Bakunin
Ein Leben für die Freiheit

von Madeleine Grawitz

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Edition Nautilus
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 12/2000

Eine Revolution frisst neben ihren Kindern manchmal auch ihre Geschwister. Die russische zum Beispiel, die sich in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts eifrig darum bemühte, ihre anarchistische Konkurrenz auszumerzen - in der Heimat ebenso wie hinter den Frontlinien des Spanischen Bürgerkriegs.
So alt wie der Versuch, in Europa sozialrevolutionäre Organisationen zu installieren, ist die Feindschaft zwischen Kommunisten und Anarchisten. Karl Marx und Michael Bakunin (1814-1876) brachen sie um 1870 vom Zaun. Der eitle Deutsche beanspruchte die Führung der revolutionären Avantgarde für sich. Alle Warnungen Bakunins, dass ein Staat nach dem marxschen Prinzip automatisch in eine totalitäre Gesellschaft münden müsse, blieben ungehört. 1872 wurde der Russe aus der Internationale ausgeschlossen. Marx hatte freie Bahn, die pluralistische Organisation in die Kommunistische Partei zu verwandeln.
Das psychische Moment herauszuschälen, das den bis dato konservativen Privatgelehrten Michael Bakunin 1848/49 auf die Barrikaden von Paris und Dresden trieb, ist das publizistische Anliegen von Madeleine Grawitz' Biografie, in der nie Langeweile aufkommt, denn Bakunin führte ein spektakuläres Leben. Früh brach er mit seinem wohlsituierten Elternhaus, um allerorts in Europa gegen Staat und Gesellschaft anzurennen. Berlin, Frankreich, Prag und Sachsen, wo ihm Richard Wagner zur Seite stand, waren die ersten Stationen. Nach zwölf Jahren Haft floh er 1849 aus Sibirien, durchquerte die USA, um sich von London aus erneut in den Kampf zu stürzen. Wo auch immer die Barrikaden brannten, er war wieder dabei, fragte nicht nach Ziel und Sinn. Denn es galt zu zerstören.
In den Defiziten von Bakunins Persönlichkeit finden sich die Wurzeln seines unstillbaren Freiheitsdrangs: in seiner Unfähigkeit, mit Geld umzugehen, in seiner übertriebenen Ehrlichkeit und seiner bodenlosen Naivität. Es könnte sein, dass er den Anarchismus nur deshalb kreierte, um zu kaschieren, dass er mit den Konventionen seiner Zeit einfach nicht zurechtkam. Die soziale Notwendigkeit, die europäischen Monarchien des 19. Jahrhunderts zu stürzen, erscheint bei ihm als ein Motiv zweiten Ranges. Egal wie vehement auch immer sich Bakunin und Co letztendlich für die Rechte anderer einsetzten.
Anarchismus wird heute mit destruktivem Chaos verknüpft. Das ist durchaus im Sinn des Erfinders. Denn wie lautete doch Bakunins Devise: Erst wenn jedwede staatliche Ordnung vernichtet ist, kann die Freiheit des Einzelnen Realität werden.

Martin Droschke in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 32)


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