Weltwunder
Kinder als Naturforscher

von Donata Elschenbroich

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Verlag: Kunstmann, A
Genre: Pädagogik/Kindergarten- und Vorschulpädagogik
Umfang: 272
Erscheinungsdatum: 23.09.2005


Rezension aus FALTER 50/2013

Kindheitsforscherin Donata Elschenbroich: Alltagsdinge sind das bessere Weihnachtsgeschenk

Kinder wurden im deutschen Sprachraum lange unterschätzt, meint die renommierte deutsche Kindheitsforscherin Donata Elschenbroich. Sie begann ihre pädagogische Laufbahn in den 1960er-Jahren in einem abgestellten Bauwagen, wo sie einen Kindergarten eröffnete. Mit "Weltwissen der Siebenjährigen: Wie Kinder die Welt entdecken können" gelang Elschenbroich 2001 ein Überraschungsbestseller, der aber auch kritisiert wurde. Das von ihr propagierte Kinderwissen (zum Beispiel: zwei Sternbilder kennen, etwas repariert haben oder einmal in einen Bach gefallen sein) sei kein verbindlicher Kanon, stellte sie aber unmissverständlich klar. Vielmehr gehe es um einen Erfahrungs- oder Erkenntnishorizont, den es zu umwandern gelte.
In den letzten Jahren beschäftigte sich die Forscherin mit der Bedeutung von Alltagsgegenständen und deren Potenzial, Kindern das Wissen der Welt zu vermitteln. Passend zum Weihnachtsfest hält Elschenbroich diese Woche im Zoom Kindermuseum einen Vortrag mit Filmeinspielungen zum Thema "Das Spielzeug ist auf Urlaub". Der Falter hat vorab mit ihr gesprochen.

Falter: Einer der gefragtesten Spielplatzentwickler, Günter Belzig, vertritt die These, dass man Spielplätze eigentlich nicht brauche – und jetzt sagen Sie auch noch, dass Spielzeug unnötig ist. Wieso denn?
Donata Elschenbroich: Ich will keinen Feldzug gegen Spielzeug führen. Das sind ja liebevoll ausgedachte Gegenstände, die vor allem auch den Erwachsenen wohltun. Und den Impuls, Kindern die Welt in einer miniaturisierten Weise vorzustellen, scheint es in allen Kulturen zu geben, zum Teil aus einem ganz pragmatischen Grund: weil ein fünfjähriger Arm noch nicht Pfeil und Bogen eines 20-Jährigen führen kann. Seit gut 100 Jahren ist die Dingwelt allerdings fast zu einer Belagerung geworden, auch im Bereich des Spielzeugs, das sich zunehmend vor die Aufmerksamkeit schiebt, mit denen man Alltagsgegenständen begegnet und mit ihnen umgeht. In diesen steckt aber oft viel mehr Einfallsreichtum und auch Unterhaltungswert, als einem bewusst ist.

Wie muss man sich das vorstellen?
Elschenbroich: Wir haben in vielen Familien beobachtet, wie überraschend es sein kann, nahe an so einen Alltagsgegenstand heranzugehen, ein unscheinbares Ding, das in den meisten Haushalten vorhanden ist, aber nicht beachtet wird: etwa eine Wasserwaage oder einen Teebeutel. Und wie dadurch der Blick befreit und die Aufmerksamkeit geschärft wird. Das ist ein beruhigendes und sammelndes Gefühl, um das es mir in meinem Buch und den Filmen geht.

Heute gibt es ja auch jeden Alltagsgegenstand schon als Miniding – vom Staubsauger bis zum Geschirr. Steckt dahinter die Absicht, Kinder von den richtigen Gegenständen abzuhalten, weil die ja kaputtgehen können?
Elschenbroich: Oft sind die echten Gegenstände spannender als die Spielzeugversion. Wenn Kinder etwa im Kindergarten ein echtes Stethoskop ausleihen können, wird das daheim mehr Spiel und Gespräche in der Familie auslösen als das Plastikding aus dem Pappköfferchen, das immer den Subtext "Du bist ein Kind" transportiert. Wenn Erwachsene und Kinder zusammen näher herangehen an ein so erstaunliches Instrument oder auch an ein Werkzeug wie eine einfache Wasserwaage, kann das entstehen, was der Pädagoge Martin Wagenschein das "gedankenerweckende Beobachten" genannt hat. In dieser Haltung sind kleine Kinder den Erwachsenen keineswegs unterlegen, im Gegenteil.

Kinder üben ja durch das Spiel die Partizipation an der richtigen Welt …
Elschenbroich: Von Anfang an! Wenn zum Beispiel ein Baby von sieben Monaten – wie in einem der Filme, die ich in Wien zeigen werde – fasziniert ist vom gelben Post-it-Block seiner Mutter. Das ist kein Babyspielzeug, da glitzert und klappert nichts, und es ist nicht didaktisch designt. Trotzdem ist das Kind gebannt und erregt bei seiner beharrlichen Sachforschung. Dieses Ding will es aus allen Perspektiven erfassen – und manchmal kommt der Eindruck auf, als wolle es sogar hinter die Dinge schauen.

Was macht denn ein gutes Spiel aus?
Elschenbroich: Kinder zeigen uns, wenn sie gut spielen, wie sie in Räume vorstoßen, die uns auch als Erwachsene oft verblüffen, und damit ein Mehr in vielen Alltagsgegenständen, die längst geheimnislos geworden sind. Eine Wäscheklammer kann in der Hand einer Vierjährigen zu einem Krokodil werden, oder sie probiert, wie man sich damit den Finger einzwicken kann, ob das Schmerz oder Lust ist und wie lange man das aushalten kann. Mit ein bisschen Farbe kann man mit diesen Klammern auch drucken und sich fragen, ob das Männchen sind oder Bäume. Gutes Spiel vollzieht nicht nur nach, was Erwachsene vorgegeben haben. Fertiges Spielzeug ist oft zu eindimensional, es macht das Kind zum Handlanger. Das Geniale am Spiel besteht darin, dass man aus nicht gestaltetem Material etwas Neues entstehen lässt. Kinder haben die Fähigkeit, sich mit einem unscheinbaren Holzstapel einen Vormittag lang zu beschäftigen. Oder aus einem Flaschenverschluss eine Vogeltränke entstehen zu lassen.

Welches Spielzeug soll man
Kindern also zu Weihnachten
schenken?
Elschenbroich: Eine Stimmgabel zum Beispiel kann ein schönes Geschenk sein, kostet nicht viel, und damit kann man einmal die Wohnung aushorchen. Mit welchen Dingen oder Materialien hat sich dieses Ding etwas zu sagen? Mit ganz anderen als der Magnet! Es ist erstaunlich, wie viel Naturkräfte, Handwerk und Technologie in diesen Dingen stecken.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 50/2013 vom 13.12.2013 (S. 42)



Rezension aus FALTER 11/2006

Einstein junior

Donata Elschenbroich behauptet, dass Neugier und Forscherdrang den Kindern angeboren sind.

Science is patience", meinte einmal der renommierte US-Physiker Richard Feynman. Nicht ganz so berühmt wie sein US-Kollege war der deutsche Physiker und Pädagoge Martin Wagenschein, der so wie Feynmann 1988 starb und ebenfalls meinte, dass es beim Naturforschen "Zeit wie Heu" gäbe. Deswegen sei besonders die Kindergarten-und Vorschulzeit dafür geeignet, folgert Donata Elschenbroich, die selbst im Gebiet der international vergleichenden Kindheitsforschung arbeitet.

Wie "echte" Wissenschaftler besitzen auch die Kinder einen Erkenntnisdrang und wollen nicht besichtigen, sondern begreifen, meint Elschenbroich in ihrem neuen Buch "Weltwunder", in dem es um "Kinder als Naturforscher" geht. Kinder erproben ständig die eigenen Kräfte, bewegen und untersuchen die Dinge. Sie fragen nach dem Warum, selbst wenn sie scheinbar sinnlose Handlungen durchführen, wie mit einem Löffel auf verschiedene Gegenstände zu klopfen oder etwas vom Tisch zu werfen.

Schon in ihrem Bestseller "Weltwissen für Siebenjährige" beschäftigte sich die Kinderwissenschaftsexpertin mit der Bildung von Kindern. Ging es dabei vor allem darum, einen umfassenden Wissenskanon für die Volksschule zu erstellen, behandelt das neue Buch die Art der Wissensaneignung. Ihre These: Neugier und Forscherdrang sind den Kindern angeboren und der Alltag bietet genügend Möglichkeiten, elementare Naturwissenschaft zu entdecken und zu betreiben.

Zur Untermauerung ihrer Behauptungen versammelt Elschenbroich eine ganze Menge Experten: Naturwissenschaftler, Didaktiker, Hirnforscher, Eltern und viele mehr wurden zum Interview gebeten oder zitiert. Dabei werden zwar die unterschiedlichsten Aspekte beleuchtet, mitunter wird das Buch dadurch etwas schwer lesbar. Aussagen historischer Geistesgrößen, zeitgenössischer Forscher oder Erzählungen aus Kindergärten stehen manchmal scheinbar wahllos nebeneinander.

Zwischen den ausschweifenden Erzählungen und Gesprächen schafft es Elschenbroich dennoch, die wesentlichen Aussagen zu vermitteln. Die anfängliche Begeisterung für Natur nehme bei Kindern während des Älterwerdens zunehmend ab. Naturwissenschaftliche Bildung ist nichts, worauf man stolz ist, nicht einmal die Erwachsenen. Selbst Fachleute haben ihr Wissen kaum mit dem Leben verknüpft, und genau dieses Spezialwissen färbt wiederum auf die Schule ab.

Das Problem beginne schon im Kindergarten, deshalb beschreibt die Autorin sehr ausführlich die Vorteile von sogenannten Waldkindergärten. Dort könnten die Kinder die Welt mit allen Sinnen erfahren und entdecken. Die Natur sei von sich aus sehr reichhaltig und man benötige entsprechend wenig Hilfsmittel. "Draußen sein" mache die Kinder instinktiv wachsamer und aufmerksamer.

Mit ihrer Aussage, dass "Grundlagen unseres physikalischen Weltbilds viel früher erworben als traditionell angenommen" würden, widerspricht Elschenbroich im Übrigen der bekannten Kognitionspsychologin Elsbeth Stern. Diese behauptet nämlich, den Kindern mangle es im Vorschulalter am nötigen Grundwissen zum Verstehen naturwissenschaftlicher Gesetze, die Erkenntnisse seien höchstens angelernt.

Für die Autorin ist es entscheidender, ob Kinder überhaupt fragen, etwas wissen wollen oder auf bestimmte Fragen ansprechbar sind. Liest man ihre Anregungen für den Alltag, ist man geneigt, ihr zu glauben. So begreifen Kinder beim Schaukeln oder beim Wippen körperlich physikalische Grundgesetze, beim Putzen oder Kochen können sie eine Menge über biologische oder chemische Wirkungen erfahren.

Viele dieser Erkenntnisse sind leider noch nicht bis in unsere Erziehungsstätten vorgedrungen. Dass es erste Ansätze zur Verbesserung gibt, zeigt die Autorin in ihren abschließenden Kapiteln mit einem Überblick von internationalen und europäischen Projekten, die versuchen, den Reduktionismus naturwissenschaftlicher Didaktik zu bekämpfen.

Wer kennt sie nicht, die berüchtigten "Warum?"-Fragen von Kleinkindern, mit denen sie die Befragten an den Rand der Verzweiflung bringen können. Nach der Lektüre dieses Buchs erscheint dieses kindliche Verhalten in einem anderen Licht: Hinter den simplen Fragen steht ein grundsätzlicher Erkenntnistrieb, der Wunsch, die Welt zu verstehen. Wir sollten alles dazu tun, diesen nicht zu bremsen.Auch für Eltern

Während sich Donata Elschenbroich vehement für "learning by doing" ausspricht, wird in "Die Kinder-Uni" ein eher akademischer Zugang vertreten. Die seit 2002 in Tübingen durchgeführte Veranstaltung hatte einen durchschlagenden Erfolg: Im Dezember des Vorjahres erhielt die Kinder-Uni den Descartes-Preis für Wissenschaftskommunikation, die höchste Auszeichnung für wissenschaftliche Projekte der Europäischen Kommission. Mittlerweile hat das Modell in der ganzen Welt zahlreiche Nachahmer gefunden - und führte zu bereits drei gleichnamigen Begleitbüchern. Das erste davon ist kürzlich auch als Taschenbuch erschienen.

Auch in diesen Bänden geht es um die berühmten "Warum?"-Fragen, die bei den Vorlesungen von Professoren verschiedener Fachrichtungen zwar theoretisch, aber durchwegs anschaulich beantwortet werden. Was im Alltag oft zu wenig Platz hat oder die befragten Eltern schlicht überfordert, wird hier in einem adaptierten universitären Rahmen erledigt. Niedergeschrieben haben das Ganze die Kinder-Uni-Erfinder Ulrich Janßen und Ulla Steuernagel, übersichtlich und reich illustriert. Und vor allem: sehr lesbar, was auch Erwachsene zu schätzen wissen, die das Buch mitunter auch für sich selbst kaufen, wie man auf Verlagsseite gerne bestätigt.

Eva Obermüller in FALTER 11/2006 vom 17.03.2006 (S. 30)


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