Der Wind

oder Das himmlische Kind
€ 20.4
Lieferung in 7-14 Tagen
-
+
Kurzbeschreibung des Verlags:

Der Wind weht 24 Stunden am Tag, manchmal unmerklich, manchmal lästig, manchmal gefährlich. Seit mehr als einem Jahrzehnt können wir vom Wind nicht genug bekommen, nie war er so wertvoll wie heute. Windkraft gilt als der Glücksbringer regenerativer Energie. Wind ist aber auch ein Phänomen unserer Kultur, von der Antike bis in die Gegenwart. Er hat die Geschichte der Menschen immens beeinflusst und in Bewegung gehalten, ob im Handel, in der landwirtschaftlichen und handwerklichen Entwicklung, in der Seefahrt, in den Kriegen, im Sport und nicht zuletzt in der Malerei, in der Oper, in der Musik und Literatur (was wären die Bibel, Homer, Jane Austen, Melville oder Cervantes ohne den Wind?). Der Autor wirbelt amüsant und belesen Geschichte und Geschichten auf, erzählt von Abenteuern, Irrfahrten, Katastrophen, vom Aberglauben, von der Wissenschaft und von Emotionen, die der Wind befördert: Angst, Euphorie und Verzweiflung – die beispielsweise Goethe empfand, als auf dem Weg von Sizilien nach Neapel ausgerechnet eine Windstille sein Leben bedrohte.

weiterlesen
FALTER-Rezension

Ozean aus Luft, Gottes Odem und Satans Erbarmen

Kulturgeschichte: Keineswegs verblasen, aber ein wenig zerzaust: Stephan Cartiers Studie über den Wind

Was die menschlichen Empfindungen anbelangt, die Ängste, Erwartungen und Hoffnungen, spielt der Wind auf der ganz großen Harfe. Er regiert die ganze theologische Topografie, ist als göttlicher Odem, der dem ersten Menschen überhaupt erst Leben einhaucht, und als himmlisches Kind ebenso präsent wie als Ausgeburt der Hölle:
"Wer baut auf Wind, baut auf Satans Erbarmen", singt Daland gleich zu Beginn von Richard Wagners "Fliegendem Holländer".

Im Übrigen ist der Singular ein Produkt der neuzeitlichen Wissenschaft: Davor gab es bis zu 32 einzelne Winde, über die in der griechischen Mythologie Aiolos (der mit der Harfe) gebot. Der italienische Physiker und Mathematiker Evangelista Torricelli (1608–1647) sprach zwar noch im Plural von ihm, hatte die physikalischen Ursachen des Windes aber völlig richtig erfasst und auch die bis heute eindrücklichste und schönste Definition der Mensch-Wind-Beziehung geliefert: "Wir leben überschwemmt von einem Ozean aus Luft."
Der deutsche Historiker und Kunsthistoriker Stephan Cartier hat sich die Aufgabe gestellt, eine Kulturgeschichte des Windes zu erstellen. Dass er auch Radioredakteur ist, merkt man seinem sehr gut geschriebenen Buch "Der Wind" auch an: Im Zweifelsfalle geht das kuriose Detail oder die Anekdote vor Theorie und Systematik.
Das ist der Kurzweil der Lektüre keineswegs abträglich, wirft aber auch die Frage auf, was denn eine "Kulturgeschichte" des Windes überhaupt sein soll. Nachdem Nautik und Aeronautik offenbar ebenso selbstverständlich dazugehören wie die Meteorologie, die Geschichte der Windkraft oder die Windmetaphorik der Dichtung, stellt sich die Frage, ob diese Einschränkung sinnvoll, sprich: überhaupt eine ist.
Außer der Hybris der Kulturwissenschaften, irgendwie für alles zuständig zu sein, belegt der Satz "Wind bleibt ein kulturelles Konstrukt" ja nichts.

Tatsächlich ist es nämlich nicht sonderlich schwer, zwischen dem Wind an sich (auch Kant beschäftigte sich im Übrigen mit der Theorie des Windes) und dem zu unterscheiden, was wir von ihm zu wissen glauben oder wie wir über ihn sprechen. Der Hurrikan Katrina, auf den Cartier im Zusammenhang mit jener "Globalisierung der Katastrophenerfahrungen" zu sprechen kommt, die schon 1815 nach dem Ausbruch des Vulkans Tambora in Gestalt einer furchterregenden Aschenwolke zu spüren war (und Lord Byron zu der Gedichtzeile "Morn came and went – and came, and brought no day" inspirierte), ist etwas anderes als der Diskurs über ihn oder die sozialen und politischen Symptome, die durch ihn sichtbar wurden.
Auch die Ansicht, dass die Gebrüder Wright mit ihrem propellergetriebenen Flugzeug namens Flyer 1903 "eine angemessene technische Ausdrucksform für den sich anbahnenden aerodynamischen Lebensstil des 20. Jahrhunderts" gefunden hätten, kann nur einem Kulturwissenschaftler einfallen. Tatsächlich war es wohl genau andersrum: Die Luftfahrt hat den aerodynamischen Lebensstil hervorgebracht.

Cartier hat sein Buch nicht chronologisch, sondern in zwölf nach aufsteigender Windstärke geordnete Kapitel gegliedert. Das ist ein hübscher Einfall, wirkt allerdings ein wenig gewollt.
Goethe kommt immer wieder mal vor, der gescheiterten Anstrengung von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716), die Entwässerung von Bergwerken mit horizontalen Windmühlen voranzutreiben, wird etwas gar breiter Raum gewidmet, der Aberglaube des "Windfütterns" ebenso erwähnt wie die Entdeckung des Windchill-Faktors in den 1940ern oder die Sturm-Metaphorik bei Johann Gottlieb Fichte (1762–1814) und Joseph Goebbels.
Ein Glanzstück ist Cartiers Deutung des berühmten Kampfs gegen die Windmühlen, der eben kein Kampf gegen den Wind war; den hatte Don Quijote nämlich im Rücken. Im Unterschied zu Sancho Pansa, diesem "rundlichen Herold der Realität", war Quijote ein Bewunderer des Windes und der Auffassung, dass es unstatthaft sei, diesen zum Nutzen des Menschen auszubeuten.

Klaus Nüchtern in Falter 11/2014 vom 14.03.2014 (S. 45)

weiterlesen
Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783887473020
Ausgabe Erstauflage
Erscheinungsdatum 26.02.2014
Umfang 176 Seiten
Genre Sachbücher/Natur, Technik/Natur, Gesellschaft
Format Hardcover
Verlag Transit
Diese Produkte könnten Sie auch interessieren:
Philip Kiefer
€ 17,50
Gerhard Philipp, Philip Kiefer
€ 20,60
Albert Hofmann
€ 41,00
René Schliwinski
€ 18,50
Yuma Greenwood
€ 34,00
Jennie Moore, Sahar Attia, Adel Abdel-Kader, Aparajithan Narasimhan
€ 109,99
Xinyue Ye, Hui Lin
€ 76,99