Ökologie der Angst
Los Angeles und das Leben mit der Katastrophe

von Mike Davis

€ 40,10
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Übersetzung: Gabriele Gockel
Übersetzung: Bernhard Jendricke
Übersetzung: Gerlinde Schirmer-Rauwolf
Verlag: Kunstmann, A
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Umfang: 540 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 48/1999

Stadt in Angst

Der US-amerikanische Stadtsoziologe Mike Davis beschreibt in seiner umfassenden Studie "Ökologie der Angst" den Großraum von Los Angeles als eine von Beben, Gangs und Killerhörnchen heimgesuchte Antistadt.

An einem ganz gewöhnlichen Tag des Jahres 1990 brach in Bradbury, einem wohlhabenden Villenviertel am Nordrand von Los Angeles, die Hölle los: Der Anblick "eines großen Pumas, der mitten am Tag mit einem hilflosen weißen Pudel im Maul die Straße entlangstolzierte", versetzte die Einwohner der in die Berge gerammten Siedlung aus lauter Millionen-Dollar-Domizilen in Angst und Schrecken.

"Die Natur beißt zurück." Mit diesen Worten paraphrasiert der Stadtsoziologe Mike Davis in seinem neuen Buch "Ökologie der Angst" die zahllosen aufgeregten Medienberichte über gefährliche Begegnungen von Tieren und Menschen in L.A.: Pumas, Kojoten und Schwarzbären machen sich im Stadtgebiet breit, holen sich geliebte Haustiere aus den Stadtrandvillen oder lassen die Kadaver ihrer Beute auf gepflegten Rasenflächen und in Swimmingpools zurück.

Die Puma-Hysterie, die nach Zwischenfällen wie dem von Bradbury um sich griff und zur Aufstellung bewaffneter Bürgergarden führte, wird nur von der neoromantischen Anteilnahme am Schicksal des neuen inoffiziellen Wappentiers Kaliforniens (nachdem das alte, der Grizzly, um 1900 ausgerottet wurde) übertroffen: Für die zwei Jungen eines zur Strecke gebrachten Puma-Weibchens spendeten die "Angelinos" - also die Bewohner von L.A. - mehr als für die zwei Kinder jener Frau, die es zuvor angefallen und getötet hatte.

Metropolis 2000, das ist nicht die vertikal geschichtete Mega-Maschine, die Fritz Lang 1927 filmisch imaginiert hat, sondern biotischer Wildwuchs. Großraubtiere, Pesthörnchen und Killerbienen sind dabei nur ein Symptom einer tiefgreifenden Krise in der Beziehung zwischen städtischem Ballungsraum und "natürlichem" Umfeld. Aber: Die biblischen Strafen, die den Moloch immer wieder ereilen, haben handfeste Gründe, wie Mike Davis nicht müde wird zu erläutern: wirtschaftliche Spekulation, politische Korruption und Rassismus. Die tödliche Begegnung von Angelinos und Puma beispielsweise begann (nach hundert Jahren ignorabler Koexistenz) 1985, als sich die noblen vorstädtischen Siedlungstentakel, süchtig nach "Natur" und flüchtig vor der Berührung mit "nicht weißen Rassen", in die letzten geschlossenen Lebensräume der Puma-Populationen vorgeschoben hatten.

In diesem Jahrhundert ist L.A. mindestens 138-mal in Romanen und Filmen dem Erdboden gleichgemacht worden oder im Meer versunken. Doch während man die Zerstörung New Yorks oder Londons als Drama imaginiert, wird, wie Davis meint, "die Vernichtung von Los Angeles als Sieg der Zivilisation dargestellt oder zumindest unterschwellig als solcher empfunden". Das könnte man nun als Folge eines binären Denkschemas auffassen, denn den Metropolen kommt im alltagsmythologischen Umverteilungsprozess als Verdichtungsfigur von Gut und Böse, Richtig und Falsch etc. eine bedeutende Rolle zu. Man könnte das Genießen des Untergangs aber auch in Verbindung bringen zu den Fantastereien einer sektenhörigen, drogensüchtigen Szene, die seit ihren Anfangstagen die Filmindustrie Hollywoods zum Erfolg gebracht hat.

Vor allem aber darf man nach der Lektüre von "Ökologie der Angst" nicht mehr behaupten, L.A. repräsentiere den "anderen", rein zeichenhaften Typus der Stadt, denn es gibt eine äußerst konsequente Politik (hinter) der "Apokalypse". Während die Metropolen des 19. Jahrhunderts ihr Wachstum einigermaßen unter Kontrolle brachten, dienten die Politiker von Los Angeles den Immobilienspekulanten, die großmaßstäblich billige landwirtschaftlich genutzte Flächen aufkauften und sie dann in teures Bauland für die endlosen Suburbs umgewidmet bekamen.

So erstarrte die Entwicklung im Zentrum, die Farmer mussten wegen aufgewerteter Grundsteuern verkaufen, die Kosten für Schulen, Wasser, Strom etc. schnellten in die Höhe, und die "falsche Dichte", die hier produziert wurde, vervielfachte das individuelle Verkehrsaufkommen. So mutierte L.A. zur Antistadt - mit der "Peripherie" im Inneren und der Oberschicht an den Rändern, wohin auch die öffentlichen Kapitalströme verschoben werden. Rechnet man die abenteuerlich hohen Ausgaben für Brandschutz sowie Notstandshilfen nach Unwetterkatastrophen an die weißen Villenbesitzer in Malibu gegen die deswegen gekürzten Sozialhilfeprogramme auf, dann lässt sich behaupten, dass die ökologischen Krisen Instrumente eines Klassenkampfes gegen die Armen gleich welcher Hautfarbe sind.

Mike Davis gilt als einer der wichtigsten Theoretiker der postmodernen Stadt. "City of Quartz", seine geniale Einführung in die Prozesse der "Militarisierung" der südkalifornischen Landschaft, erhielt den Preis "Best Book 1990" der American Social Science Association. Bücher wie Saskia Sassens "Global City" oder Manuel Castells "Informational City" mögen visionärer sein, setzen aber reichlich ökonomisches Vorwissen voraus. Davis Bedeutung hingegen liegt in einer umso raffinierter ausgeführten Methode begründet, nämlich seiner spezifischen Art von sehr verständlichem "Story-Telling".

Die mit Details gespickten Erzählungen der großen Mäuseplage von 1937, des Aufstands von 1992 mit 17.000 (!) Verhaftungen, der "ökologisch-tiersicheren Nachrüstung" des 5000-Volt-Zaunes um das Gefängnis Calipatra oder des großen Erdbebens von Northridge (42 Mrd. Dollar Schadenssumme) lesen sich wie Episoden einer Stadt, die auf "Sicherheitsarchitektur" statt auf Konvivialität setzt - und sich damit ihre Krisen erst recht produziert. "Ökologie der Angst", das verweist nicht mehr auf das planerische begriffliche Gegensatzpaar "Natur" und "Stadt", sondern auf die virulenten Überlagerungen von "Wildnis" und "kontrolliertem Raum".

Die treibende Kraft von L.A. ist für Mike Davis nicht das Geld, das Wissen oder das Wetter, sondern die Angst - Angst vor dem nächsten Tornado, den Straßengangs, den verwilderten Hunden nahe Downtown, die sich mit Kojoten mischen. Die Hysterie ist drauf und dran, die letzten Reste von "Stadt" - und das heißt immer noch: von anonym nutzbaren, sozial kreativen öffentlichen Räumen - zu zerstören.

Die "City of Quartz" ist zur militärisch abgeriegelten Festung geworden, die Videoüberwachung registriert alle Bewegungen; das L.A. Police Department erlässt im eigenen Ermessen Zugangsbeschränkungen für spezifische Gruppen zu Parks, Verkehrsanlagen oder gleich ganzen Vierteln. Und Architekten arbeiten an der nächsten Generation "intelligenter" Hochhäuser, deren Sensoren potenzielle "biotische Feinde" selbsttätig identifizieren und im Notfall "ausschalten".

L.A. hat sich den Albtraum als Wahrzeichen gewählt, und allein zwischen 1992 und 1994 haben eine halbe Million Einwohner die Stadt verlassen - in Richtung Seattle oder Sacramento. Der Auszug aus dem Paradies hat begonnen.

Siegfried Mattl in FALTER 48/1999 vom 03.12.1999 (S. 69)


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