Am Mittelmeer

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Verlag: Kunstmann, A
Genre: Reisen
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 26/2001

Wenn Rafael Chirbes nicht gerade als Romanautor die Narben abtastete, die Bürgerkrieg und Franco-Dikatur in Spanien hinterlassen haben, war er in den vergangenen Jahren als Reise-Kolumnist der Zeitschrift Sobremesa unterwegs. Entstanden sind dabei einfühlsame Texte, die der Antje-Kunstmann-Verlag unter dem etwas zu pragmatischen Titel "Am Mittelmeer" zusammengefasst hat. Aussagekräftiger ist da schon eine der Kapitelüberschriften: "Sehnsucht nach Irgendwo". Es ist diese Gemütsregung, die Chirbes wachsamen Auges Städte und Kulturen durchstreifen lässt. Dabei sammelt er Eindrücke und Begegnungen, um Momentaufnahmen geruhsamen Schauens in unaufdringlich analytische Essays umzusetzen.

Das Wissen kommt ganz beiläufig daher. So sinniert Chirbes über die Geschichte des kretischen Minotaurus und spinnt den aufgenommenen Faden bis zur Gegenwart weiter: Ist es nun Interesse, dass Heerscharen von Touristen auf den Ruinen von Knossos herumklettern lässt, oder doch nur die "Gewissheit, ein Foto heimzutragen, mit dem man die Bürokollegen neidisch" machen kann?

Dass sich über das Wesen Roms schön philosophieren lässt ("Rom tritt mit dem verführerischen Augenzwinkern einer Zwischenzeit entgegen, einer Zeit, in der die Menschen unter dem Schutz maßloser Ideen und Ambitionen Werke schufen, die es ihnen erlaubten, mit der Spitze ihrer sterblichen Finger den Finger der Gottheit zu berühren") überrascht wenig. Doch ringt Chirbes selbst der profanen Betonwüste der spanischen Touristenhochburg Benidorm noch Sinnhaftes ab. "In Benidorm ist schlicht alles das, was es ist. Nichts schmückt sich zur Erhöhung des Mehrwerts mit einem ideologischen Überbau."

In mancher Passage steckt der Stoff für (zumindest) eine Kurzgeschichte. So trifft Chirbes in Venedig "eines dieser Paare, bei denen der Mann sich in seiner Haut nicht recht wohl zu fühlen scheint, weil die Frau es ist, die die Kleidung aussucht, und die sucht sie für einen anderen aus: für den Mann ihrer Träume". Darüber hätte man gern mehr erfahren.

Edgar Schütz in FALTER 26/2001 vom 29.06.2001 (S. 60)


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