Das schwarze Herz Afrikas

von Lieve Joris, Barbara Heller

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Malik
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 12/2003

Mit ihrem Buch über ihre erste Kongoreise wurde Lieve Joris berühmt. "Tanz des Leoparden", der Bericht über ihren zweiten Aufenthalt im vom Bürgerkrieg gebeutelten Land ist ein Dokument der Verstörung.

Lieve Joris zögerte lange, ehe sie noch einmal in den Kongo reiste. Ihr Buch über ihre erste Reise hatte 1987 Kritiker wie Leser begeistert. Es war ihr Durchbruch als Schriftstellerin. Nun, zehn Jahre später, herrscht Bürgerkrieg. Als sie eintrifft, haben die Kindersoldaten Kabilas gerade die Hauptstadt Kinshasa eingenommen. Mobutu, der das Land mit seiner Clique drei Jahrzehnte lang ausgeraubt hat, war geflohen, seine bewaffneten Anhänger aber waren geblieben. An die Stelle von Chaos war Anarchie getreten.

Lieve Joris ist keine Abenteurerin. Ihre Wohnung an einer Amsterdamer Gracht ("meine Zuflucht") wird als aufgeräumt, geradezu bieder beschrieben. "Aber wenn ich einmal unterwegs bin, sind die Bedenken verflogen", sagt sie. Kriegsreporter kamen in den Kongo, doch deren Wege kreuzte die Belgierin kaum. Politik als Nachricht, das Frontgeschehen im Krieg interessieren sie nicht. Kommentatoren gibt es ihrer Meinung nach genug, Beobachter viel zu wenig. Joris beschreibt die Zusammenhänge, wie sie sich ihr und den Menschen, die sie trifft, erschließen. Wie immer auf ihren Reisen hielt sie sich an Einheimische und an einige Ausländer, die seit langem im Land waren, "denn sie leihen mir ihre Augen und Ohren".

Freunde, die sie zehn Jahre zuvor gewonnen hatte, waren 1997 keine Hilfe mehr: Alpha war an Aids gestorben, Lukusa nach Kanada ausgewandert und Kis gläubig geworden, einige nannten es übergeschnappt. Für übergeschnappt wurde auch Joris erklärt, wenn sie bei Telefonaten in ihre Heimat erklärte, warum sie sich nicht evakuieren ließ - wie die anderen Nichtafrikaner. Sie blieb länger als ein Jahr.

Kurz vor ihrer Abreise eskalierte das Verhältnis zwischen Einheimischen und Tutsi. Jean-Jacques, ein Tutsi, den sie im Südosten des Kongos kennen lernte, wurde binnen Tagen von allen gemieden und verschwand spurlos. Soldaten schleppten seine Habseligkeiten weg. Menschen, die Joris für ihre und Jean-Jacques' Freunde gehalten hatte, wollten ihr weismachen, der Verschwundene sei ein schlechter Mensch gewesen.

Das Buch über ihre zweite Kongoreise ist ihr reifstes und verstörendstes. Sein Titel "Dans van de Luipaard" (Tanz des Leoparden) steht für die vom Leoparden Mobutu gesäte Verantwortungslosigkeit, die das Land beherrscht. Während sie daran schrieb, widmete Ö1 der Schriftstellerin eine "Diagonal"-Sendung. Joris berichtete von ihren Schwierigkeiten, Hauptfiguren zu finden, die ihr helfen würden, ihre Erlebnisse im Kongo zu beschreiben.

Drei Jahre hat sie daran gearbeitet. "Dans van de Luipaard" ist mehr als doppelt so dick geworden wie ihre früheren Bücher über das Leben einer syrischen Intellektuellen, deren Mann im Gefängnis sitzt, über die postkoloniale Geschichte Malis und ihre Sammlungen von Porträts und Reportagen aus Schwarzafrika und der arabischen Welt. Das Buch, das noch nicht auf Deutsch vorliegt, fängt in Form und Inhalt die anarchische Atmosphäre des von ihr geliebten Landes ein, in dem alles zerfällt und Menschen von einem Tag zum anderen alles verlieren. Auf ihrer ersten Kongoreise im Jahr 1987 hatte Lieve Joris Missionare und Spätkolonialisten, Tagelöhner und Mobutisten, das Nachtleben in den Cités und die Reisen auf dem Kongofluss, der wichtigsten Verkehrsader des Landes, beschrieben. Im Rückblick empfindet Joris ihr erstes Kongobuch als naiv. Aber so naiv, wie es der deutsche Titel "Das schwarze Herz Afrikas" verheißt, ist es nicht.

Stefan Löffler in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 30)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Der Tanz des Leoparden (Lieve Joris)

Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb