England`s Dreaming
Anarchie, Sex Pistols, Punk Rock

von John Savage, Conny Lösch

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Edition Tiamat
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

Nach langem Warten endlich auf Deutsch: "England's Dreaming", John Savages monumentale Chronik der Sex Pistols und der Punk-Kultur.

Als 1976 in London Punk losbrach, war die heutige Kernkäuferschicht von Popmusik noch nicht einmal auf der Welt. Spätgeborene kennen vielleicht noch "Anarchy In The UK", The Clash, Punk als Stil hipper Modeschöpfer und die Punkdarsteller mit vierbeiniger Begleitung, die in und um U-Bahn-Stationen stets dringend ein paar Schillinge brauchen. Doch auch wenn von Punk auf den ersten Blick nicht viel geblieben sein mag, so hat diese Jugendbewegung trotzdem so viel verändert wie kaum eine andere vor oder nach ihr.

"Die Vitalität des Punk hält an, und sein Virus wirkt - fünfundzwanzig Jahre nach seinem Höhepunkt - nicht als Musik, als Kultur oder als Band weiter, sondern als allgemeines Symbol für jugendliche Unzufriedenheit, Rebellion und Störung der öffentlichen Ordnung. Wenn nichts infrage gestellt wird, wird schließlich auch nichts verändert." John Savage weiß, wovon er spricht. Der Engländer hat mit "England's Dreaming" die Chronik der Punk-Bewegung um die Sex Pistols und ihren Manager Malcom McLaren geschrieben.

Das 1993 erschienene Buch wurde schnell zum Klassiker unter den Musikbüchern. Wer also über Punk Bescheid wissen will, der muss Savage lesen. Das war bislang jedoch nur mit guten Englischkenntnissen möglich. Vor kurzem aber legte die Edition Tiamat "England's Dreaming" in einer deutschen Version vor (auf die Übersetzung wird noch einzugehen sein). Savage erweist sich in seinem Buch weniger als Theoretiker denn als exakter Protokollant der Bewegung. Als junger Mann war er selbst begeistert von Punk, pilgerte zu sämtlichen Konzerten und führte ein emphatisches Tagebuch (aus dem er dankenswerterweise immer wieder zitiert) - später interviewte er alle relevanten Beteiligten und montierte aus einer Unmenge an Material und seinen Erinnerungen "England's Dreaming".

Der Autor konzentriert sich dabei vor allem auf den Londoner Kreis um Malcolm McLaren, Vivienne Westwood und die Band selbst - Johnny Rotten, Steve Jones, Paul Cook und Glen Matlock, der später durch Sid Vicious ersetzt wurde. Er schwenkt aber auch immer wieder zu anderen Bands wie The Clash oder The Damned und geht ebenso auf die kreative New Yorker Szene ein, aus der sich New Wave entwickeln sollte. Anhand zahlreicher Beispiele und Geschichten vermittelt Savage die politischen, ästhetischen und musikalischen Provokationen, die eine relativ kleine Gruppe Unzufriedener und vom Establishment Ausgespieener Mitte der Siebziger zunächst noch eher für sich selbst inszenierte.



Bis zu jenem Fernsehauftritt der Sex Pistols, bei dem der angesäuselte Moderator Bill Grundy die ins Studio mitgekommene Siouxsie (später mit Siouxsie & The Banshees selbst erfolgreich) fragte, ob sie ihn nach der Sendung treffen wolle. Darauf beschimpfte ihn Steve Jones als "dreckigen Bastard", "dreckigen Ficker" und "verdammten Schweinehund". Aus heutiger Sicht ist nicht zu entscheiden, ob dieser Ausbruch ein spontaner war oder das Schlitzohr McLaren die Band aufgestachelt hatte - jedenfalls fanden sich die Sex Pistols tags darauf auf sämtlichen britischen Titelseiten wieder. "The Filth And The Fury!" wurde getitelt, und gleichzeitig verdutzt gefragt "Who Are These Punks?"

Dies war der Moment, in dem Punk von der Bewegung einer überschaubaren Gruppe Menschen zu einem für keinen der ursprünglich Beteiligten mehr steuerbaren Massenphänomen wurde. Später erinnerte sich Steve Jones: "Es war eines der besten Gefühle überhaupt, als wir am nächsten Tag die Zeitungen sahen. Ich dachte: ,Verdammte Scheiße, ist das toll!' Von diesem Tag an war alles anders. Davor war es nur Musik, am nächsten Tag waren es die Medien." Aber eigentlich war dieser Tag auch schon wieder der Anfang vom Ende des Punk, besonders aber für die Sex Pistols. McLaren schien sich in der Folge nur mehr fürs Geld zu interessieren, und die Band verlor über den langen Verhandlungen um einen Plattendeal und diversen Drogenexzessen allmählich die Lust an der Musik.

Das alles und viel, sehr viel mehr erzählt Savage bewegt, aber nicht pathetisch, vielleicht ein wenig wehmütig, aber vor allem sehr informativ. Leider jedoch hat die Übersetzerin Conny Lösch den Text durch eine ganze Reihe von kleinen und größeren sachlichen und stilistischen Fehlern - man muss es so drastisch sagen - verhunzt. Ein Fachmann jedenfalls wurde ganz bestimmt nicht konsultiert. Der hätte etwa Einspruch erhoben, wenn Lösch die in der Diskographie angeführten The Unwanted nicht als Band erkennt, sondern - obwohl das keinen Sinn macht - als "das nicht Gewollte" überträgt. Nach einiger Lektürezeit wünscht man der Übersetzerin, sie müsse ihren Text selber lesen. Andererseits: Irgendwie lässt sich der Sinn der meisten unklaren Stellen schon zusammenreimen. You get the picture!

Sebastian Fasthuber in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 38)


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