Almanach für Einzelgänger

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Edition Nautilus
Genre: Belletristik
Erscheinungsdatum: 01.02.2001

Der Einzelgänger: Man nennt ihn auch Traumtänzer und Eigenbrötler, Menschheitspionier und Selbsthelfer, Kapitän Nemo und Robinson. Hat er seinen Kopf für sich oder jagt er einer fixen Idee nach? Ist er weltfremd oder eher vernarrt ins ganz Besondere? Er mag Randgänger sein - Randfigur ist er nicht. Er ist einzeln, aber nicht einsam. Er bezaubert Zögernde und Verzagte. Wo er gängige Normen durchbricht und sich gegen das Geläufige wendet, da ist der Einzelgänger unentbehrlich für die Kräftigung der einzelnen. Karl Otten entwarf Anfang der 60er Jahre den Almanach als Übungsstücke für fremden Blick, der das Starren auf einen Punkt ablöst durch geschmeidiges Umkreisen und Wechsel der Perspektive. Es handelt sich um Texte von zwölf Autoren: Im Mittelpunkt stehen Karl Otten, Franz Jung, Otto Gross, Adrien Turel und Wilhelm Reich. Dazu gesellen sich Zeugnisse von sieben Autoren, die die Wege und Umwege der fünf als Betroffene verfolgen. Der Almanach war gedacht als Beitrag zu einer Rekonstruktion der Vorstellungswelten nach dem 2. Weltkrieg. Zum Jahr 2001 kann er endlich erscheinen. Ein Buch für wache Träumer, das den Blick schärft und den Geist geschmeidig hält.

Fritz Mierau, geb. 1934 in Breslau, Literaturwissenschaftler, Übersetzer und Essyaist, lebt in Berlin. Übesetzung und Herausgabe russischer Literatur, u.a. Blok, Babel, Zwetajewa, Tretjakow, Puschkin, Mandelstam, Achmatowa, und geistesgeschichtlicher Werke wie Russen in Berlin und Die Erweckung des Wortes. Zusammen mit Sieglinde Mierau Mitherausgeber der Franz Jung Werkausgabe. Zuletzt erschien von ihm die Biographie Das Verschwinden von Franz Jung. Stationen einer Biographie (Nautilus 1998). Der Autor schreibt derzeit an dem autobiographischen Buch Mein russisches Jahrhundert.

Rezension aus FALTER 24/2001

Das Leben eines Psychoanalytikers muss ein Quantum Wahnsinn beinhalten, allein schon der Glaubwürdigkeit wegen. Übertreibung wirkt sich allerdings auch fatal aus, wie am Fall Otto Gross deutlich wird. Der 1877 in der Steiermark geborene Freud-Schüler war der Erste, der nach Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Rückkopplung der noch jungen Wissenschaftsdisziplin suchte. Seinen Aufsätzen zufolge führte die abendländische Zivilisation "Von geschlechtlicher Not zur sozialen Katastrophe". Gross arbeitete empirisch. Er spielte gesellschaftliche Krankheiten im Selbstexperiment durch, bevor er sie in hastigen Notaten sezierte. So proklamierte er, dass in einer Revolution nach russischem Vorbild die Alternative läge, und die Seele des Menschen nur in einer kommunistisch-anarchistischen Gesellschaft frei atmen könne. Wie der linke Querschläger Franz Jung im "Almanach für Einzelgänger" 1961 erklärt, sei der spätere 68er-Guru Wilhelm Reich, "eine direkte Copie" seines Freundes Gross aus den Revolutionsjahren. Beide, Reich und Gross, erfahren wir weiter, wurden "im Verlauf einiger Prozesse ins Irrenhaus gesteckt".In den Jahren, die während des von Fritz und Sieglinde Mierau rekonstruierten Briefwechsels zwischen Jung und Karl Otten verstreichen, versucht der Politabenteurer und Schriftsteller vergeblich Fuß im literarischen Nachkriegsdeutschland zu fassen. Otten und Jung blicken in ihrer Korrespondenz auf ihren ebenso spektakulären wie heute vergessenen Kreis gesinnungsaktiver Bohemiens zurück - mit Gross als Vordenker und Oberchaoten. Günter Grass schaut mit seinem Lektor bei Otten vorbei, und beiden war klar: Das ideologisch-literarische Europa gehört anderen. Jung starb 1963 auch deshalb, weil er einen Krankenhausaufenthalt nicht mehr bezahlen konnte.

Martin Droschke in FALTER 24/2001 vom 15.06.2001 (S. 70)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Von geschlechtlicher Not zur sozialen Katastrophe (Otto Gross)

Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb