...sagte Mutter

von Hal Sirovitz

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Verlag: Antje Kunstmann
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 16/2002

Kindheit gehört verboten, denn Kindheit ist grundsätzlich schlimm. Auch Elternschaft gehört verboten, denn sie zerstört die geistige Gesundheit von Heranwachsenden. "Du bist eine Schande", "Du wirst noch als Penner enden", "Du solltest zum Analytiker gehen" - dergleichen Erziehungsfloskeln fallen bald einmal, jeder kennt sie. Der New Yorker MTV-Poet Hal Sirovitz hat aus ihnen das lyrische Waffenarsenal "sagte Mutter" zusammengebaut. Als Stellvertreter einer Generation emotional invalider Söhne holt er mit nichts als dem angehäuften Rhetorik-Müll zum Gegenschlag aus. Was dann allerdings ein bisschen so wirkt, als wolle er seine Eltern mit Softbällen steinigen. Zurecht wird das Bändchen unter dem Label Geschenkbuch vertrieben, denn behalten wird es sich kaum wer wollen. Dass in Elternschaft das Potenzial steckt, die Brutalität der eigenen Biografie auf sein Kind abzuwälzen, belegt die Salzburgerin Petra Nagenkögel in ihrem Roman "Dahinter der Osten". Nach zwanzig Jahren selbst auferlegter Kontaktsperre besucht Lena erstmals die Stadt ihrer Kindheit: eine typisch österreichische Sammlung von Vororthäusern voller verdrängter Szenarien um KZ-Gefangene und das eigene Sterben an Ost- und Heimatfront. Das Schweigen über die eigenen Befindlichkeiten hat Lenas Mutter innerlich zu Granit werden lassen, den Vater zum Alkoholiker. Er hat nur noch ein Ventil, über das er emotionalen Dampf ablassen kann - die sexuelle Befriedigung am Körper der Tochter. Die Mutter scheint es nicht zu missbilligen. Nagenkögel erzählt diese Geschichte so überzeugend, als wäre sie für die einkommensschwache Schicht in der Nachkriegszeit mehrheitsfähig. Dass man bei der Lektüre mitunter kotzen möchte, ist in diesem Zusammenhang als Lob für einen Roman zu verstehen, dessen Qualität nicht zuletzt in der Grausamkeit besteht, mit der hier auf eine Kindheit geblickt wird.Nur schwer kann man sich den Fotografen Walker Evans, der durch sein Porträt der verarmten amerikanischen Südenstaaten in den Dreißigerjahren berühmt wurde, mit etwas so Schnödem wie einer Sofortbildkamera vorstellen. Tatsächlich lebte Evans bis 1975 und erwarb noch zwei Jahre vor seinem Tod das "Spielzeug" (wie er es nannte), mit dem er als kranker, alleinstehender Mann seine letzten Bilder schuf. Mehr als 2500 gelbstichige Fotos entstanden in so kurzer Zeit, und Evans kehrte zu Schlüsselmotiven zurück, die ihn schon am Beginn seiner Karriere interessiert hatten: Straßenschilder und -markierungen, alle Arten von Schrift im öffentlichen Raum, volkstümliche Architektur, Interieurs und Porträts.

Martin Droschke in FALTER 16/2002 vom 19.04.2002 (S. 61)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Dahinter der Osten (Petra Nagenkögel)
Polaroids (Walker Evans)

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