Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Kunstmann, A
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Erscheinungsdatum: 07.03.2003

Rezension aus FALTER 12/2003

Nach wie vor wird die durch zwei Atombombenabwürfe erzwungene Kapitulation von 1945 als Schmach betrachtet. Deshalb wundert es nicht, dass die in Kanada lebende Aki Shimazaki den Roman "Tsubaki" (dt. Kamelie) nicht in ihrer Muttersprache, sondern auf Französisch geschrieben hat. "Tsubaki" bricht ein nationales Tabu, lobt die Autorin darin doch die Zerstörung Nagasakis als eine Wohltat für den damaligen Inselstaat.

Die Protagonistin Yokiko, ein nach dem Krieg nach Kanada emigriertes Atombombenopfer, gesteht in ihrer posthum veröffentlichten Lebensbeichte den Mord an einem Patriarchen - ihrem Vater -, der im Einklang mit dem Sittenkodex des alten Kaiserreichs lebte. Da es tabu ist, eine Schwangere zu heiraten, verweigert er seiner großen Liebe die Ehe und dem gemeinsamen Kind die rechtliche Vaterschaft - ohne die Rolle des Bettgefährten aufzugeben. Es gelingt ihm, mit seiner Familie in die andere Hälfte des von der im Stich gelassenen Frau und ihrer Familie bewohnten Doppelhauses zu ziehen. Und er sorgt dafür, dass sein Nebenbuhler zur Armee eingezogen wird, und sichert sich damit die alleinige Kontrolle über die einst Verstoßene.

Der 9. August 1945 aber wird bei Shimazaki zum Tag der Katharsis. Am Morgen vertauscht Yokiko ein Medikament ihres Vaters mit Zyankali, wenig später fällt die Bombe. Zwar sterben dabei rund 75.000 Menschen, darunter zahlreiche Verwandte und Freunde Yokikos. Shimazakis Kurzroman aber trotzt dem Ereignis dennoch noch positive Facetten ab: Denn auch die Ordnung männlicher Willkür ist nun zerstört. Yoko Ogawa, 1962 geboren, zählt zu jener Generation, für die der nach dem Krieg spürbar werdende Einfluss des freien Westens als Korrektiv der nationalen Traditionen immer schon zur Normalität gehört. Ihr Erzählband "Schwimmbad im Regen" zeigt, dass die erzwungene Öffnung Japans dort am nachhaltigsten wirkt, wo das kulturelle Erbe heute dem westlichen Kulturdruck wieder zu widersprechen wagt. Ogawas Sprache ist geprägt von der stilistischen Strenge einer bis zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert von internationalen Einflüssen weitgehend isolierten Literatur. Thematisch aber sind die drei in dem Band "Schwimmbad im Regen" versammelten Erzählungen keineswegs rückwärts gewandt. Die beste von ihnen, "Tagebuch einer Schwangerschaft", etwa greift ein brandaktuelles Thema auf, dem westliche Autoren eher hilflos gegenüberzustehen scheinen. Eine Verkäuferin vertraut ihrem Tagebuch ihr Wissen darüber an, dass jene Pestizide, mit denen Grapefruits behandelt werden, Genmutationen auslösen. Dennoch besorgt sie sich Tag für Tag Früchte, um Marmelade für ihre schwangere Schwester zu kochen. So beiläufig, wie sie ihre Angst vor dem behandelten Obst gesteht, so gefasst notiert sie im letzten Satz: "Ich ging auf den Raum mit den Neugeborenen zu, um mir das behinderte Baby meiner Schwester anzuschauen."

Ogawas disziplinierte Sprache erzwingt einen nüchternen Blick auf die Konsequenz: Die Betroffenen müssen sich arrangieren. Für europäische Leser aber liegt es angesichts dieser Literatur nahe, neben den esoterischen Elementen nun endlich auch jene Module der japanischen Kultur zu entdecken, die sich nach der "Katharsis" von 1945 als resistent erwiesen haben.

Martin Droschke in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 11)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Schwimmbad im Regen (Yoko Ogawa, Ursula Gräfe, Kimiko Nakayama-Ziegler)

Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb