Das Herz der Leopardenkinder

von Wilfried N'Sondé, Brigitte Grosse

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Kunstmann
Erscheinungsdatum: 01.09.2008

Rezension aus FALTER 50/2008

Mit 13 bin ich fremd geworden

Mit seinem ersten Roman, der im Vorjahr in Frankreich und soeben auf Deutsch erschienen ist, ist Wilfried N'Sondé eine literarische Sensation geglückt. "Das Herz der Leopardenkinder" wurde sofort mit dem Prix Senghor und weiteren wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnet, das Feuilleton hat N'Sondés poetisch-polyfone Sprache mit der eines Rimbaud verglichen, mit Joseph Conrad, gar mit Céline.
Diese Vergleiche, meint Wilfried N'Sondé im Gespräch, schmeichelten ihm zwar. "Rimbaud? Super! Aber jeder schreibt einfach, wie er kann", sagt der Autor und Musiker, der 1968 in Brazzaville/Kongo geboren wurde, im Alter von fünf Jahren mit seinen Eltern in eine triste Pariser Vorstadt zog, später Politologie an der Sorbonne studierte und seit 1991 in Berlin lebt, wo er als Sozialarbeiter türkische Jugendliche betreute. Wunderbar musikalisch hat N'Sondé seine Geschichte von einem jungen Schwarzen geschrieben, der im Suff einen Polizisten ermordet und im Gefängnis über sein Leben monologisiert. Fiebrige, atemlose Passagen wechseln da rhythmisch mit ruhigen Rückblenden, in denen der junge "Held" über Mireille, seine verflossene Liebe sinniert, über Afrika, über Leben und Leiden in der Pariser Vorstadt.

Falter: Sie leben nun seit vielen Jahren in Berlin. Warum jetzt ein Buch, das in der Pariser Banlieue spielt, die sie vor 17 Jahren verlassen haben?
Wilfried N'Sondé: Mich interessiert ja nicht die Banlieue als Klischee. Im Buch geht es um ein Viertel, wo die Leute arm sind und wo sich Menschen unterschiedlicher Herkunft treffen. Ähnliche Viertel findet man nicht nur in Paris, sondern auch in Berlin – in Neu-Köln oder im Charlottenburger Kiez –, in New York, in Brazzaville, überall auf der Welt.
Es ist keine besonders hoffnungsfrohe Geschichte, von der Sie berichten: Die Hauptfigur sitzt im Knast, sein Freund Drissa endet im Wahnsinn, eine andere Figur in einem Ausbildungslager für Terroristen in der Sahara. Ist in dieser Welt nur Scheitern vorgesehen?
N'Sondé: Nein, es gibt Hoffnung! Auf der letzten Seite habe ich geschrieben: "Wir bleiben aufrecht (...), auch wenn wir anders sind als die anderen." Ich behaupte nicht, dass es einfach ist und sich ohnehin alle lieb haben. Nein, es ist kompliziert, es dauert lange. Aber es lohnt sich, und letztlich haben wir auch keine andere Wahl. Es ist keine ideale, naive Hoffnung. Manche schaffen diesen Weg auch nicht. Aber sogar der Hauptfigur bleibt, obwohl sie so tief gesunken ist, trotzdem noch die Hoffnung, dass es gut wird.
Aber der junge Mann sitzt wahrscheinlich lebenslang im Gefängnis.
N'Sondé: Ich bin in so einem Viertel aufgewachsen, arbeite in einem ähnlichen Viertel auch in Berlin. Was man den jungen Menschen vermitteln muss, ist die Hoffnung: Es ist möglich!
Und wie macht man das?
N'Sondé: Man muss diese Menschen über Jahre begleiten, sie betreuen, sie in ihrem Selbstwertgefühl stärken. Ihnen sagen: Du bist es wert, mach was draus. Wir arbeiten in der Jugendinitiative SCK am Klausenerplatz seit Jahren im Bereich Drogenprophylaxe, aber auch mit Familien, Kindern und Jugendlichen, die Probleme mit der Justiz oder in der Schule haben oder von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Unser Job ist es, ihnen zu helfen, zuzuhören, ihnen das Gefühl zu geben, dass jemand an ihnen interessiert ist. Ich habe speziell mit jungen Männern gearbeitet, meist türkischer, kroatischer oder arabischer Herkunft. In der Mehrheit waren sie Deutsche, eine neue Art von Deutschen eben.
Andererseits beschreiben Sie Kindheit in der Banlieue auch als sehr glücklich: "Erst später, mit 13, 14, wurden wir Fremde, Verbrecher, ,Integration', ,Immigration', Illegale, Toleranzschwelle in politischen Programmen." Was läuft da schief?
N'Sondé: Es ist für Kinder an sich schon kompliziert, wenn sie in die Pubertät kommen. Zugleich wird in dieser Zeit auch die Wahrnehmung der Gesellschaft plötzlich eine ganz andere. Das destabilisiert ganz schön. Diese Stelle im Buch ist tatsächlich autobiografisch, ich hab das an meinem eigenen Leib erfahren. Mit 13 bin ich fremd geworden, ich wurde ein Ausländer, eine Gefahr. Es ist schwer, mit dieser Veränderung umzugehen. Plötzlich wird alles hart, man wird aus der Kindheit fast rausgetreten, gerissen. Man könnte das auch politisch, wirtschaftlich oder soziologisch analysieren, aber ich wollte das aus der Perspektive der Gefühle tun. Und sagen, dass es falsch ist, diese jungen Männer, die auf der ganzen Welt in einem gefährlichen und sensiblen Prozess stecken, als Banditen abzustempeln.
Sie schreiben, dass man als Migrant bis zum Überdruss mit Fragen nach Heimat und Identität – Sie nennen das "Kerker der Differenz" – konfrontiert wird. Was macht Sie so skeptisch diesen Begriffen gegenüber?
N'Sondé: Nehmen wir mich als Beispiel: Ich bin als Kongolese geboren. Als ich in Frankreich mit fünf in die Schule kam und der einzig anders Aussehende der ganzen Schule war, haben mich die Kinder als Chinesen bezeichnet. Für sie war jemand Fremder eben Chinese. Da mein Vater Maoist war, war ich darauf sogar ganz stolz. Später wurde ich dann zum Ausländer, als ich zwölf war, wurden wir eingebürgert und damit zu Franzosen. Später, als ich an der Sorbonne war, haben die Studenten, die aus Afrika kamen, zu mir gesagt, ich sei ein "Weißer", weil ich schon so lange hier lebe. Ein Weißer mit schwarzer Haut! Während meines ganzen Lebens hat sich die Wahrnehmung über mich verändert. Daher denke ich, dass all diese Begriffe Quatsch sind. In meinem Leben kann ich einmal schwarz, weiß, Ausländer oder Franzose sein. Und bald bin ich auch noch Deutscher französischer Herkunft. Das alles ist absurd, aber die Menschen leiden darunter, weil sie versuchen, sich an diese Begriffe anzupassen, die sinnlos sind.
In "Leopardenkinder" hat immer wieder ein durchaus ambivalent gezeichneter "Ahne" seinen Auftritt, der die Hauptfigur an dessen afrikanische Herkunft erinnert. Sind Wurzeln doch wichtig?
N'Sondé: Wurzeln auf keinen Fall. Ich gehöre zu denen, die sagen: "Menschen haben keine Wurzeln, wir haben Beine." Das, was man Wurzeln nennt, ist nichts fest Verankertes, sondern etwas, das sich bewegt und verändert. Nicht alles, was der Ahne im Buch erzählt, nützt dem jungen Mann. Ich denke, man muss Tradition als Sammlung von Praktiken verstehen, mit denen man intelligent umgehen muss. Es macht keinen Sinn, Menschen an Traditionen festzubinden, die keinen Sinn mehr machen.
