The Beast In Me
Johnny Cash und die seltsame und schöne Welt der Countrymusik

von Franz Dobler

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Antje Kunstmann
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 45/2002

An sich ist Wiglaf Droste von Berufs wegen ein Scherzbold. Doch zu Johnny Cashs letztem Album "American III: Solitary Man" notierte der deutsche Satiriker vor zwei Jahren durchaus ernst gemeint: "Beten gehört nicht zu meinen Gewohnheiten, aber dafür, dass Johnny Cash vielleicht noch eine Platte besingt, kann man ganz eigennützig auf die Knie gehen."
Tatsächlich galt schon "Solitary Man" als kleines Wunder: Nachdem Johnny Cash im Oktober 1999 wiederholt an schwerer Lungenentzündung erkrankt war, hatte er sich am Krankenbett bereits von seiner Familie verabschiedet. "Solitary Man" war in der Folge auf erschütternde Weise von dieser Todeserfahrung geprägt. Im Schlussstück "Wayfaring Stranger" hieß es etwa ganz dezidiert: "I'm going there to see my Mother / She said she'd meet me when I come / So I'm just going over Jordan / I'm just going over home."
Nach seinem siebzigsten Geburtstag im Februar dieses Jahres bäumt sich der herausragendste Sänger der Countrygeschichte mit dem neuerlich eindrucksvollen und tief berührenden Album "The Man Comes Around" noch einmal gegen seine schwere Krankheit auf. Ursprünglich wurde Parkinson diagnostiziert, die nächste Fehldiagnose lautete Shy-Drager-Syndrom. "Jetzt sprechen sie von autonomer Neuropathie", erklärt Cash im Begleittext zur neuen CD. "Ich weiß nicht wirklich, was das sein soll, aber vermutlich bedeutet es ganz einfach, dass ich alt und zittrig werde."
Seine Krankheit wurde dem Ausnahmesänger zum Antrieb für die Aufnahme einer vierten Platte mit Rick Rubin, der als Produzent von Slayer oder den Beastie Boys ursprünglich von Metal und Rap kommt. "Ich habe mit meiner ganzen Willenskraft gegen diese Krankheit angekämpft", schildert Cash die Arbeit am Album. "Manchmal hatte ich die Stimme völlig verloren. Trotzdem habe ich mich derart zu den Aufnahmen gezwungen, als wäre es das Letzte, das ich auf dieser Welt noch tun könnte. In den neuen Stücken stecken daher all diese Gefühle, dieses Feuer, diese Inbrunst und diese Leidenschaft - sie demonstrieren, welche Stärke aus der Schwäche erwachsen kann."
Mit der 1994 gestarteten "American Recordings"-Reihe reüssierte Cash vor allem bei einer jungen, alternativen Hörerschaft. Zuvor galt er zwar schon jahrzehntelang als Verkörperung der Countrymusik; innerhalb des Country-Establishments blieb der gottesfürchtige bad boy aber stets ein Fremdkörper. Weder wollte der für seine langjährige Alkohol- und Medikamentensucht berüchtigte Cash seine morbiden Songs durch den Weichspüler des Kommerz-Country jagen, noch erfüllte er das Klischee des eindimensionalen Hurrapatriotismus.
Die berüchtigte Geschichte mit dem Inserat im Billboard-Magazine verdeutlicht Cashs Verhältnis zur ignoranten Welt der rein kommerziellen Countryszene exemplarisch: Nachdem ihre zweite gemeinsame Produktion "Unchained" 1997 den Grammy als bestes Country-Album des Jahres erhalten hatte, kauften Cash und Rubin eine ganzseitige Anzeige im Branchenfachblatt der amerikanischen Popindustrie. "American Recordings and Johnny Cash would like to acknowledge the Nashville music establishment and country radio for your support", hieß es da. Das zugehörige Foto zeigte einen alten Konzertschnappschuss, auf dem Cash mit wutverzerrtem Gesicht seinen ausgestreckten Mittelfinger in die Kamera hält. Dazu stand am unteren Rand der Anzeige noch ganz klein gedruckt: "Thanks to those who made a difference - you know who you are."
Diesen Unterschied machten unter anderem auch Cashs musikalische Nachfahren wie Will Oldham, Beck oder Nick Cave. Ihr Idol revanchierte sich dafür auf besondere Art: Im Duett mit Will Oldham verwandelte er dessen Song "I See a Darkness" vor zwei Jahren in einen erhabenen Klassiker; auf dem neuen Album findet sich der große alte Man in Black des Country jetzt mit Nick Cave, seinem Pendant im Bereich des Independent-Rock, vor einem gemeinsamen Mikrofon wieder. Man gibt "I'm So Lonesome I Could Cry" und huldigt damit Hank Williams, einer weiteren düsteren Poplegende.
Abgesehen von dem an Intensität kaum zu übertreffenden Titelstück, einer seiner besten Eigenkompositionen überhaupt, ist "The Man Comes Around" neuerlich von Cashs Fähigkeiten geprägt, fremde Songs zu seinen eigenen zu machen. Das Spektrum reicht dabei von Simon and Garfunkels "Bridge over Troubled Water" über Stings "Hung My Head" bis zu Trent Raznors "Hurt" und "Personal Jesus" von Depeche Mode.
Johnny Cash selbst sieht in der stimmigen Vielfalt des neuen Albums den Höhepunkt seiner Zusammenarbeit mit Rick Rubin erreicht. Gleichzeitig erklärte er anlässlich seines siebzigsten Geburtstags: "Es geht nicht darum, inne zu halten und irgendwelche Meilensteine zu polieren. Viel mehr interessiert mich der nächste Meilenstein und die Arbeit, die noch auf mich zukommt." Man darf also vorsichtig hoffen, dass auch "The Man Comes Around" nicht das Ende der American-Recordings-Reihe markiert - ein kleines zusätzliches Gebet kann dabei sicher nicht schaden.

