Der neoliberale Markt-Diskurs
Ursprünge, Geschichte, Wirkungen

von Walter Otto Ötsch, Claus Thomasberger

€ 30,70
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Verlag: Metropolis
Format: Taschenbuch
Genre: Wirtschaft
Umfang: 276 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.03.2009

Rezension aus FALTER 37/2009

Der Markt als Produkt eines gläubigen Geistes

Wenn man in der Kaffeeküche eines New Yorker Büros den Kühlschrank nach Milch durchsucht, kann man unter mindestens vier Sorten wählen: frische Milch, haltbare Milch, fett oder fettarm, vielleicht sogar mit Vanillegeschmack. Das hat keine planende Behörde so entschieden und organisiert, hier führt kein Milchmagistrat Regie, sondern der "Markt" bestehend aus vielen Millionen New Yorkern als Agenten desselben. Diese unsichtbare, fast alle Lebensbereiche durchdringende produktive Kraft des Marktes finden Ökonomen ebenso faszinierend wie die innovative Dynamik des Kapitalismus überhaupt. Vor allem im Vergleich zur Befehlswirtschaft des totalitären Kommunismus.

Der Linzer Ökonom und Kulturhistoriker Walter Otto Ötsch teilt diese Faszination für den Markt jedoch nicht. In seinem neuen Buch Mythos Markt belässt er es nicht bei berechtigter Kritik an unfassbaren Spekulationsblasen oder bei Kritik an den negativen Folgen des globalisierten, industriellen Wachstums. Ötsch geht es um Systemkritik. Aus diesem Grund kann er auch kein gutes Haar an der Marktwirtschaft lassen und formuliert bereits am Anfang den Grundtenor seiner Analyse wie folgt: "MARKT und NICHT-MARKT sind reine Erfindungen, Produkte eines gläubigen Geistes" (den "Markt" in Großbuchstaben zu schreiben zieht der Autor über 300 Seiten durch, was dem Leseduktus nicht gerade förderlich ist).
Die Trennung in den Markt als das Reich des Lichts und den Nicht-Markt, also alles, was dem Staat zuzurechnen ist, als Reich der Finsternis, sei nichts mehr als ein Propagandaprodukt aus Zeiten des Kalten Krieges. Die marktradikale Propaganda sei über 100 neoliberale Think-Tanks in die Gesellschaft eingesickert, bis sie ab Ende der 70er-Jahre die Herrschaft im öffent­lichen Diskurs übernahm. Propagandistische Keimzelle sei laut Ötsch die 1947 in der Schweiz gegründete Mont Pélerin Society gewesen mit dem marktradikalen Friedrich August von Hayek als geistigem Vater.
Klingt nicht unplausibel, dass sich Anhänger der Marktwirtschaft angesichts des sich weltweit verbreitenden Sozialismus zusammenschlossen, um intellektuell gegenzusteuern. Aber auch ein wenig nach Verschwörung, vor allem wenn man sich als Leser eine Frage stellt: Wer ist denn heute marktradikal? Wer fordert denn den entfesselten Markt ohne staatliche Eingriffe? Das Bild des Marktradikalismus, das Ötsch zeichnet, ist weitgehend Fiktion. Oder hat er übersehen, dass selbst während der angeblichen Vorherrschaft des Marktradikalismus seit den frühen 80er-Jahren die Staatsquote, also der Anteil der staatlichen Aktivität an der wirtschaftlichen Gesamtleistung, auch in Österreich weiter anstieg und trotz eines Rückgangs in den letzten paar Jahren heute immer noch bei rund 44 Prozent liegt? In skandinavischen Staaten – zweifellos auch Marktwirtschaften – ist die Staatsquote noch viel höher. Marktradikaler Erfolg sieht anders aus.
Auf 180 Seiten versucht Ötsch die grundlegenden Ideen der neoklassischen Ökonomie zu zerpflücken, nämlich das Modell von Angebot und Nachfrage mitsamt seinen Folgerungen. Auch wenn – wie er selbst zugibt – seine Kritikpunkte weit­gehend bekannt und in der Wirtschaftswissenschaft bereits ad nauseam diskutiert worden sind.
Ötschs repetitive Suada ist gespickt mit plakativen und vereinfachenden Aussagen wie "das neoklassiche Modell DES MARKTES erlaubt keine Aussagen über eine ­reale Ökonomie." Mit polemischen Verkürzungen wie dieser wundert es nicht, dass der Autor zu dem Schluss kommt, es handle sich bei der neoklassischen Mikroökonomie um ein Propagandaunternehmen in wissenschaftlichem Gewand. Gänzlich unbeachtet lässt er neuere und von der Neoklassik losgelöste Entwicklungen wie sie zum Beispiel die britische Ökonomin Diane Coyle in ihrem Buch "The Soulful Science" für ein breites Publikum verständlich dargestellt hat.

In dieselbe Richtung zielt das ebenfalls von Ötsch gemeinsam mit Claus Thomasberger herausgegebene Buch "Der neoliberale Markt-Diskurs" (diesmal ohne lästige Großbuchstaben). In mehreren Aufsätzen gehen Autoren verschiedener Disziplinen der Frage nach, warum sich der Glaube an die Überlegenheit des Marktes so stark etablieren konnte, dass sich Liberalisierung, Privatisierung und Deregulierung in den vergangenen 20 Jahren fast ohne Protest durchsetzten. Abgesehen von Begriffsklauberei hie und da werden in dem Buch interessante Fragen gestellt: Was ist die Ursache für die Dominanz der Neoliberalen im gesellschaftlichen Diskurs, zum Beispiel wenn es um das Mantra der "Flexibilität am Arbeitsmarkt" geht? Zu diesem Thema gibt es einen interessanten Beitrag des Wiener Ökonomen Herbert Walther, in dem er darlegt, dass im internationalen Vergleich europäische Wohlfahrtsstaaten nicht schlechter abschneiden als die angelsächsischen Länder mit ihren flexiblen Arbeitsmärkten. Institutionen des Arbeitsmarkts wie zum Beispiel das Arbeitslosengeld oder der Kündigungsschutz hätten sich in Reaktion auf die vielfältigen Faktoren des Marktversagens entwickelt.
Recht spannend ist schließlich auch der Beitrag von Jens Schlamelcher über die Auswirkung des neoliberalen Diskurses auf das Selbstverständnis der Kirchen, die– zumal wenn diese sich Unternehmensberatungen an die Seite geholt habe – davon sprechen, dass sie sich "am Markt der Religionen behaupten müssen" und Marketing betreiben, um Kunden – sprich Gläubige – zu akquirieren. An diesem Beispiel wird deutlich, was die Autoren meinen, wenn sie davon sprechen, dass die aktuelle Krise nicht nur eine der Institutionen sei, sondern auch der Denkweise.

Richard Wimmer in FALTER 37/2009 vom 11.09.2009 (S. 16)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Mythos Markt (Walter Ötsch)

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