Krematorium

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Matias ist gestorben, der charismatische jüngere Bruder des erfolgreichen Bauunternehmers Rubén Bertomeu, in seiner Jugend ein Anhänger revolutionärer Gewalt, später – wie seinem Bruder zum Trotz – ein Ökobauer.
Mit dem Tod von Matias setzt ein vielstimmiger Chor ein: Da ist Rubén, der Sozialist und Bauunternehmer, der auf sein Leben zurückblickt, in dem jedes Ideal für Geld und Erfolg geopfert wurde. Da ist seine zweite Frau Monica, blutjung und karrieregeil, mit unbedingtem Aufstiegswillen. Und seine Tochter Sylvia, eine Kunsthistorikerin, gefangen in einer freudlosen Ehe mit dem arroganten Professor Juan Mullot. Sie alle profitieren von Rubéns Reichtum, gleichzeitig verachten sie ihn. Rubéns Kindheitsfreund, Federico Brouard, ist als Schriftsteller gescheitert und verbringt seine letzten Tage im Suff, Ramon Collado ist Rubéns Mann fürs Grobe.
Aus diesen unterschiedlichen Perspektiven entsteht ein grandioses Gesellschaftspanorama: die Familie als Ort des Besitzdenkens, die Zerstörung der Umwelt, Bauspekulation, schmutzige Geschäfte, Korruption, Drogen. Sexualität als Ware und gleichzeitig letzter Halt gegen die Auflösung jeglicher Verbindungen.
Rafael Chirbes erzählt in »Krematorium« eine aus den Fugen geratene, von den Göttern verlassene Welt, in der keine Gewissheit mehr gilt, in der Werte, Wörter und Utopien leere Hülsen sind. Und doch ist dieser Roman ein Rettungsversuch: Aus der Erzählung der Widersprüche einer Ge?sell?schaft, die sich ganz dem Konsum und dem Mammon verschrieben hat, wird schmerzhaft deutlich, was wir verloren haben.

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FALTER-Rezension

Ein Leben ohne Gott und Marx

Rafael Chirbes ist ein Wiederholungstäter. Die meisten seiner Romane folgen demselben Muster: Man nehme mehrere einander freund- oder verwandtschaftlich verbundene Charaktere und zeichne anhand ihrer Lebensläufe ein kritisches Panorama der Gesellschaft. So in etwa verfuhr Chirbes schon in "Der lange Marsch", "Der Fall von Madrid" und "Alte Freunde". Der Kampf gegen die Diktatur Francos, der Übergang zur Demokratie und die Verdrängung der Vergangenheit waren die Themen, die Chirbes damals aufbereitete.
Chirbes' jüngster Roman ist in seinem Anspruch viel weiter gefasst, geradezu global. Obwohl einige Details in "Krematorium" natürlich auf Spanien verweisen, könnte er im Grunde so ziemlich überall in der westlichen Welt spielen. Chirbes, Jahrgang 1949, ist ein Kind des 20. Jahrhunderts. Auch wenn er nur die zweite Hälfte davon erlebt hat, ist er in einer Welt aufgewachsen, in der politische und soziale Utopien eine wichtige Rolle spielten. Im Spanien Francos wurde ihm der Nationalkatholizismus als ideale Lebensform vorgegaukelt, doch lebte auch die Erinnerung an die in einem dreijährigen Bürgerkrieg gestürzte linksbürgerliche Republik weiter, im Untergrund gärten Widerstand und revolutionäre Ideen. Nun aber sind Zeiten angebrochen, in denen die Werte von gestern nichts mehr zählen.

"Es sind ja nicht einmal die Worte für die Ideale des 20. Jahrhunderts übriggeblieben", klagte Chirbes unlängst in einem Interview mit einer baskischen Zeitung. "Der Klassenkampf, das Proletariat und die Revolution scheinen Ausdrücke aus der Prähistorie zu sein." Der liebe Gott hielt eine ganze Weile durch, die Halbwertszeit des Marxismus war letztlich sehr gering. Das Unbehagen ist geblieben, aber die Schuldigen lassen sich nicht mehr so leicht ausmachen. Und wer nicht weiß, wofür oder wogegen er kämpfen soll, hat bald eine Identitätskrise. "Statt auf die Barrikaden zu steigen oder die Versammlung einer revolutionären Zelle zu besuchen", sagt Chirbes in dem Interview, "gehen wir heute zum Psychologen."
Im Mittelpunkt seines jüngsten Rundumschlag, stehen Rubén und dessen soeben verstorbener Bruder Matias, der als Ökobauer zwar eine etwas versoffene Existenz führte, als Gegenentwurf zu Rubén aber immerhin als Moralinstanz galt. Rubén ist zwar längst pensionsreif, steht aber immer noch an der Spitze eines Bauimperiums, das ihm und seiner Familie beachtlichen Reichtum beschert hat. Während der alte Baulöwe an die Architektenträume seiner Jugend keinen Gedanken mehr verschwendet, wird er von seiner Tochter Sylvia, seinem Schwiegersohn und vielen Freunden von einst dafür verachtet – obwohl auch sie von seinem Geld profitieren.

Das Prekäre an dem Roman ist, dass gerade der moralisch vielgescholtene Rubén wegen seines Wohlstands über den Dingen und all jenen thront, die ihn kritisieren. Auch die anderen konnten ihre Träume nicht verwirklichen, haben – im Gegensatz zu Rubén – aber nicht nur in Sachen Selbstverwirklichung versagt, sondern es auch materiell nicht annähernd so weit gebracht wie dieser. Ihren Kummer ertränken sie nicht selten im Alkohol oder in flüchtigen Sexabenteuern. So gesehen sind Rubén und seine zweite, wesentlich jüngere Frau Monica die Einzigen, die wirklich mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen. Weil sie sich als Neureiche eben ungeniert und ohne viel Federlesens mit der Zeit arrangiert haben, in der sie leben. Und immerhin ist Rubén mit 70 plus noch ein gestandenes, stets braungebranntes Mannsbild, während Matias bereits nach etwas mehr als 60 Lebensjahren im Krematorium eingeäschert wird.
Dennoch kann es Chirbes nicht lassen, vor der Vergötterung des Mammons zu warnen. Das ist nicht weiter verwunderlich, wohnt der Autor doch in Beniarbeig an der levantinischen Küste Spaniens in der Nähe von Valencia, wo ihm tagtäglich die Auswüchse des ungebremst grassierenden Kapitalismus vor Augen geführt werden. Wer einmal die Häuserschluchten von Benidorm oder Altea gesehen hat, weiß, wovon Chirbes schreibt. Wo einst mediterranes Flair die Seelen labte, regieren heute Bagger und Beton sowie neuerdings auch die russische Mafia. Das ist jedoch nur eine Facette des Kultur- und Sozialpessimismus, der Chirbes quält. Ihn verstört vor allem eine Erkenntnis: wie schnelllebig die Zeit ist und wie rasch die Vergänglichkeit oft zuschlägt.

Zur Untermauerung eigener Gedanken greift Chirbes in "Krematorium" auf Zitate von weisen Köpfen jeglicher Provenienz zurück – von Charles Baudelaire über den Apostel Paulus und Marcel Proust bis zu Martin Scorsese. Daraus lässt sich erkennen, dass der Autor höchst belesen ist; und womöglich geht ein Satz aus seinem jüngsten Roman dem bald 60-Jährigen auch in Wirklichkeit öfters durch den Kopf: "So ist das Leben. Man häuft Wissen an wie eine Elster, hört tausend Platten, liest ein Buch nach dem anderen, sieht Hunderte von Fernsehsendungen, blättert im Laufe des Lebens in Millionen von Zeitschriften, denkt nach, informiert sich, und dann stirbt man, und wenn man noch halbwegs klar ist, denkt man dabei bestimmt auch an all die verlorene Zeit."
Chirbes hat aber auch die nächsten Generationen vor Augen. Rubéns Enkel sind bereits in den Zeiten des kapitalistischen Wildwuchses groß geworden, sie begehren nicht dagegen auf, leben aber in einer Welt, in der Crack und Koks zum Alltag gehören. Da ist er wieder – dieser Nihilismus, der Chirbes einfach nicht loszulassen scheint.

Edgar Schütz in Falter 39/2008 vom 26.09.2008 (S. 33)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783888975219
Erscheinungsdatum 03.09.2008
Umfang 432 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Buch
Verlag Kunstmann, A
Übersetzung Dagmar Ploetz
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