Strategie der Eskalation
Der Nahe Osten und die Politik des Westens

von Navid Kermani

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Wallstein
Genre: Belletristik/Essays, Feuillton, Literaturkritik, Interviews
Erscheinungsdatum: 14.10.2005

Rezension aus FALTER 38/2008

Die Verräter der Aufklärung

Navid Kermani hat all das, was in den flotten Talkshows und bunten Blättern, die sich mit dem Islam zu befassen vorgeben, oft schmerzhaft abgeht: Als Islamwissenschaftler, der mit "Gott ist schön" (2000) und "Der Schrecken Gottes" (2005) zwei Standardwerke zur Ästhetik des Korans respektive zur Frage der Theodizee verfasst hat, weiß Kermani genau, wovon er spricht. Und durch seine rege Reisetätigkeit hat sich der Autor, der einen deutschen wie einen iranischen Pass besitzt, auch immer wieder ein unmittelbares Bild von der islamischen Welt gemacht, während andere darüber nur mutmaßen. Schließlich hat er die Gabe, sein Erleben und Denken auf ebenso unaufgeregte wie anschauliche Weise zu vermitteln. In seinen Reportagen, in politischen Essays, die er für die Zeit oder die Süddeutsche Zeitung verfasst, aber auch in seiner Literatur. Dort geht es vordergründig auch um prosaischere Themen. Wenn Kermani etwa über Sex schreibt ("Du sollst") oder über den kanadischen Rock-Godfather Neil Young, in dessen Song "Down by the River", so legt es das "Buch der von Neil Young Getöteten" (2002) nahe, sich Kermanis Denken poetisch durchaus widerspiegelt.
Falter: Haben Sie auf der Fahrt Neil Young gehört?
Navid Kermani: Nein, obwohl ich ein neues Handy habe, das auch ein Walkman sein soll. Aber das muss ich mir erst von meiner Tochter erklären lassen.
Wenn man "Das Buch der von Neil Young Getöteten" liest, könnte man aber meinen, Sie hörten nichts anderes.
Kermani: Die Figur in meinem Buch ist nicht zu hundert Prozent identisch mit mir. So fanatisch bin ich nicht, aber Neil Young ist natürlich weiterhin ein lebensbegleitendes Moment und ganz bestimmend im Verhältnis zu meiner Tochter. Ein Code, den nur wir haben, von dem die anderen in unserer Umgebung ausgeschlossen sind.
Sie schreiben auch, dass Musik eines der effektivsten Mittel sei, einander nahezukommen. Und auf Ihrer Website liest man: "Ich kenne Sie gar nicht." Diese Unmöglichkeit, jemanden wirklich zu kennen – ist das für Sie eine grundlegende Lebenserfahrung?
Kermani: Ja, aber Nähe ist gerade dann möglich, wenn man den Anspruch aufgibt, jemand anderen ganz und gar kennenzulernen. Wenn man sich von der Lüge befreit, dem anderen ohnehin nahe zu sein. Umso mehr kann man in dem Moment empfinden, in dem man den anderen spürt. Das ist bei Musik so, aber auch beim Sex, in der Liebe. Für mich sind all diese Erfahrungen – Kunst, Freundschaft oder ein Buch, das mich aus mich selbst herausträgt – kleine Wunder, metaphysische Erfahrungen. Das entspricht auch meinem Begriff von Metaphysik. Diese Momente finden nicht irgendwo im Himmel statt, sondern sind uns im Leben zugänglich.
Das sind nur sehr kurze Momente, oder?
Kermani: Natürlich, und man kann sie auch nicht erklären. Aber gerade dieser Zweifel daran, dass sie überhaupt möglich sind, diese Skepsis, gehört dazu, um solche Momente auch zuzulassen. Die größten Gläubigen sind die Skeptiker, genauso wie die besten Ketzer immer die Frommen waren.
Skepsis steht derzeit nicht so hoch im Kurs, wenn es darum geht, den "Anderen" schnell zu erkennen, "den Muslim" etwa. Warum ist das so?
Kermani: Ich vermute, dass es immer schon so war, empfinde es aber tatsächlich als sehr bedrückend, wie schnell zurzeit Zuschreibungen getroffen werden. Wie bestimmte Phänomene auf Begriffe reduziert werden, die viel komplexer sind. Die Aufgabe von Literatur und jeder Art kreativen Denkens ist es gerade nicht, die Wirklichkeit auf einen Begriff zu bringen. Sondern die Wirklichkeit in ihrer Ambivalenz und Komplexität erahnbar zu machen, statt sie auf einen schnelle Antwort zu reduzieren. Dieses Denken ist das Gegenteil von dem, was man jeden Tag in den Medien liest.
Wird zu viel über den Islam gesprochen?
Kermani: Ja, ab und zu wäre ein wenig mehr Ignoranz ganz gut. Es ist ja nicht wahr, dass man nichts über den Islam weiß. Durch das Internet ist unheimlich viel Information abrufbar. Aber das ist kein Wissen. Goethe, der auf gewisse Weise gar nicht so viel vom Koran wusste, kam mit dem Wenigen, das er gelesen hatte, zu Erkenntnissen, die viel präziser sind als vieles, was sich sogenannte Experten heute zusammenreimen.
In Ihrem Vortrag stellen Sie die Frage "Wer ist wir?" Verschärft dieses Fragen nach der Identität nicht gerade die Gegensätze?
Kermani: Das ist ein ganz natürlicher Vorgang, Identifikation ist ohne Abgrenzung gar nicht möglich. Dazu kommt, dass die Welt immer unüberschaubarer wird, dass sich Unterschiede einebnen, viel mehr Ambivalenzen auftreten. Man kann heute in Teheran so leben, als würde man in Europa leben. In Teheran, in der islamischen Republik! Umgekehrt kann man in Köln wie in Anatolien leben. All diese Gleichzeitigkeiten sprengen Identitäten auf. Die Folge ist, dass die Menschen sich in vielen Teilen der Welt viel stärker darauf zu besinnen suchen, was sie denn jetzt eigentlich sind. Wenn das heiß läuft, wird es gefährlich. Das beobachten wir derzeit in vielen Ländern der islamischen Welt. Aber auch in Amerika, wenn man an die evangelikalen Bewegungen denkt. Oder in Europa.
Wie beurteilen Sie den Prozess in Europa?
Kermani: In Europa reicht das christliche Fundament allein nicht mehr aus, um sich als Europäer definieren und damit von anderen abgrenzen zu können. Man kann gerade noch von einer christlich-abendländischen Geschichte sprechen, in der das Christentum ein Teil der eigenen Identität ist. Deshalb wird die Tradition der Aufklärung als zusätzlicher Identitätskitt benutzt. Und die Abgrenzung wird gegenüber dem vollzogen, das nicht als aufklärerisch gilt, die islamische Welt, der Muslim. Dieser Vorgang ist nicht per se gefährlich, aber im Augenblick kommt doch ein wirklich aggressives Moment hinein, das zu Recht Sorge bereitet. Man sollte auch nicht glauben, dass diese Identitätskonstruktion derzeit nur in Amerika, Indien oder Japan passiert. Sondern sie passiert auch hier in Europa, nur merken wir es nicht.
Warum haben es die Populisten so leicht?
Kermani: Was ich daran so tragisch finde, ist, dass das, was Europa groß macht, die Selbstkritik ist. Nicht der Überlegenheitsdiskurs. Der war immer das Grässlichste an Europa, das, was Europa barbarisch gemacht hat. Die Populisten haben von Europa nicht viel begriffen, davon, was die Kraft dieser Kultur wäre, nämlich die Offenheit gegenüber anderen Kulturen – die im Negativen auch zum Kolonialismus geführt hat, also zur Bereicherung im aggressiven Sinn – und die Fähigkeit zur Selbstkritik. Nicht das Besingen der Höhe der Eigenkultur, sondern die eigene Kultur im Gegenteil kritisieren, ja sogar schmähen und denunzieren zu können. Gesellschaften, die ihre eigene Überlegenheit und Glorie besingen müssen, sind niemals vital. Im Grunde wird dadurch die gesamte aufklärerische Tradition aufs Spiel gesetzt. Als Kind nicht europäischer Eltern sage ich mit vollem Pathos: "Ich bin Europäer". Aber das ist eine Überzeugungsfrage, keine der Geburt oder der Gene. Das wird von den Populisten natürlich auf den Kopf gestellt, verraten.
Warum hält sich gerade das Bild vom muslimischen Terroristen so hartnäckig?
Kermani: Die islamische Welt gibt natürlich ein ganz gutes Feindbild ab. Es gibt Gewalt, Frauen werden benachteiligt. Die arabische Welt entwickelt sich in vielen Bereichen sehr negativ, um Bildung und soziale Entwicklung steht es verheerend. Wir nehmen ja nur den Terror wahr, aber natürlich ist zunächst sehr viel anderes schiefgelaufen, bevor es zu solchen gewalttätigen Exzessen wie im Irak oder in Algerien kommen konnte. Außerdem sind Lösungen, die in drei, vier Sätzen, in drei Minuten formuliert werden, viel einprägsamer. Leute wie wir sind da überfordert. Was wir zu sagen hätten, ist in drei Minuten nicht sagbar. Wenn die Frage falsch gestellt ist, kann die Antwort nicht richtig sein.
Wie hält man dagegen?
Kermani: Ich kann nur meine eigene Aufgabe erfüllen, und das bedeutet, mich diesem Diskurs, so weit es geht, zu verweigern und ein Buch nach dem anderen zu schreiben, ob es nun politische, literarische oder wissenschaftliche sind. Das hat auch zur Folge, dass ich Askese üben muss in dem, was ich auf mich einströmen lasse. Würde ich all das, was medial verbreitet wird, aufnehmen, würde ich völlig verrückt. Ich versuche relativ stur, weiterhin so genau und differenziert zu sein, wie ich nur kann.
Sehen Sie schwarz für Europa?
Kermani: Nein, Europa ist nach wie vor ein sehr lebenswerter Raum. Ich wüsste nicht, wo ich lieber leben wollte. Ich finde auch, dass die Dinge in der Gesellschaft in Bezug auf den Islam sehr viel besser laufen, als es in den Medien den Anschein hat. Ich begreife nicht, wo die 25 Prozent Populisten in Österreich herkommen, weil ich sie in meiner Wahrnehmung nicht als derart stark wahrnehme. Aber ich finde, dass die Europäische Union – bei allem, das man schrecklich finden kann, die mangelnde Transparenz und Demokratie – eine Erfolgsgeschichte ist. Natürlich ist die Sorge groß, dass wir das verlieren könnten.
Interessant ist, wie viel Emotion in die Abgrenzung fließt – die Sicherheit der Schengen-Grenzen etwa . Aber was den Kern angeht, da fehlt es an Leidenschaft. Warum?
Kermani: Europa war immer ein Projekt der Eliten, niemals eine Volksbewegung. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat eine Generation von Politikern und Intellektuellen den Wert der europäischen Einigung erkannt. Jetzt erleben wir die erste Generation von Politikern, die keine eigene Erinnerung an den Krieg mehr haben. Denken Sie an den Hass, der damals auf dem Kontinent herrschte. Heute geht es um langweilige Abkommen oder Schengen – es ist doch wunderbar, wenn die sich über Agrarsubventionen streiten! Gerade wenn man die große Gefahr bedenkt, die der Nationalstaat verkörpert. Anders als Amerika ist der Nationalstaat in Europa auf Homogenität ausgerichtet gewesen, speziell in Deutschland. Auf Rasse, Blut, Glauben und eine Kultur, darauf, die Unterschiede wegzumachen und etwas Gemeinsames zu finden. Das ist ein hochaggressiver Vorgang. Europa ist ein Modus, den Nationalstaaten die Reißzähne zu ziehen.
Hat die Türkei Platz in Europa?
