Versteckspieler
Die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban

von Ronny Blaschke

€ 9,20
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Die Werkstatt
Format: Taschenbuch
Genre: Ratgeber/Sport/Ballsport
Umfang: 144 Seiten
Erscheinungsdatum: 15.10.2008

Rezension aus FALTER 24/2009

Die Angst des Torwarts vorm Outing

Der deutsche Journalist Ronny Blaschke hat sich in einem Buch diesem – immer noch heiklen – Thema gewidmet. Blaschke schreibt unter anderem für die Berliner Zeitung, die Süddeutsche Zeitung und das Qualitätsfußballmagazin 11 Freunde. "Versteckspieler" ist das zweite Buch des 27-Jährigen, das erste handelte von Rassismus und Randalen im Fußball.

Falter: In Ihrem Buch geht es um den deutschen Profikicker Marcus Urban, der sich nach Karriereende geoutet hat. Was würde passieren, wenn aktive Spieler ihre Homosexualität
öffentlich machen würden?
Ronny Blaschke: Einiges. Der Spieler würde es im Team und bei gegnerischen Fans schwerhaben. Die Medien sind dem Thema gegenüber heute vergleichsweise offen. Aber Fußball ist der archaischste Bereich überhaupt. Es wäre ein Quantensprung für die Diskussion über Homophobie, wenn ausgerechnet jemand aus diesem Bereich das Outing wagt. Das wäre mit jahrelanger Arbeit von Kampagnen gegen Homophobie vergleichbar. Aber momentan ist es wohl noch utopisch, dass das passiert.
Würde Fußball weniger archaisch, wenn Spieler offen mit ihrer Sexualität umgehen würden?
Blaschke: Alle sprechen über das erste große Fußballouting und fragen, wann es kommen wird. Aber eigentlich darf man das von einem Spieler nicht erwarten. Warum soll man ihm Verantwortung dafür aufbürden, die Gesellschaft zu verändern? Der schwule Spieler muss sich nicht verändern, für ihn ist das ja normal. Was sich verändern muss, ist das Umfeld, das Normalität schafft. Das sind vor allem Verbände und Vereine. Die müssen sich was einfallen lassen.
Fußball ist ein Kontaktsport: Die Spieler umarmen sich, sie schwitzen und sind leicht bekleidet. Gleichzeitig prägt der Sport ein sehr heterosexuelles Männerbild vom "starken Kerl". Geht das zusammen?
Blaschke: Körperlichkeit im Fußball assoziiert niemand mit Homosexualität. Dass man sich beim Torjubel auf den Hintern klapst, dass man sich ständig umarmt und zusammen duscht, ist für die Spieler völlig normal – zumindest, solange man sich nicht in einen homosexuellen Spieler hineinversetzt. Für Marcus Urban war es sehr bedrückend, sich in solchen Situationen unauffällig zu verhalten. Er musste jede Geste, jeden Augenaufschlag, jede Formulierung kontrollieren, damit er nicht entlarvt wird.
Sie führen in Ihrem Buch aus, wie unterschiedliche Diskriminierungsformen im Fußball teilweise einander
verdrängen. Ist Homophobie zum
Ersatz für Rassismus geworden?
Blaschke: Zumindest in Deutschland hat heute auch der letzte Betonkopf kapiert, dass es nicht geht, öffentlich Rassistisches zu brüllen. Viele flüchten sich daher in weniger sanktionierte Diskriminierungsformen wie Homophobie. Vor zwei Jahren soll zum Beispiel der Torhüter von Borussia Dortmund, Roman Weidenfeller, den Schalke-Spieler Gerald Asamoah als "schwarzes Schwein" bezeichnet haben. Bei der Gerichtsverhandlung beim Deutschen Fußballbund einigte man sich dann darauf, dass er nicht "schwarzes Schwein", sondern "schwules Schwein" gesagt haben soll. So wurde die Strafsperre von sechs auf drei Spiele reduziert. Der DFB trägt also bei, dass eine Rangliste der Diskriminierungsformen entstanden ist. Das ist fatal. Denn es ist natürlich um nichts besser oder schlechter, einen Farbigen zu diskriminieren oder einen Homosexuellen.
Sie schreiben, dass es im Profifußball weniger Homosexuelle gibt als in der restlichen Gesellschaft. Auch deshalb, weil viele Spieler von vornherein abgeschreckt sind. Vertreibt man so nicht Leute mit Potenzial und Talent?
Blaschke: Natürlich entwischen dem Fußball viele Talente. Viele Jugendspieler sind dem Druck nicht mehr gewachsen und brechen ihre Karriere ab, bevor sie begonnen hat. So wie Marcus Urban, der mit 22 Jahren aufhören musste, weil er die Energie nicht mehr aufbrachte. Es wäre interessant, wie die Nationalmannschaft aussehen würde, wenn alle schwulen Spieler durchhalten würden.
Ist Fußball ein Mikrokosmos der Gesellschaft oder ein Feld mit eigenen Regeln?
Blaschke: Die Annahme, dass der Fußball ein Spiegelbild der Gesellschaft ist, teile ich nicht ganz. Im Fußball können viele allgemeine Probleme verschärft auftreten. Ich glaube aber auch nicht, dass ein Outing in Kultur oder Politik heute wahnsinnig einfach ist. Es gibt in Deutschland einige offen schwule Politiker. Die müssen sich aber auch Witze anhören. Aber wir haben kein einziges aktiennotiertes Unternehmen, das bekannt ist für seinen schwulen Manager. Da gäbe es noch viel nachzuholen.
Der Fußball hat jedenfalls das Potenzial, öffentliche Diskussionen anzuregen.
Blaschke: Wenn 2000 Leute auf der Tribüne sitzen und homophobe Gesänge anstimmen, dann schneiden 20 Kameras mit. So nimmt man das wahr. Es ist gut, dass man dadurch dieses Thema öffentlich diskutieren kann – andererseits allerdings verzerrt man das Problem ein wenig. Denn ganz so schlimm wie im Fußball ist es in der Gesellschaft wohl nicht.
Was wäre notwendig, um schwulen Spielern das Outing zu erleichtern?
Blaschke: Die Funktionäre können bei Fans ein Exempel statuieren. Wenn die hetzen und brüllen, müssen Strafen verhängt werden. Der DFB droht schließlich auch mit einer Strafe, wenn der Milliardär Dietmar Hopp (deutscher Unternehmer und Fußballfinancier, Anm. d. Red.) beleidigt wird. Warum kann man das nicht bei Schwulen machen? Sinnvoll wäre sicher ein kollektives Outing mehrerer Spieler, das man gut vorbereiten müsste. Denn es gibt ja Spieler, die voneinander wissen, dass sie schwul sind, und auch in Kontakt sind. Und man müsste sich Journalisten rauspicken, die das Feld seriös aufbereiten würden. Man muss die Mechanismen der Medien kennen und wissen, wie die sich darauf stürzen.
Wie geht es Marcus Urban als einem ehemaligen Spieler, der offen schwul lebt, heute?
Blaschke: Interessant ist, dass das Versteckspiel nur in Gedanken stattgefunden hat. Er hat sich verbarrikadiert in einer Mannschaft, obwohl niemand auf der Suche nach ihm war. Sein Beispiel sollte eigentlich Mut machen. Als er sich mit 23 Jahren geoutet hat und ehemalige Mitspieler wiedertraf, haben die ihm gesagt, dass seine Homosexualität gar kein Problem für sie sei. Im Nachhinein kann man das zwar leicht sagen, aber es hat ihn schon zum Nachdenken gebracht: Vielleicht wäre es ja doch möglich gewesen, als schwuler Spieler durchzukommen. Das könnte Mut machen. Dass es vielleicht gar nicht so schlimm und düster aussieht, wie sie selbst sich das vorstellen.

Lisa Mayr in FALTER 24/2009 vom 12.06.2009 (S. 40)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb