Der Aufstieg der Anderen
Das postamerikanische Zeitalter

von Fareed Zakaria, Thorsten Schmidt

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Siedler
Erscheinungsdatum: 01.02.2009

Rezension aus FALTER 17/2009

Es wäre schon immer interessant gewesen zu wissen, wie Verhandlungen mit Emissären der Regierung von George W. Bush so laufen. "Sie reden und wir hören zu", erzählt ein hochrangiger europäischer Außenpolitiker, der seinen Namen lieber nicht erwähnt wissen will. "Die Amerikaner wiederholen einfach ihren Standpunkt – wie ein Tourist, der glaubt, er müsse nur langsamer und lauter sprechen, dann werde man schon kapieren."
Das muss sich ändern, argumentiert Fareed Zakaria, der jeden Sonntag auf CNN die Welt erklärt, Newsweek herausgibt und den Außenpolitiker in seinem Buch "Der Aufstieg der Anderen" zitiert. Er besitzt die Gabe, Weltpolitik in klaren Worten zu erläutern, ohne zu polemisieren oder allzu simple Lösungen zu liefern. Und er hat Verständnis für den weltweiten Frust über diesen "imperialen Stil" der USA nach 9/11.
Doch wer aus dem Untertitel des Buchs ("Das postamerikanische Zeitalter") schließt, Zakaria verkünde das Ende der amerikanischen Vormachtstellung, hat sich zu früh gefreut – oder gefürchtet. Denn, wie der Buchtitel verheißt, nicht die USA werden schwächer, sondern die anderen – China, Indien, Brasilien – stärker.
Zwar hat der in Bombay geborene Yale- und Harvard-Absolvent das Buch vor Ausbruch der Finanzkrise und vor der Wahl Barack Obamas geschrieben. Doch Zakarias Hauptargument hält: Wenn die USA sich darauf zurückbesinnen, dass sie sogar als Siegermacht 1945 den Rest der Welt lieber mittels Uno und den internationalen Finanzinstitutionen einbanden, statt das neue Rom werden zu wollen, werden sie die mächtigste Nation der Welt bleiben.

Beispiel G20-Gipfel in London: Die G8 sind tot; die aufsteigenden Mächte müssen mit am Tisch sitzen, damit der Versuch, ein globales Problem wie die Finanzkrise zu lösen, gelingen kann. Doch die USA bleiben der bestimmende Spieler. "Der Aufstieg der anderen ist real, aber ein langer und langsamer Prozess", schreibt Zakaria.
Manches von dem, was Fareed Zakaria Washington verordnet, beginnt Barack Obama bereits zu verwirklichen. Zum Beispiel, Schwerpunkte zu setzen und nicht überall mitzumischen – mittelfristig aus dem Irak abzuziehen und sich auf Afghanistan zu konzentrieren. Wer dem Iran Kernwaffen verbieten will, sollte auch selber daran arbeiten, sein eigenes Arsenal nicht auszuweiten, sondern es abzubauen. Obama und Russlands Präsident Medwedew vereinbarten am Rand des G20-Treffens Verhandlungen über eine deutliche Reduzierung ihres nuklearen Arsenals.
Vor allem aber müssten die USA aufhören, sich zu fürchten: vor Terroristen, vor Immigranten, vor der Globalisierung. Weniger Militär und mehr Ideale, predigt Zakaria: "Die Demonstranten auf dem Tienanmen-Platz haben eine Freiheitsstatue nachgebaut, keine F-16." Und er zitiert einen Wissenschaftler aus dem autokratisch regierten Singapur: "Niemand in Asien will in einer von China dominierten Welt leben. Es gibt keinen chinesischen Traum, den die Menschen verwirklichen wollen." Daher wollten nach wie vor viele Menschen, dass die USA bestimmend bleiben.

Zakaria verfällt eben nicht in Untergangs-stimmung, auch wenn der US-Anteil am weltweiten Wirtschaftswachstum sinken wird. Amerikas militärische Stärke sei nicht der Grund für seine Macht, sondern die Konsequenz: Dahinter stünden die wirtschaftliche und, eng damit verflochten, die technologische Stärke der USA – und in den zukunftsträchtigen Sparten wie Nano- oder Biotechnologie liegen sowohl die EU als auch die aufsteigenden Schwellenländer deutlich zurück. Wenn es weiterhin gelinge, die besten Köpfe der Welt an die US-Universitäten zu bekommen, habe Amerika nichts zu befürchten.
Um die künftige Weltordnung besser zu verstehen, wirft Zakaria einen aufschlussreichen Blick erstens auf die Vergangenheit – er vergleicht die jetzige Situation der USA mit jener Großbritanniens vor dem Zerfall des Empire – und zweitens auf die inneren Zustände in China sowie Indien. Wäre Indiens Bundesstaat Uttar Pradesh unabhängig, hätte er die sechstgrößte Bevölkerung der Welt. Indiens Wachstum entsteht nicht wegen, sondern trotz der Regierung; es ist nicht, wie in China, von oben herab verordnet, sondern entsteht unten und ist daher chaotisch und planlos. Nicht zuletzt stellt Zakaria nebenbei interessante Fragen: Kann ein Land, eine Gesellschaft modern sein, aber nicht westlich? Vielleicht Stoff für sein nächstes Buch.

Cornelia Mayrbäurl in FALTER 17/2009 vom 24.04.2009 (S. 18)


Rezension aus FALTER 11/2009

Mikrophysik der globalen Machtpolitik

Im staatlichen chinesischen Fernsehen lief vor eineinhalb Jahren eine zwölfteilige Dokumentation über den "Aufstieg großer Nationen". Die Reporter waren um die Welt geflogen und hatten recherchiert, wie die das machten, die Briten, Portugiesen, Spanier, die Russen, die Japaner und vor allem die Amerikaner. Was sie richtig, was sie falsch machten. "Die Hauptbotschaft der Serie lautet", fasst Fareed Zakaria zusammen, "dass wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Nation zu Größe verhilft, Militarismus, imperiale Bestrebungen und Aggressionen dagegen in eine Sackgasse führen." Die chinesische Führung ist heute sehr gut darin, aus der Geschichte zu lernen.
"Der Aufstieg der Anderen", heißt das neue Buch von Fareed Zakaria, dem indischstämmigen Chefredakteur von Newsweek International und Kommentator des TV-Senders ABC. Zakaria ist einer der klügsten Köpfe des diplomatischen Establishments der USA, und man darf sein Buch auch als Versuch lesen, eine außenpolitische Doktrin für die Obama-Ära zu schreiben – für eine Ära, in der die USA immer noch Hegemon sind, aber nicht mehr die alleinige Hypermacht. Noch lässt sich leichter definieren, welche Ära zu Ende geht, daher wählt Zakaria den Begriff des "postamerikanischen Zeitalters".

Der kometenhafte Aufstieg Chinas und Indiens, aber auch die Fortschritte Brasiliens, Russlands und Mexikos waren zunächst ein wirtschaftliches Ereignis: der dramatischste Wohlstandsgewinn und die rapideste Machtverschiebung in der Geschichte. 2040 könnten die fünf fortgeschrittensten Schwellenländer eine größere Wirtschaftsleistung erbringen als die heutigen G7-Länder. Gewiss machen die dramatischen Unabwägbarkeiten der gegenwärtigen Finanzkrise solche Prognosen etwas sehr volatil. Aber die Prophezeiung wird nicht weniger realistisch, trifft doch die Kernschmelze an den Finanzmärkten im Augenblick Japan, die USA und Westeuropa stärker als China und Indien. Chinas gigantische Devisenreserven geben dem Land einen Spielraum, den andere Volkswirtschaften so nicht haben.
Aber Zakaria ist kein Ökonom, ihn interessiert eher die Mikrophysik der globalen Machtpolitik, die sich verändert. Ökonomisch sind die USA jetzt schon von China abhängig – China leiht den Amerikanern Geld, damit sie chinesische Produkte kaufen können. Freilich: Gemessen am Pro- Kopf-Einkommen ist China noch ein Entwicklungsland, Amerika bleibt die ökonomisch avancierteste Macht. Aber schon jetzt gibt es spürbare Machtverschiebungen.

Wenn früher ein Land in Schwierigkeiten war, musste es sich von amerikanisch dominierten Institutionen wie Währungsfonds und Weltbank die Bedingungen für Kredite diktieren lassen. Heutzutage springt immer häufiger China ein. Früher, schreibt Zakaria, hatte eine "aufstrebende Macht nur zwei Optionen: Entweder sie integriert sich in die westliche Ordnung, oder sie lehnt diese ab und wird zu einem Schurkenstaat." Heute gibt es einen dritten Weg: "Sie schließen sich der westlichen Ordnung an, allerdings zu eigenen Bedingungen – und gestalten das System dadurch selbst um." Dabei verdankt sich der Aufstieg natürlich, und das ist nicht ohne Ironie, der Anziehungskraft amerikanischer Ideen und der Verbreitung westlicher Technologien. Die Welt wird "westlicher", zugleich verliert "der Westen" aber seine Dominanz.

Amerika als Supermacht herauszufordern, daran hat weder China noch Indien auf absehbare Zeit Interesse. Im Gegenteil, China versuche seine Macht eher zu verstecken, als sie zu ostentativ zur Schau zu stellen. Die Strategie lautet: Konfliktvermeidung, weil alles dem Ziel des wirtschaftlichen Aufstiegs untergeordnet ist. Die Taktik: mit Geschick und Beharrlichkeit wirtschaftlich stark werden – die Verschiebung der Machtgravitation folge, ist man überzeugt, dann, aufgrund der schieren Größe, schon von selbst.
Wenn Amerika klug ist, kann es auch in einer solchen "Uni-Multipolarität" Führungsmacht bleiben, so lautet das Resümee Zakarias, der als Gewährsmann für die richtige Strategie überraschenderweise Otto von Bismarck einführt. Der wollte Deutschland vor 120 Jahren zum Angelpunkt des internationalen Systems machen, indem er bessere Beziehungen zu allen Großmächten pflegte als diese untereinander. Für eine solche freundliche Hegemonie habe Amerika die besten Voraussetzungen. Amerika müsse nur lernen, mit den Augen der anderen zu sehen und seine Arroganz aufgeben.
Amerika könnte da der lachende Erste sein, wenn es den Holzhammer ein- und das Florett auspacken würde.

Robert Misik in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 43)


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