Gerhard Stöger in FALTER 45/2002 vom 08.11.2002 (S. 67)


Rezension aus FALTER 8/2002

Es wirkt grotesk, aber ausgerechnet dort, wo auch der Kitsch der volkstümlichen Musik seine Kassen aufgestellt hat, tummelt sich seit ein paar Jahren eine anarchische Autoren- und Bandszene. Mit Hochdruck arbeitet sie an der Befreiung der Country-Ikone Johnny Cash aus den Klauen von Rednecks und Truckstop. Allen voran Franz Dobler, ein Schriftsteller, der seit gut zehn Jahren mit bayerischer Cowboy- und Wildererprosa um sich schießt, die Literatur nicht mehr leiden mag und jetzt lieber mit theoretischen Schriften für die Country-Music streitet. "The Beast In Me. Johnny Cash und die seltsame und schöne Welt der Countrymusic" heißt seine Biografie, die pünktlich zum siebzigsten Geburtstag des Meisters erschienen ist.

Dobler liebt Cash, weil der gleichzeitig für den US-Präsidenten gespielt und in Gefängnissen beinahe Revolten angefacht hat. Politisch korrekt ist dieser Superstar ebenso wenig wie diejenigen, die ihn jetzt aus den Klauen der Volksmusik befreien wollen. Doblers Cash-Biografie ist so subjektiv, als wollte er aus nur halbwegs geeigneten Brettern ein Haus für seine Szenekollegen zimmern (in dem dann auch Bob Dylan, Punk und Kurt Cobain Platz haben). Der Christ Cash und seine fundamentalistischen Anflüge bleiben ebenso ausgeklammert wie dessen Patriotismus. Zu überzeugen vermag diese eigenwillige Interpretation erst in Wechselwirkung mit "A Boy Named Sue", einer CD, auf der alles, was in der deutschen Neo-Folk-Szene Rang und Namen hat, unter Doblers Regie Cash-Songs covert. Cow, GUZ und das Tilman Rossmy Quartett sind von "The Ring of Fire" so weit entfernt wie Doblers Biografie von abgestandener Lagerfeuer- und High-Way-Romantik. Befreiung: gelungen!

Gerhard Stöger in FALTER 8/2002 vom 22.02.2002 (S. 58)


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