Über das Gesicht
Naturgeschichte des Gesichts und unnatürliche Geschichte derer, die es verloren haben

von Jonathan Cole, Wolfgang Ritschl

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Verlag: Antje Kunstmann
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

Jonathan Cole hat Personen untersucht, die unter Störungen des Gesichtsausdrucks leiden, und auf Basis seiner Erkenntnisse eine spannende "Naturgeschichte des Gesichts" verfasst.

Das Gesicht, der Spiegel der Seele. Dem Wahrheitsgehalt dieser unverwüstlichen Metapher versuchen Philosophie und Wissenschaft seit Jahrhunderten auf die Spur zu kommen. Und die wachsende Zahl von Publikationen der letzten Jahre – von kulturhistorischen Betrachtungen über die Physiognomik und ihrer Nähe zum Rassismus bis hin zu simplifizierenden Gesichterentzifferungsanleitungen – beweist, dass nach wie vor Erklärungsbedarf besteht.
Was dazwischen fehlte, war die Sichtung und allgemein verständliche Darstellung der neueren Erkenntnisse der Naturwissenschaften zu diesem Thema. Diese Lücke schließen die Überlegungen des britischen Neurophysiologen Jonathan Cole "Über das Gesicht" auf wohltuend sachliche und doch engagierte Weise. Auch Cole fragt nach dem Verhältnis von Gesicht und Persönlichkeit, konzentriert sich aber – anders als die "klassische" Physiognomik – auf die Mimik, die Interdependenzen von Gefühl und damit korrespondierendem Gesichtsausdruck.
Er beginnt seine Suche auf den weißen Flecken dieser "Landkarte der Gefühle", in der Hoffnung, von der Dysfunktion des Gesichts auf seine Bedeutung und Funktionsweise schließen zu können und so zu einer "Naturgeschichte des Gesichts und unnatürlichen Geschichte derer, die es verloren haben", zu gelangen, wie der Untertitel formuliert. Der Leser begleitet ihn auf seinem Erkenntnisweg auch und vor allem zu Menschen, die unter unterschiedlichen Formen von Gesichtsverlust leiden – beginnend mit Mary, die aufgrund einer unbekannten Krankheit ihre Mimik verlor und damit auch die Fähigkeit zur emotionalen Interaktion. Anhand der Erfahrungen von Blinden erhärtet Cole seine von Darwin stammende Ausgangsthese, dass ein Gefühl durch seinen mimischen Ausdruck verstärkt wird.
Die große Bedeutung von Blickkontakt und Mienenspiel für Säuglinge führt ihn dann zu einer Störung, bei der genau diese Kommunikationsform problematisch ist: dem Autismus. Die Selbstdarstellung der autistischen Schriftstellerin Donna Williams gehört zu den spannendsten Passagen des Buchs und widerspricht der landläufigen Vorstellung, dass Autisten faciale Begegnungen und soziale Interaktion aus Gleichgültigkeit meiden. Um sich vor der drohenden Reiz- und Informationsüberflutung durch das komplexe Medium Gesicht zu schützen, gehen Autisten ihm vielmehr aktiv aus dem Weg – denn der Zutritt zum anderen, den es ermöglicht, bedeutet eine Existenzbedrohung für ihr wenig gefestigtes Selbst. Donna Williams begreift ihre Störung denn auch nicht als geistige, sondern als neuronale bzw. emotionale.
Coles Gespräche mit Menschen, die am Möbiussyndrom (einer angeborenen Gesichtslähmung), an Parkinson bzw. unter unfallbedingten Gesichtsentstellungen leiden, bestätigen die Hypothese, dass mimische Probleme nicht nur das Sozialverhalten beeinflussen, sondern auch die Tiefe der Empfindungen. Mehr noch: Erst das Display der Emotionen im Gesicht ermöglicht die volle innere Erfahrung: Der Ausdruck ist die Emotion. Da nur Menschen ein Mienenspiel haben, das ein "Zeichensystem sui generis" darstellt, stellt Cole schließlich die Frage, inwieweit unsere Spezies über unser Gesicht zu erklären sein könnte.

Ausgehend von dem Nachweis, "dass die relative Größe des Gehirns einer Primatenspezies proportional zu ihrer Herdengröße steigt", entwickelt er eine Evolutionsgeschichte des Gesichts, die bedenkenswert ist. Demnach wurde die soziale Intelligenz, die sich mit der steigenden Komplexität der sozialen Interaktion entwickelte und die ermöglichte, sich in den anderen hineinzuversetzen, seine Gefühle aus dem Gesicht abzulesen, für ihn der "Schlüssel zum biologischen Erfolg der großen Menschenaffen" und zum "Vorläufer höherstufiger kognitiver Funktionen und vielleicht sogar des Bewusstseins".
Gefühle sind kein Luxus, kein Nebenprodukt der Evolution. Dass ein gesunder Gefühlshaushalt auch zum Erfolg des neuzeitlichen Individuums entscheidend beitragen kann, ist spätestens seit den Bestsellern von Daniel Goleman allgemein akzeptiertes Faktum. Dass aber – da ausdifferenzierte Gesichter die Identifikation der einzelnen Mitglieder einer Gruppe erleichterten – auch die Individualität zum evolutionären Konzept gehörte, ist vielleicht der eleganteste Gedanke des Buchs. Er gibt der Menschheit den Zacken der Krone zurück, die ihm Darwins Evolutionstheorie dereinst scheinbar herausgebrochen hat.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 37)


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