Man kommt in Versuchung, Ihren Roman in erster Linie als aufklärerischen Versuch zu lesen. Sie selbst haben aber gesagt, Sie hätten eher einen "Werther der Banlieue" geschrieben. Wird das Buch zu einseitig als Migrantenliteratur gelesen?
N'Sondé: Die Befürchtung hatte ich zunächst, weil man sich vor allem für mich und meine Biografie interessierte. Aber nachdem die Leute das Buch gelesen haben, verstehen sie es auch anders. Als ich es schrieb, wusste ich jedenfalls nicht, dass ich da ein Buch über Migration schrieb. Ich wollte eine Liebesgeschichte schreiben, einen schönen, starken Text. Das hat man in Frankreich und Deutschland dann auch sehr schnell verstanden.
Sie haben Teile Ihrer eigenen Biografie doch recht deutlich in das Buch geschrieben, sogar Ihr Name "Wilfried NŽSondé" kommt vor – als Beispiel für die "lächerlichen Namen", mit denen in Afrika den "früheren Herren" nachgeeifert werde.
N'Sondé: Mit dem Namen wollte ich mich nur amüsieren. So ernst sollte das Ganze auch nicht werden. Es gibt natürlich ein paar autobiografische Teile im Buch. Das war schon auch eine Art Selbsttherapie. Zum Beispiel die Situation mit der Lehrerin, die dem Jungen sagt, dass er spinnt. Das habe ich erlebt, aber ich konnte es nie jemandem erzählen. Es zu schreiben hat mich befreit. Nach 25 Jahren habe ich meine Lehrerin verpetzt.
Wie wird denn das Buch aufgenommen, wenn Sie es an so unterschiedlichen Orten wie Brazzaville oder vor jugendlichen Straftätern in der JVA Moabit lesen?
N'Sondé: Auf den Lesereisen habe ich gelernt, dass es so etwas wie Universalität gibt. Im Senegal war ich an einem Mädchengymnasium mit vielen Musliminnen. Die haben über die Liebesszene mit den gleichen Worten gesprochen wie eine neunzigjährige Frau auf dem Land in Frankreich. Die war auch noch blind und hat das Buch nicht gelesen, sondern gehört. Ich habe da zwei Frauen gehört, zwischen denen drei Generationen, das Mittelmeer und eine Wüste liegen. Aber als es um Liebe und Erotik ging, haben sie dasselbe empfunden. Und ich durfte da erfahren, was die Stärke und den Sinn von Literatur ausmacht, wie Kunst Menschen verbindet. Da ist man sich sehr nahe.
War die Lesung in Brazzaville, Ihrem Geburtsort, besonders?
N'Sondé: Ja – all der nationale Stolz, weil ich ja drei Preise für das Buch gewonnen habe. So oft gewinnen Kongolesen keine Literaturpreise. Und dann kam auch meine Familie, meine Cousinen und Tanten, das war sehr emotional.
Sie tragen ja neben Wilfried noch einen weiteren interessanten Vornamen – Sartre. Prägt das?
N'Sondé: Mein vollständiger Name lautet Sarte Wilfried Paraclet Jacques Simon. Aber Sartre wollte ich nicht als ersten Namen tragen – das wäre ziemlich unerträglich. Aber toll ist es schon: Ich bin geboren als Sartre Wilfried und lebe als Schriftsteller in Deutschland. Manchmal frage ich mich schon, ob das wirklich Zufall ist.
Sartre hat Ihr Vater wegen dessen maoistischer Phase gewählt?
N'Sondé: Ja, aber auch weil Sartre den Nobelpreis abgelehnt hat, das fand mein Vater ganz toll. Vielleicht muss ich den nächsten Preis auch ablehnen.
Sartre hatte nach dem Krieg versucht, mit einer eigenen Partei einen "dritten Weg" zu erproben. Sie haben ja, habe ich in einem Ihrer Texte gelesen, Ähnliches gesucht, als Sie Anfang der Neunziger nach Berlin kamen.
N'Sondé: Das war wirklich der idealistische Grund, warum ich nach Berlin kam. Als die Mauer gefallen ist, war ich an der Sorbonne, und wir dachten, es könnte sich ausgehen. Ich wollte diesen dritten Weg erleben und mitgestalten. Wir dachten, da drüben lebten wirklich Sozialisten. Aber das waren sie nicht. Es war eine Illusion, eine schöne immerhin. Und in Wirklichkeit wurde nur der Kapitalismus mächtiger. Das war schon enttäuschend.
Sarte hat sich ja auch einmal getäuscht.
N'Sondé: Deshalb finde ich es heute interessanter zu versuchen, ob man nicht auf der Gefühlsebene etwas bewegen kann.
Machen Sie deshalb auch Musik?
N'Sondé: Mit meinem aktuellen Projekt mache ich gemeinsam mit meinem Bruder – als Wilfried-Serge-Duo – Chansons. Die Musik ist minimal, die Texte sind verständlich, ich spreche sie mehr, als ich sie singe. Alles um eine Atmosphäre zu kreieren, in der man gerührt sein kann. Um Emotionen auszutauschen.Um mehr geht es nicht, sehr ruhig und intim.
Der Gegenentwurf zu Ihrer Afro-Punk-Band, die Sie zuvor hatten?
N'Sondé: Da war die Idee: Energie. Wir haben damals zum Beispiel in Magdeburg oder Dresden gespielt, zu einer Zeit, als dort Ausländer angegriffen wurden. Das war Kampfmusik. Um zu sagen: Wir sind da! Da musste man laut sein, mit Lautstärke, Geschwindigkeit und Stärke beeindrucken. Damals, da waren wir auch noch jünger.

Thomas Wolkinger in FALTER 50/2008 vom 12.12.2008 (S. 56)


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