Stern in der Ferne

von Roberto Bolaño, Walter Marschitz

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Verlag: Antje Kunstmann
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 12/2000

Chile: Roberto Bolano saß unter Augusto Pinochet im Gefängnis, seine Abrechnung mit dem Regime wird zum poetischen Höhenflug.
Es gibt einen Trick, sich den Roman "Stern in der Ferne" des Chilenen Roberto Bolano einzuverleiben, ohne auch nur eine Zeile gelesen zu haben. Ein Blick in Bolanos grotesk-fiktives Lexikon "Die Naziliteratur in Amerika" genügt. Dort findet sich auf 25 Seiten - komprimiert wie bei "Reader's Digest" - die Geschichte des "schrecklichen Ramirez Hoffmann", dessen Laufbahn um 1970 ihren Anfang nahm, als Salvador Allende Präsident von Chile war. Abgesehen davon, dass Ramirez Hoffmann in der Romanfassung Carlos Wieder heißt und auch weitere Protagonisten andere Namen tragen, ist der Plot hier bereits vorgeschrieben. Ein schmieriger Extrempoet schleicht sich unter falschem Namen in eine linksidealistische Dichterwerkstätte in Santiago de Chile ein, wo er zum Missfallen der anderen Nachwuchsliteraten weibliche Teilnehmerinnen erfolgreich betört. Im Rückspiegel der Erinnerungen entpuppt er sich als verruchtes Monster, das der Autor stellvertretend für alle Verbrecher der Pinochet-Diktatur an den Pranger stellt.
Das moralische Recht dazu ist teuer erworben. 1953 geboren, wurde Bolano 1973 kurz nach dem Militärputsch von Augusto Pinochet verhaftet und saß ein halbes Jahr im Gefängnis. Danach ging er ins Exil nach Mexiko, ehe er in der Nähe von Barcelona eine neue Heimat fand. Gerade in Zeiten, in denen sich der 84-jährige Alt-Diktator wegen tatsächlicher oder vorgeblicher Senilität aus der Verantwortung stiehlt, gewinnt der Roman drastisch an Aktualität. Bolano tritt gleichsam als Partner des spanischen Richters Baltasar Garzon auf den Plan, um neben den Verbrechen an den Menschen auch jene an den Rechten der Literatur zu rächen. Daher ist auch die Annahme legitim, dass hinter dem Icherzähler des Romans Bolano selbst steht.
Die Authentizität in eigener Sache ist dabei allerdings nicht mehr als eine geschickte Finte. So schildert Bolano völlig realistisch und tatsachentreu, wie leicht es in Chile damals war, ins Gefängnis zu kommen. "Die Umstände meiner Verhaftung waren banal", vermerkt er sachlich, um kurz darauf die Kritik am Kunstsinn der Militärs in groteske Höhen zu treiben. In einem Gefangenenlager wird er Zeuge des ersten poetischen Luftakts von Carlos Wieder, der mit einer alten Messerschmitt Fascho-Gedichte in den chilenischen Himmel schreibt. Allmählich, als sich die Kondensstreifen der aeronautischen Versfüße auflösen, wächst die Erkenntnis, dass die in den Himmel gepusteten Sätze wie "Der Tod ist Freundschaft" oder "Der Tod ist Chile" nichts anderes sind als eine Hommage Wieders an seine eigenen Opfer. Er ist ein Schlächter des Regimes, seine einzige Moral ist die Ästhetik. Faszination und Abscheu verschränken sich auch, als Wieder etwas später seine grausamen Taten auch noch in Form von künstlerischen Fotografien ausstellt. Dass der Dichter am Ende offenbar doch noch seinen Henker findet, scheint angemessen, obwohl es - siehe Pinochet - nicht dem üblichen Duktus chilenischer Vergangenheitsbewältigung entspricht. Pinochet wird der Satz zugeschrieben, die Demokratie müsse "von Zeit zu Zeit in Blut gebadet werden". Wie schon im Lexikon der "Naziliteratur in Amerika" zeigt Bolano, dass er diesem Bad dank eines an sein Vorbild Jorge Luis Borges erinnernden Humors einigermaßen unbeschadet entsteigen konnte. Im Grunde ist der "Stern in der Ferne" eine gelungene Fortsetzung seiner lexikografischen Persiflage. Fast jede von ihm eingeführte Figur nutzt Bolano, um anhand überzeichneter Biografien eine surreale Nummernrevue rechter wie linker lateinamerikanischer Literaten und Künstler abzuziehen. Wobei der Lebenslauf jenes progressiven Geistes, der sein Leben dem Vorhaben opfert, einen Roman ohne "E" zu schreiben, in der Realität von Georges Perec bereits eingelöst wurde ("Anton Voyls Fortgang") und die "ungeheuerliche" Geschichte des Literaturwerkstatt-Leiters Juan Stein auch von Woody Allen stammen können: Stein wird von seinen Verehrern an allen revolutionären Schauplätzen dieser Welt von Angola bis Nicaragua gewähnt. Erst nach seinem Tod wird klar, dass er Chile nie verlassen hat.

Edgar Schütz in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 11)


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