Krankheit und Kultur
Plädoyer für ein neues Körperverständnis

von David B. Morris, Thomas Wollermann, Bernhard Jendricke, Barbara Steckhan

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Antje Kunstmann
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 42/2000

Der mehrfach ausgezeichnete Wissenschaftspublizist David B.Morris fordert in seinem neuesten Buch ein biokulturelles Verständnis von Krankheit.Die Medizin hat aber eher anderes im Sinn.
Neben mir an der Bar sitzt ein Mann meines Alters. Seine scheppernd monotone Sprechweise deutet darauf hin, dass er wegen Kehlkopfkrebs operiert wurde. Neben seinem Bierglas liegen Taschentücher. Wiederholt verschwindet er Richtung Toilette, wohl um seinen Schleim abzuhusten. Der Verlust der eigenen Stimme kommt einer massiven Verstümmelung gleich. Er verlässt das Lokal, bevor es sich mit Gästen füllt. Eine Gesellschaft, die den heilen und unversehrten Körper betont wie keine andere zuvor, muss solch offensichtliche Beschädigungen des Körpers als bedrohlich erleben.
Dies war nicht immer so. Krankheit ist nicht nur ein biologisches Phänomen, sondern hat ihre sozialen und kulturellen Dimensionen. Ein Bergbauer mit transplantierter Lunge missachtet konsequent die Empfehlung, den Stall - wenn es schon sein muss - mit einem Mundschutz aufzusuchen und jeden Kontakt mit Heu zu meiden. Er hält die heimatliche Luft für gesund. Diese Vorstellung stößt bei manchen Ärzten und Krankenschwestern auf Unverständnis.
Sein Krankheitsverständnis ist weniger durch die moderne Medizin als durch die kleinbäuerliche Kultur geprägt, die immer noch einen anderen Umgang mit Krankheit und Tod kennt. Es ist wohl anzunehmen, dass diesem Patienten die Wirkung des Heustaubs auf seine Lunge bestens bekannt ist. Wahrscheinlich aber ist ihm die abverlangte Untätigkeit - die Aufgabe all dessen, was seinem Leben Sinn verleiht - noch unangenehmer als das Risiko, sein ohnehin knapp bemessenes Leben früher zu beenden.
Vom Zahnarzt bis hin zur Schönheitschirurgie: Überall scheint sich Kulturelles in das vorgeblich sichere biologische Modell der Medizin zu mischen. Und auch David B. Morris, bekannt geworden durch seine brillante Studie zur "Geschichte des Schmerzes", plädiert in seinem neuesten Buch, "Krankheit und Kultur", für ein biokulturelles Krankheitsverständnis. Anhand einer Vielzahl von Beispielen zeigt er, dass sich das eine ohne das andere nicht denken lässt und die kulturellen Wurzeln von Krankheit mitreflektiert werden müssten.
Fragt sich nur, wie das in der modernen Medizin, die all ihre sensationellen Erfolge der Technik verdankt, möglich sein sollte. Im Gegensatz zu David B. Morris vermag ich keine Anzeichen für ein Krankheitsverständnis zu sehen, welches die biologische Dimension um jene der kulturellen erweitern würde. Im Gegenteil: Patientenerwartungen und biotechnische Medizin legen ein Körperbild nahe, das dem der Maschine stärker ähnelt als je zuvor. Und parallel dazu etabliert sich ein Krankheitsverständnis, das den Patienten allenfalls als Kunden sieht, keinesfalls aber als Subjekt seiner Krankheit. Es leuchtet ein, wenn Morris fordert, "die Aufmerksamkeit von den abstrakten Prinzipien und den technologisch hochgerüsteten Notfallstationen, in denen um Leben und Tod gekämpft wird, wegzuführen und sie verstärkt auf das Gewöhnliche und den Alltag zu lenken" - etwa darauf, wie Ärzte ihre Sprechstundenhilfen behandeln oder warum Patienten so lange im Wartezimmer sitzen müssen.
Allerdings liest man auch bei Morris erstaunlich wenig darüber. Hätte er sich mehr mit dem Banalen befasst, so würde er vielleicht dafür plädieren, den Patienten in die Pflicht zu nehmen, sich innerhalb des Medizinsystems seinen Platz zu suchen und diesen womöglich auch zu behaupten. Morris zitiert immerhin auch selbst einen Patienten, der dies in geradezu erstaunlicher Weise vorführte, nämlich Anatole Broyard, Buchkritiker der New York Times.
Broyard starb 1990 an einem Prostata-Karzinom und hinterließ bemerkenswerte Aufzeichnungen: "Mein Urologe, ein berühmter Mann, wollte mir die Hoden abschneiden (...). Aber das kam mir vor, als sollte ich mich schon gleich zu Beginn geschlagen geben. Von seinem Standpunkt als Chirurg aus hielt er das für die sicherste, rascheste und sauberste Lösung. Zu sauber, meinte ich, während ich mir vorstellte, wie ich mich ohne Eier fühlen würde. Mir war klar, dass mich diese Lösung deprimieren würde, und eine Depression ist bestimmt nichts, was der Heilung dient." Boyard überließ die Beschäftigung mit dem Körper den Ärzten und klagte diesen gegenüber sein Selbstverständnis ein. So war er nicht mehr (allein) Opfer seiner Krankheit, nicht einzig Objekt der Medizin, sondern ein Individuum, das - wie Morris schreibt - "darum ringt, die Gesundheit und damit die Stimme zurückzugewinnen, die uns die Krankheit so oft raubt". Wer sich allerdings darauf einlässt, der gewinnt nicht nur, sondern hat auch die Kosten dieses Gewinns zu tragen. Dies gilt nicht nur für die Patienten, sondern letztlich auch für die Ärzte - sie wären davon bedroht, ihre Handlungsfähigkeit einzubüßen.
Ohne Schwierigkeit lassen sich Krankheitsvorstellungen und Behandlungsmethoden von Prärieindianern als kulturelle Phänomene untersuchen und betrachten. Solche Betrachtungen kann sich selbst der eingefleischteste Chirurg erlauben. Auch wenn man daraus ableiten kann, dass unser eigenes Krankheitsverständnis in ähnlicher Weise durch kulturelle Muster geprägt ist, bedeutet dies noch keineswegs, dass sich dieses auch reflektieren ließe.
Sigmund Freud wusste das: Die Aufklärungsarbeit der Psychoanalyse fordert einen hohen Preis, nämlich die zunehmende Schwierigkeit, im kulturellen Strom des Unbewussten aufgehoben zu sein. Das wäre auch der Preis, den Ärzte und Patienten zu zahlen hätten, würden sie die Sicherheiten eines biologistischen Krankheitsmodells aufgeben.

Bernhard Kathan in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 36)


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