Von Mann und Maus
Die Welt des Walt Disney

von Andreas Platthaus

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Henschel
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

Walt Disney - Rechtzeitig vor dessen hundertstem Geburtstag am 5. Dezember nähern sich der Romancier Peter Stefan Jungk und der "FAZ"-Redakteur Andreas Platthaus dem Phänomen Disney.

Über der Wahrhol'schen Kategorie des "Superstars" befindet sich nur mehr eine dünne Zone stratosphärischen Ruhmes, die jenen Menschen vorbehalten ist, welche jenseits vergänglicher Moden und Trends zu dauerhafter Berühmtheit aufgestiegen sind. Zu diesen Menschen gehört zweifelsohne Walt Disney, dessen Name sowohl eine Person meint, als auch eine Marke darstellt, die für ein ganzes Medienimperium steht. Jedem Kind ist der Namenszug vertraut, mit dem Comics, Zeichentrickfilme, Stoffpuppen und unzählige andere Merchandisingprodukte versehen sind. Und wie es einem Logo entspricht, hat diese idealisierte Schriftikone nichts mit Disneys realer, eher krakeliger Unterschrift gemeinsam, sondern wurde von einem seiner Mitarbeiter entworfen.
Disney war aber nicht nur eine charismatische Persönlichkeit, sondern auch ein schwieriger, egomanischer Charakter. Auf der einen Seite kam er als freundlicher Uncle Walt via Fernseher zu jeder amerikanischen Familie auf Besuch und verkörperte mit seinen Idealen gleichsam die Seele Amerikas. Auf der anderen Seite war Walter Elias Disney ein manischer Tycoon, der selbst die kleinsten Arbeiten seiner Mitarbeiter vereinnahmte, um ganz bewusst alle im Glauben zu lassen, er selbst hätte all diese Comics und Trickfilme geschaffen. Als erzkonservativer Republikaner bezeichnete er die Vernichtung der Indianer als reinigende Notwendigkeit, bedauerte die Aufhebung der Rassentrennung, diskriminierte Frauen in seinen Studios und war für seine antisemitischen Äußerungen bekannt.
Diese Ambivalenzen machten Disney für zahlreiche Biografen interessant, die mitunter auch die abstrusesten Verschwörungstheorien in die Welt setzten. So bemühte Marc Eliot Anfang der Neunzigerjahre in seinem Buch "Hollywood's Dark Prince" alle Negativklischees von Impotenz über Nazikollaboration und FBI-Spitzeltum, ließ aber jeglichen Beweis für die behaupteten Disney'schen Umtriebe vermissen. Da diese Unterstellungen offenbar eine sensationslüsterne Erwartungshaltung bedienten und viele nicht nur Licht, sondern auch Schatten sehen wollten, rankt sich bis heute ein fantastisches Legendenwerk um Disney. Auf zahlreichen Websites kann man im Sinn urbaner Legenden "authentische" Berichte lesen, wonach sich in öffentlich nicht zugänglichen Ecken Disney-Lands mit "Heil Hitler!" grüßende Zwerge befänden oder Disneys eingefrorener Leichnam in einer riesigen Kryogenic-Kammer direkt unter dem "Magic Kingdom" in Orlando aufbewahrt würde.
Auf ganz unterschiedliche Weise nähern sich zwei Neuerscheinungen dem vielschichtigen und immer noch interessanten Leben dieses großen Medienmoguls Amerikas – ein-mal in Form eines Romans und einmal als kulturhistorische Analyse.

Peter Stefan Jungk lässt seinen Protagonisten, einen fiktiven Zeichner der Studios, in Rückblenden und gegenwärtigen Begegnungen das Leben Disneys aufrollen: das Heranwachsen in ärmlichen Verhältnissen in einer verschlafenen amerikanischen Kleinstadt namens Marceline; die mangelnde Schulbildung; der unaufhaltsame Aufstieg als Trickfilmer und Unternehmer, der in Disneys sozialutopistischen Visionen der EPCOT-Zentren gipfelte. Diese Experimental Prototype Communities of Tomorrow sollten ursprünglich in Form einer kleinen Weltausstellung den technologischen Fortschritt dokumentieren und neue Formen der Freizeitgestaltung erschließen. Realisiert wurden sie schließlich als die bekannten Unterhaltungsparks Disney-World und Disney-Land. Jungk macht Disney als private Person greifbar, erzählt von dessen Visionen, Ängsten und Obsessionen – etwa dem Wunsch, nach seinem Tod eingefroren und eines Tages wiederbelebt zu werden. Gerne lässt man sich als Leser in diesen spannend erzählten Roman hineinziehen, doch bleibt die ungeklärte Nähe zur biografischen Realität eine stete Irritation. Einerseits scheinen viele Details vom Autor genau recherchiert worden zu sein, andererseits kann man sich nicht sicher sein, ob Disney zum Beispiel tatsächlich im Rahmen der Kommunistenhetze Charlie Chaplin vor dem McCarthy-Komitee schwer belastet hat. Achtzig Prozent der Szenen beruhten auf tatsächlichen Begebenheiten, versichert Jungk im Gespräch mit dem Falter und lässt einen über die restlichen zwanzig Prozent im Unklaren.
Mit "Franz Werfel. Eine Lebensge-schichte" hat Jungk bereits 1987 eine viel beachtete Biografie vorgelegt. Im Zuge der Recherchen regte sich der Wunsch, nicht nur Fakten zu verarbeiten, sondern dem Text auch eine literarische Dimension zu verleihen. Seit damals sammelte Jungk Material über Walt Disney, der ihn mit seinen Trickfilmen als Kind nachhaltig beeindruckt hatte. Und so mosaikartig, anekdotisch und von persönlichen Zugängen geprägt entfaltet sich auch der Text. Zum monarchistischen Hintergrund des Buchtitels befragt, erzählt der Autor eine Anekdote, die Disneys Größenwahn illustriert: Als Prominenter wurde Disney oft gefragt, ob er nicht in die Politik gehen wolle. Sein Freund, der Science-Fiction-Autor Ray Bradbury, schlug ihm daher vor, als Bürgermeister von Los Angeles zu kandidieren. Disney antwortete: "Wieso sollte ich, wenn ich doch schon König von Amerika bin?"Aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachtet Andreas Platthaus das Phänomen Disney. Weniger die private Seite als die kulturhistorische Bedeutung und das Ideal eines Weltentwurfs stehen in seinem Buch "Von Mann und Maus" im Vordergrund. Der Feuilletonredakteur der FAZ ist ein profunder Kenner des Disney'schen Oeuvres und hält sich nicht zu lange mit der langatmigen Dokumentation biografischer Daten auf. Im Mittelpunkt seiner Analysen stehen die tricktechnischen Herausforderungen, welche die in den Dreißigerjahren neuartige Fusion von Bildern und Tönen mit sich brachte, sowie die sukzessive Entwicklung der für die Disney-Studios typischen Persönlichkeitsanimation und die ästhetischen Grundmuster, die den weltweiten Erfolg der Filme begründeten. Wobei es Platthaus in seinen brillanten Ausführungen gelingt, die künstlerische Eigenständigkeit des Zeichentrickfilms zu vermitteln. Anhand zahlreicher Beispiele aus den klassischen, aber auch unbekannteren Produktionen Disneys macht er deutlich, dass die Grenze zwischen Hoch- und Trivialkultur unscharf ist. Weswegen sich das Buch auch für all jene empfiehlt, die bisher mit Comic- und Trickfilmwelten nichts anzufangen wussten.

Peter Iwaniewicz in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 11)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Der König von Amerika (Peter Stefan Jungk)

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