Stürmer für Hitler
Vom Zusammenspiel zwischen Fußball und Nationalsozialismus

von Gerhard Fischer, Ulrich Lindner

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Die Werkstatt
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 25/1999

Ein Volk, ein Ball, ein Führer

Vor 48 Jahren wurde Rapid durch ein 4:3 gegen Schalke deutscher Meister. In einem Buch über den Fußball im Nationalsozialismus wird der legendäre Sieg in schiefes Licht gerückt.

Hundert Jahre alt ist Rapid heuer geworden. Und da es sonst nichts zu feiern gibt, besann man sich am Rathausplatz vergangener Großtaten. Eine davon geschah am 22. Juni 1941: Rapid gewann in Berlin gegen Schalke 4:3 und damit die deutsche Meisterschaft. Rein fußballerisch ein Meisterstück ersten Ranges, führte Schalke doch 3:0, ehe die Mannschaft das Spiel mit drei Toren noch umdrehte. Doch im Jubiläumsjahr wird das Heldenepos in Frage gestellt. "Das Spiel war gesteuert", wird Herbert Burdenski, Vater des Bundesliga-Tormanns Dieter Burdenski und einst Fußballer bei Schalke, in dem jüngst erschienenen Buch "Stürmer für Hitler" zitiert. Burdenski war - als 19jähriger - an dem legendären Spiel beteiligt und betreut heute das Schalke-Archiv. Die Begründung für seine gewagte Behauptung: "Die Ostmark sollte einen Meister haben. Wie sonst ist es zu erklären, daß Rapid zwei fragwürdige Elfmeter bekommen hat?"

Das ist die Geschichte, die man hierzulande über das Spiel bisher zu hören bekam: Die Nazis hätten auf den Sieg der Wiener kühl reagiert, Adolf Hitler soll vor Zorn getobt haben. Zudem war Schalkes Vereinsname angeblich schon vor dem Spiel in den Pokal eingraviert worden. "Alles nur Show", behauptet Burdenski und legt noch ein Schäuferl nach: Der Schalker "Spielführer" Ernst Kuzorra habe sich nach dem Match geweigert, von Reichssportführer Hans von Tschammer die Silbernadel für den zweiten Platz entgegenzunehmen. - Wenn es stimmt, eine mutige Tat. Denn: Deutschland hatte am selben Tag die Sowjetunion überfallen und brauchte dringend Soldaten. Der dreifache Torschütze Binder jedenfalls, so erfährt man unter Berufung auf Wiener Quellen, soll am Tag nach dem grandiosen Sieg an die Front beordert worden sein.

Schützenhilfe erhält Rapid von Wolfgang Hempel, einem populären Reporter der ehemaligen DDR. Er war als 14jähriger im Stadion und heulte angesichts der Schalker Niederlage "wie ein Schloßhund". Für Hempel sind die Aussagen Burdenskis Legende: "Die Elfmeter und Freistöße, die Rapid bekommen hat, waren korrekt", sagt Hempel, der von einem Protestakt des Schalker Kapitäns nichts gesehen haben will: "Die Schalker Spieler haben die Medaillen noch auf dem Platz bekommen."

Diese Version wollen wir gerne glauben, auch wenn die Autoren Gerhard Fischer (Sportredakteur der Süddeutschen Zeitung) und Ulrich Lindner (freier Autor in München) hartnäckig von einem "zwielichten" Endspiel 1941 sprechen, dem ein ebensolches im Jahr 1939 vorausgegangen sei. Mit der Admira, damals noch im Floridsdorfer Jedlesee beheimatet, war ebenfalls ein Klub aus Wien dabei. Das ist aber schon die einzige Parallele. Schalke siegte 9:0, wobei die Verschwörungstheorie diesmal andersrum gedrechselt war: "Es macht mißtrauisch, daß einige der besten Admira-Kicker kurz vor dem Endspiel zu einem wertlosen Auswahlspiel berufen worden waren", schreiben Fischer/Lindner. "Prompt verletzten sich der starke Tormann Platzer und der wichtige Verteidiger Schall. Sie fehlten beim Finale, Admira war enorm geschwächt."

Selbst wenn auch andere Details im Österreich-Kapitel nicht stimmig sind und die Diskussion über den "zwielichtigen" Rapid-Sieg von 1941 über ein polemisches Anfangsstadium nicht hinauskommt, hat das Buch seine Meriten. So war die Aufarbeitung der deutschen NS-Fußballgeschichte bisher sporthistorisches Brachland. Fischer/Lindner machen deutlich, wie sehr Fußball durch das autoritäre Regime vereinnahmt wurde. Als reines Mittel zum Zweck, hatte doch Hitler selbst zum Fußball "kein ausgeprägtes Verhältnis".

Deutsche Ideale und die Erziehung der Jugend zur Wehrfähigkeit waren in den Turnvereinen besser aufgehoben, doch kamen die Nazis am Massenpotential des Fußballs nicht vorbei. Die neue Organisationsstruktur sorgte auf regionaler Ebene für eine zentralistische Ausrichtung der Verbände, die in puncto Linien- und Führertreue oft vorauseilenden Gehorsam zeigten. So unterzeichneten die süddeutschen Spitzenvereine bereits im April 1933 eine Erklärung, mit der sie sich zum Ausschluß von Juden und Marxisten verpflichteten, obwohl derartige Maßnahmen von der NS-Sportführung noch gar nicht verlangt wurden.

Dennoch hat das Dritte Reich mit dem Fußball "immer Pech gehabt", wie der Sportsoziologe Hans Joachim Teichler konstatiert. Das Runde am Fußball konnten auch sie nicht ausschalten, und so rollte er oft anders, als es den Propagandisten lieb war. Es lag nahe, Länderspielsiege als Beleg für die Überlegenheit des eigenen Volkes zu sehen. Die Nazis kamen dabei allerdings öfter in Erklärungsnotstand, etwa bei den Olympischen Spielen 1936, als Deutschland vor den Augen des wütenden Führers gegen Norwegen mit 0:2 verlor. Auch die Idee, die Mannschaft nach dem Anschluß im März 1938 mit den Überresten des Wunderteams zu verstärken, ging schief: Bei der WM 1938 scheiterte man an der Schweiz. Die Moral des Volkes ließ sich mit solchen Ergebnissen nicht stärken, und nach einer Länderspielniederlage beschloß der Propagandaminister, solche Niederlagen künftig zu verhindern: Joseph Goebbels wollte Länderspiele kurzerhand verbieten lassen.

Die Infiltration des Fußballs mit Nazi-Ideologie und Antisemitismus verlief mitunter anders, als es auf den ersten Blick zu erwarten gewesen wäre. Die Spieler von Schalke 04 etwa, dem prototypischen Arbeitersportverein aus dem Ruhrpott, hatten sich trotz gegenteiliger Beteuerungen recht gut mit dem Nazi-Apparat arrangiert: Der Stürmer Fritz Szepan etwa führte nach dem Krieg ein Kaufhaus am Schalker Markt, das zuvor lange Jahre dem jüdischen Geschäftsmann Julius Rode gehört hatte und dann "arisiert" wurde. In München wiederum, der "Hauptstadt der Bewegung", genossen die "Sechziger" (der TSV wurde 1860 als Turnverein gegründet!) das ungeteilte Wohlwollen der SS- und SA-Granden, während der FC Bayern als "Juden- und Kavaliersverein" geächtet wurde.

Edgar Schütz in FALTER 25/1999 vom 25.06.1999 (S. 16)


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