Kermani: Wenn die Türkei die Kriterien erfüllt – was sie derzeit nicht tut –, sollte man als Europäer doch verdammt stolz sein, dass ein weiteres Land europäisch geworden ist. Früher hielten es viele für ausgeschlossen, dass Länder wie Griechenland, Portugal oder Spanien, die keine Aufklärung im westeuropäischen Sinne hatten, je wirklich europäisch werden, und nun gehören sie selbstverständlich dazu. Man sollte die Diskussion über die Türkei viel nüchterner führen. Man wollte die Türkei dabei haben, weil man ein Interesse an diesem Markt und an einem strategischen Partner hatte. Das geschah ja nicht als Entwicklungshilfe oder aus Menschlichkeit, das war Machtpolitik. Man darf mit einem Beitritt der Türkei auch nicht diese großartige Hoffnung verbinden, damit einen Ausgleich mit der islamischen Welt zu schaffen, oder sich erhoffen, dass der Iran dadurch zivilisierter wird. Es geht um Interessen: Der Beitritt der Türkei würde Europa ökonomisch, sicherheitspolitisch und strategisch mehr nutzen als belasten.
Sie kritisieren, dass die Deutschen, wenn sie "wir" sagen, die deutschen Muslime nicht miteinbeziehen. Sie selbst sagen aber, Sie fühlen sich nicht als Deutscher. Das ist doch ein Widerspruch.
Kermani: Ja, das ist ein Widerspruch.
Aber wer ist dann "wir"? Müssen sich nicht die Muslime auch als Deutsche fühlen,damit sie in dieses "Wir" passen?
Kermani: Ich glaube, dass sich dieser Begriff des Deutschseins sehr stark verändert, auch im Sinne einer Öffnung. Politiker sagen heute: "Ihr dürft alle so deutsch werden wie wir, wir wollen euch haben." Das ist nett, aber unter Umständen wollen diese Türken, will auch ich nicht in diesem traditionellen Sinne Deutscher sein. Es kann durchaus sein, dass das, was man als deutsch definiert, künftig differenzierter, pluraler wird, genauso wie auch Mehrsprachigkeit wieder normaler wird. Ich verstehe auch nicht, warum man nicht zwei oder noch mehr Identitäten haben kann. Es wird immer eine Entscheidung erwartet. Aus diesem Grund ist Amerika ein hervorragendes Integrationsland. Dort wird von den Leuten nicht erwartet, dass sie ihre Herkunft abstreifen, das erhöht auch die Loyalität zu dieser Kultur, die das ermöglicht. Ich habe mittlerweile mehr Verwandte in Amerika als im Iran. Alles Leute, die nach sechs, sieben Jahren von sich sagen, sie sind Amerikaner, aber zugleich viel iranischer sind als wir.
Wie geht man denn mit den tatsächlichen Problemen muslimischer Einwanderer um, die oft aus ländlichen Gebieten und patriarchalischen Strukturen kommen?
Kermani: Indem man daran arbeitet, die Probleme benennt und sie angeht, in den Schulen und mit Frauenhäusern und allem, was da zu tun ist. Es war in Deutschland lange so, dass Einwanderung komplett ignoriert wurde. Es gab keinen Sprachkurs, keinen Integrationskurs, nichts. Man dachte, die Leute gehen wieder. Also haben sie sich ihre anatolische Lebenswelt hier eingerichtet. Wie kann man denken, dass es da keine Probleme geben könnte? Wie soll das glatt laufen? Das läuft nicht glatt, Einwanderung läuft niemals glatt.
Sie schreiben, auch Religion sei "in einem säkularen Deutungszusammenhang" zu verstehen. Islamische Fundamentalisten sehen das aber gar nicht so.
Kermani: Ich glaube, dass heute Religionen nur in einem säkularen Rahmen eine Chance haben, gerade auch hinsichtlich ihres Absolutheits- und Wahrheitsanspruchs, in dem ja etwas Gewalttätiges steckt. Religionen sind schroff, zum Teil brutal. Und sie müssen zugleich an ihrem Wahrheitsanspruch festhalten, weil sich sonst ihr Anliegen relativiert. Sie können nicht einfach alles sauber anstreichen und schön interpretieren, damit es sich wie aus dem Handbuch der Menschenrechtler anhört. Um Religion bewahren zu können, bedarf es des säkularen Rahmens, damit das, was der eine als absolut wahr betrachtet, nicht zur Unfreiheit des anderen führt.

Thomas Wolkinger in FALTER 38/2008 vom 19.09.2008 (S. 68)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Das Buch der von Neil Young Getöteten (Navid Kermani)

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