Frantz Fanon
Ein Porträt

von Alice Cherki

Derzeit nicht lieferbar

Vorwort: Lothar Baier
Übersetzung: Andreas Löhrer
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Romanhafte Biografien
Umfang: 350 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.03.2002

Rezension aus FALTER 49/2002

Eine neue Biografie analysiert Leben und Werk des französischen Arztes Frantz Fanon, dessen Revolutionstheorien das 20. Jahrhundert prägten.

Man erzählt seine Vergangenheit nicht, man legt Zeugnis über sie ab", erklärte der Psychiater und Theoretiker Frantz Fanon einmal einem Freund. An dieses Prinzip hielt er sich auch gegenüber Jean Paul Sartre, dessen Fragen nach Details aus seinem Leben er als oberflächlich zurückwies. Sartre verfasste 1961 das Vorwort zu Fanons berühmtestem Buch "Die Verdammten dieser Erde". Das antikolonialistische, vor dem Hintergrund des algerischen Befreiungskampfes verfasste Manifest prägte Che Guevara genauso wie Malcolm X und wurde zum Schlüsseltext militanter Bewegungen von der Black Panther Party bis zur RAF.

Die Psychiaterin Alice Cherki lernte Fanon 1953 als Ärztin in einer algerischen Klinik kennen. Ihr "Porträt" stellt weder eine klassische Biografie noch die literarische Aufarbeitung einer Freundschaft dar. Seiner Maxime Respekt zollend, beschränkt sich Cherki ganz auf den Kämpfer Frantz Fanon. Das Buch - die einzige derzeit auf Deutsch erhältliche Biografie - setzt ein, als der 18-jährige Fanon 1943 seine Heimatinsel Martinique verlässt, um unter de Gaulle gegen die Nazis zu kämpfen. In den französischen Truppen herrscht eine brutale, rassistische Hierarchie. "Nichts rechtfertigt diese plötzliche Entscheidung, mich zum Verteidiger der Interessen des Hausherrn zu machen, wenn er selbst darauf pfeift", schreibt der Soldat verbittert an seine Eltern.

Dennoch beginnt Fanon nach dem Krieg sein Medizinstudium in Frankreich. Als Dissertation reicht der junge Arzt den enorm politischen Essay "Schwarze Haut, weiße Masken" ein, der selbstverständlich abgelehnt wird. In dem später veröffentlichten Text analysiert Fanon die Entfremdung des Kolonialisierten: Rasse wird erstmals nicht mehr als tatsächliche Gegebenheit, sondern als Konstrukt einer bestimmten sozialen Situation definiert. 1953 übernimmt Fanon den Posten eines Chefarztes in der psychiatrischen Klinik von Blida, einer Kleinstadt in der französischen Kolonie Algerien. Die Behandlung der Einheimischen dominiert dort die Ideologie des Primitivismus, die das Gehirn der Araber als in seiner Entwicklung retardiert erklärt. Gegen den zähen Widerstand seiner französischen Kollegen führt Fanon die Sozialtherapie als Behandlungsmethode ein.

Sehr ausführlich und streckenweise allzu dicht schildert Cherki Fanons politisches Engagement, als 1954 der algerische Aufstand gegen die Kolonialmacht ausbricht. Der Psychiater schließt sich der nationalen Befreiungsbewegung Front de Libération Nationale (FLN) an, für die er auch Widerstandskämpfer versteckt und behandelt. Als die Situation untragbar wird, quittiert er 1956 den Dienst. Zwei Jahre vor seinem Leukämietod, 1961, fungiert Fanon von Tunis aus als Afrika-Botschafter für die provisorische algerische Regierung, engagiert sich bei der FLN-Zeitung El Moudjahid und vollendet mit letzter Kraft sein Werk "Die Verdammten dieser Erde".

Obwohl Cherki Anekdoten vermeidet, wird der Revolutionstheoretiker als extrem entschlossener Mann plastisch erkennbar. Interpretatorisch greift die Autorin ein, indem sie Fanons Ruf als Gewaltprediger und schwarzen Rassisten dem aufpeitschenden Vorwort Sartres zu den "Verdammten" zuschreibt: "Sartre rechtfertigt die Gewalt, während Fanon sie analysiert." Ende der Achtzigerjahre bildete die Fanon-Rezeption einen der Angelpunkte für die Entstehung der "Postcolonial Studies"; auf die jüngere, angelsächsische Fanon-Rezeption von Stuart Hall und Homi K. Bhabha geht die Autorin allerdings nicht ein. Die Stärken des stilistisch schwachen Buchs (möglicherweise ein Übersetzungsproblem) liegen zum einen in der historischen Kontextualisierung von Fanons Werk. Zum anderen macht Cherki deutlich, wie eng psychoanalytisches und politisches Denken in Fanons Theorie und Praxis miteinander verwoben waren.

Nicole Scheyerer in FALTER 49/2002 vom 06.12.2002 (S. 67)


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