind die Zahlen. So sterben jährlich rund zwei Prozent aller Menschen an dieser "Krankheit zum Tode". Weltweit ist Selbstmord die zweithäufigste Todesursache von Frauen im Alter zwischen 15 und 44 Jahren, bei Männern steht sie an vierter Stelle. Vor allem im Jugendalter nimmt die Zahl der Selbsttötungen in erschreckendem Ausmaß zu. Die Gründe sind vielschichtig: Zum einen werden so genannte "Unfälle" zunehmend richtig als Selbstmorde diagnostiziert. Zum anderen tun der erleichterte Zugang zu tödlichen Mitteln, das Ansteigen von Depressionserkrankungen und der lebensgeschichtlich frühere Missbrauch von Alkohol ein Übriges.
In "Wenn es dunkel wird" steht der Selbstmord von Jugendlichen im Mittelpunkt. Selbst aufmerksamen Eltern ist die psychische Gefährdung ihrer Kinder oft nicht bewusst. Einerseits wird die psychische Differenziertheit kindlichen Erlebens generell unterschätzt, andererseits wird das Problem einfach verdrängt: Als Astrid Lindgren 1973 in "Die Brüder Löwenherz" den Selbstmord bei Kindern thematisierte, war das ein Skandal und Tabubruch gleichermaßen.
Die Geschichte des Selbstmordes ist eine Geschichte der religiösen Verdammung und der gesellschaftlichen Ächtung. Neben medizinischen Aspekten und Ursachen des Selbstmordes bietet Jamison auch einen historischen Überblick. Die verschiedenen Bewertungen des Selbstmordes als "Sünde", "Verbrechen" oder "Nervenkrankheit" geben die wechselnden geschichtlichen Einschätzungen wieder. Selbst am Begriff lassen sich die Unterschiede festmachen: Freitod, Selbstmord, Selbsttötung und Suizid betonen jeweils andere Gesichtspunkte.
Von der kulturellen Sanktion zur therapeutischen Anteilnahme war es ein langer Weg. Auch hier als ideologische Blockade gewirkt zu haben, gehört zur traurigen Tradition der römisch-katholischen Kirche, die Selbstmörder bzw. ihre Angehörigen mit Begräbnisverweigerung und posthumer Exkommunikation bestrafte. Im frühneuzeitlichen Frankreich wurden die toten Körper noch kopfüber durch die Straßen geschleift. Ende des siebzehnten Jahrhunderts verfeinerten sich die Sitten und man warf die Toten ohne Umwege in die städtische Kloake.
Trotz der weiter wachsenden Verbreitung der Selbsttötung ist sie auch heute nur ein Nebenthema der Gesundheitspolitik. Wo es um die Vergabe öffentlicher Gelder geht, findet die Selbstmordprävention keine angemessene Beachtung. Durch umfassendere Aufklärung könnten zwar viele Leben gerettet werden, doch das allgemeine Wissen um Prävention und Therapie ist gering. Das sollte sich ändern. Denn, so Jamison: "Die Kluft zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir tun, ist tödlich."

Franz Gutsch in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 36)


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