Öffentliche Wissenschaft
Elektrizität in der deutschen Aufklärung

von Oliver Hochadel

€ 36,00
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Verlag: Wallstein
Format: Taschenbuch
Genre: Geschichte/Kulturgeschichte
Umfang: 368 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.03.2003

Rezension aus FALTER 12/2003

Oliver Hochadel schlägt mit der Geschichte der Elektrizität in der deutschen Aufklärung ein spannendes Kapitel öffentlicher Wissenschaft auf und erzählt von einem bis heute nachwirkenden Kampf zwischen seriöser Forschung und vergnüglicher Schaustellerei.

Maschinen-Apparat. Widerwillen dagegen. "Die missmutige Bemerkung Goethes in seinen naturwissenschaftlichen Schriften entsprach weder der Mode seiner Epoche noch den eigenen Interessen. Der Geheimrat hatte selbst eine Sammlung technischer Apparaturen, darunter mehrere Elektrisiermaschinen. "Ich will doch lieber zu dir kommen. Ich wickle mich ein; so können wir doch etwas unternehmen. Etwa mit der Elektrisir Maschine", kündigt er Charlotte von Stein seinen Besuch an.

Der Besitz von Elektrisiermaschinen, mit denen man ein wenig forschen, aber vor allem mit der "Knallluft donnern und Funken schlagen" konnte, war, wie der Wissenschaftshistoriker und heureka-Mitherausgeber Oliver Hochadel zeigt, in Deutschland keine Seltenheit. Die Beschäftigung mit den geheimnisvollen Kräften der Elektrizität war Breitensport, ihre Erforschung eine Modewissenschaft, die nicht allein auf den Hörsaal beschränkt war. Träger und Popularisierer waren Privatgelehrte, Instrumentenbauer und vagierende Schausteller, die ihr Publikum mit Vorführungen gleichermaßen über den Stand der Forschung informierten wie in grenzenloses Staunen versetzten.

Mit der Geschichte der Elektrizität in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts schlägt Hochadel ein verborgenes Kapitel der öffentlichen Wissenschaft in Deutschland auf. Das Spektrum ist enorm: Es reicht von den Schwierigkeiten bei der Einführung des Blitzableiters bis hin zu den Versuchen, Elektrizität als Heilmittel in der Elektrotherapie einzusetzen. Hochadel gelingt dabei nicht nur eine facettenreiche Sozialgeschichte eines physikalischen Phänomens, sondern auch eine differenzierte Geschichte des gelehrten Deutschland.

Lange Zeit wurde Technikgeschichte vor allem internalistisch betrieben: Erzählt wurde entweder die Heilsgeschichte der grandiosen Siege von Entdeckern und Erfindern über die Natur oder - in der technophoben Variante - die Historie ihrer grandiosen Verbrechen. Hochadels Interesse gilt dagegen jenen Öffentlichkeiten, die bis heute als Randzonen der Forschung empfunden werden, die jedoch einen entscheidenden Beitrag zu ihrer Popularisierung geleistet haben.

Anwendung und Nützlichkeit der elektrischen Experimente waren nur eine Triebkraft, zumeist wurde Elektrizität in den bürgerlichen Salons, in Kaffeehäusern und auf Jahrmärkten als gehobene Unterhaltung und Spektakel inszeniert. Die Glaselektrisiermaschine von Hausen und Winkler etwa diente nicht zuletzt dem Amüsement. Beliebt waren elektrische Spinnen, die wie von Geisterhand gelenkt über Tische wanderten, die Erzeugung eines Heiligenscheins durch Beatifikationen oder die "Venus electrificata", bei der es bei einem Kuss zu einer haarsträubenden Entladung der kinetischen Energie kommt.

Ein Gutteil der Arbeit ist daher minutiösen Fallstudien der nicht institutionalisierten Aufklärung in deutschen Reichsstädten wie Augsburg und den Biografien umherschweifender Demonstratoren gewidmet. Die Quellenlage ist schwierig, doch auf Ankündigungszetteln der Mechanici, in den Berichten der Intelligenzblätter und in den Geschäften der Instrumentenbauer findet Hochadel ihre Spuren und gibt den Blick auf die Ungleichzeitigkeiten der Aufklärung wie auf den Strukturwandel der Öffentlichkeit frei.

Wie nebenbei entsteht dabei ein historisches Panorama vergessener Volksbildner: Hochadel zeichnet präzise Porträts wie etwa das des Barometerverkäufers und Schaustellers Giacomo Bianchi, der seine Schwierigkeiten mit der Obrigkeit hatte, des Theologen Johann Christoph Thenns, der früh einen Physikunterricht auch für die "Unstudirten" einrichtete, oder Abraham Gotthelf Kästners, den die durchaus aktuelle Frage beschäftigte, "ob es erlaubt sey, bloß zu seinem Vergnügen zu studiren".

Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf der Herausbildung der Wissenschaftsgemeinde und ihren kulturellen Praktiken. Langsam beginnen die sesshaften, um sozialen Status ringenden Wissenschaftler eine Trennlinie zu ziehen zwischen seriöser Forschung und den Elektrisierern. Die Schausteller und ihre auf Sinnlichkeit und Geselligkeit ausgerichteten Kommunikationsformen dienen dabei als Kontrastfolie, die die Wissenschaft benötigt, um ihre eigene Sprache zu entwickeln.

Zu den beeindruckendsten Kapiteln in Hochadels Buch zählt das Aufeinandertreffen des vazierenden Schaustellers Martin Berschitz mit Georg Christoph Lichtenberg. Zunächst durchaus kooperativ, setzt sich Lichtenberg rasch ab vom "abscheulichen Windbeutel", der das Publikum bloß mit Tricks unterhalten will. Dabei führte Lichtenberg selbst Experimente mehr oder minder zum "Vergnügen der Sinne" durch. "Ein physikalischer Versuch, der knallt, ist allemal mehr wert als ein stiller", bekennt er. Die Konkurrenz war groß, und auch der Göttinger Professor war auf die Hörergelder angewiesen. Letztlich unterliegt Berschitz im Rennen um Anerkennung.

Mit Aktualisierungen bleibt Hochadel zurückhaltend, doch liegt eine Verbindung seiner Rekonstruktion der "vernünftigen Unterhaltung" mit den bildungspolitischen Diskussionen der Gegenwart stets auf der Hand. Seite um Seite wird man an die traurigen Erfahrungen des eigenen Physikunterrichts, an die Stunden entsetzlicher Langeweile, erinnert und von Sehnsucht nach ein bisschen Berschitz ergriffen. Nach der Lektüre von Hochadels Buch ist man zumindest ein gutes Stück weiter bei der Beantwortung der Frage, wodurch es so wurde, wie es ist, und nicht anders.

Ernst Strouhal in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 25)


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