Deutschlandbericht für das Kriegsministerium der Vereinigten Staaten von Amerika

von Carl Zuckmayer, Johanna Schrön, Hans Wagener, Gunther Nickel

€ 28,80
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Verlag: Wallstein
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
Umfang: 312 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.09.2004

Rezension aus FALTER 41/2004

Deutschland 1946 Carl Zuckmayer erforschte als ziviler Ermittler die Situation im zerstörten Nachkriegsdeutschland.

Trümmerliteratur nennt man die Nachkriegswerke jener Generation von Autoren, die aus dem Krieg in eine zerstörte Heimat zurückkehrten und über deren Verwüstung und Überlebenskampf schrieben. Bei Carl Zuckmayer liegt die Sache etwas anders. Der 1939 in die USA emigrierte deutsche Schriftsteller reiste 1946 im Auftrag des US-Kriegsministeriums fünf Monate lang durch Deutschland und Österreich. Sein Auftrag: sich als ziviler Kulturoffizier ein möglichst genaues Bild vom besetzten Deutschland zu machen und insbesondere die Situation der deutschen Jugend zu analysieren.

Der Bericht, den Zuckmayer im Anschluss an seine Reise verfasste, sollte dem US-Verteidigungsminister George Marshall Entscheidungshilfe für die künftige Besatzungspolitik sein. Lange nach Zuckmayers Tod im Jahr 1977 wurde er nun gemeinsam mit anderen Dokumenten aus dieser Zeit in Buchform herausgegeben. Ähnlich wie bei dem vor zwei Jahren erschienenen Geheimreport von 1943, in dem Zuckmayer etwa 150 bedeutende Persönlichkeiten für die US-Regierung porträtierte, wurde der Schriftsteller für diese Aufgabe auch deswegen ausgewählt, weil er in Deutschland die notwendigen Bekanntschaften und Netzwerke besaß.

Im Zuge der Recherche zu seinem Bericht versucht er, sich ein Bild von der sozialen und seelischen Lage des zerstörten Landes und seiner Bewohner zu machen. Dabei gelangt er beispielsweise in eine Aufführung seines eigenen, nazikritischen Stücks "Der Hauptmann von Köpenick". Als die Aufführung von einem Jugendlichen mit Pfiffen bedacht wird, spricht Zuckmayer diesen an und bittet ihn um ein Gespräch. Eine ganze Nacht lang diskutiert er mit ihm über Demokratie, die Erfolge und Versäumnisse der Alliierten und eine friedliche Zukunft für Deutschland. Die geschilderten Erfahrungen sind weder exemplarisch noch objektiv, sondern szenisch und emotional geschildert, mit viel Gefühl für Dramaturgie.

Für Zuckmayer geht es vorrangig um die Frage, wie man dem zerstörten und hungernden Deutschland Perspektiven für eine demokratische Zukunft geben kann. Im Briefwechsel mit seiner Frau zeigt sich, wie sehr der Aufenthalt in seiner früheren Heimat an ihm nagt. "Es war mehr, als ein Mensch aushalten kann", schreibt er seiner Frau, als er kurz nach seiner Rückkehr krank im Bett liegt. "Jetzt wundere ich mich, dass ich nicht früher zusammengeklappt bin." Es traf ihn auch hart, dass er durch die Annahme dieses Auftrags die Gunst vieler Dichterkollegen wie Erich Maria Remarque, Alfred Döblin, des Mann-Clans und der Brecht-Gruppe verspielt hatte.

Zuckmayer gibt sich nicht mit bloßer Beschreibung zufrieden. Zwischen den Zeilen versteckt sich mahnende Kritik an den Amerikanern, die beim Wiederaufbau falsche Prioritäten setzen würden. Dadurch machte sich Zuckmayer allerorts Feinde. Bald stempelte ihn das Verteidigungsministerium als Kommunisten ab, er wurde überwacht, und seine Hoffnung, dass George Marshall seinem Bericht die gebührende Aufmerksamkeit schenken werde, schwand.

Heute stellt Zuckmayers Bericht keinen Zankapfel mehr dar. Das Dokument ist dennoch aktuell. Nicht nur wegen des tiefen Einblicks in die deutsche Nachkriegsgeschichte, sondern auch wegen der vielen Parallelen, die sich zur heutigen Situation im Irak aufdrängen.

Wolfgang Luef in FALTER 41/2004 vom 08.10.2004 (S. 42)


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