Die schöne Schrift
Roman

von Rafael Chirbes

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Antje Kunstmann
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 12/1999

Geißblatt und Gedächtnis

Nach dem vielbeachteten Epos "Der lange Marsch" liegt dem deutschsprachigen Leser nun auch Rafael Chirbes' unpathetischer und zutiefst pessimistischer Kurzroman "Die schone Schrift" vor.
Warum sie gerade jetzt das Bedürfnis hat zu sprechen, weiß Ana nicht. Des Nachts hat der Duft des Geißblatts ihr Gedächtnis geritzt, und mit ihm haben sich die alten Geschichten in den Kopf gedrängt: von der Kindheit in dem kleinen Städtchen Bovra im Süden Spaniens, der Hochzeit, dem Bürgerkrieg und dem Elend der Nachkriegszeit, dem Schwager Antonio und seiner Frau Isabel. Sie erzählt sie ihrem einzigen Sohn, und sie erzählt sie sich selbst. "Vielleicht nur, weil sich beim Sprechen die Erinnerung einstellt, eine kranke Erinnerung ohne Hoffnung."
Denn das Glück hat sich in Anas bescheidenem Leben als allzu flüchtig erwiesen - Abende vor der Haustür, Tanzfeste auf der Plaza und selbstgenähte Kleider nach dem Vorbild der Leinwandstars. "Was waren das für schone Zeiten, als wir alle zusammen waren und lachten und es nicht am Notigsten fehlte", schreibt Antonio, der jüngere Bruder von Anas Mann und wie dieser ein "Roter", aus dem Gefängnis. Der Angst des Krieges folgten Argwohn und Opportunismus während der Franco-Diktatur: Im Kino wird mit ausgestrecktem Arm das "Cara al Sol" gesungen, und Antonio freundet sich nach seiner Entlassung mit dem Peiniger seines Bruders an …
Er wolle gerade jenen eine Stimme geben, meinte Rafael Chirbes einmal, die keine haben, den Ohnmächtigen, den kleinen Leuten. Seit dem Überraschungserfolg seines letztes Jahr in deutscher Übersetzung erschienenen Romans "Der lange Marsch" gilt der 50jährige studierte Historiker als Chronist der spanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Aber er wäre kein Romancier, der sich in der Tradition der großen Realisten des 19. Jahrhunderts wie Balzac, Tolstoi, Flaubert und Tschechow sieht, handelte er nicht gleichzeitig immer auch die grundlegenden Fragen des Menschseins ab. Wie seine bisherigen Bücher kreist auch sein neuer Roman "Die schone Schrift" um das Thema des Scheiterns, der enttäuschten Hoffnungen.
Auch Anas Vorstellungen vom Glück haben sich zerschlagen - ihr leiser, beinahe wortkarger Monolog ist jedoch keine larmoyante Anklage, sondern die wehmütige Bilanz eines Lebens, zu dem es keinen Schlüssel zu geben schien. Während es ihre Schwägerin Gloria darauf anlegt, sich dem Glück zu verweigern, hat sich Antonios extravagante Frau Isabel stets genommen, was sie brauchte. Sie ist der Stachel in Anas Fleisch, mit ihr beginnt und endet die Geschichte. Anas Erinnerungen kreisen um ihre unausgesprochene, uneingestandene Liebe zu Antonio, um ihre Bewunderung und Verachtung für das opportunistische, leichtlebige Paar.
Statt sich gegen die Ausnutzung durch ihren Schwager und ihre Schwägerin zu wehren, gegen die Entfremdung von ihrem Mann zu kämpfen, hat sich Ana stets ins vermeintlich Unvermeidbare gefügt, ihre Hoffnungen - halb aus Angst, halb aus moralischer Integrität und Bescheidenheit - im Dunkel des Kinosaals zurückgelassen.
"Die schone Schrift" ist ein Roman der Hoffnungslosigkeit, erzählt in einer Sprache von karger Schonheit, ein unpathetisches, zutiefst pessimistisches Stück Literatur, an dessen Ende auch der Tod keine Erlosung verheißt. Isabels Gewandtheit, ihre "schone Schrift", maskiert bloß ihre Lügen und ihre Skrupellosigkeit, und obwohl Anas Ehe mit Tomás gerade an der Sprachlosigkeit zerbricht, hat die späte Aufrichtigkeit, das erinnernde Erwecken der Vergangenheit keine kathartische Wirkung. Das Leiden erweist sich als sinnlos, und die Hieroglyphen des Lebens bleiben unleserlich wie jene Zeichen, die Schnee und Blut auf dem sterbenden Korper ihres Mannes hinterlassen haben.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 12/1999 vom 26.03.1999 (S. 8)


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