Das Zimmermädchen

von Markus Orths

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Verlag: Schöffling
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 144 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.07.2008

Rezension aus FALTER 5/2009

Unter der Badezimmerkachel, da liegt der Dreck

Mit einem Text mit dem Titel "Das Zimmermädchen" hat Markus Orths heuer beim Bachmann-Wettbewerb den zweiten Preis gewonnen. Zu behaupten, es sei dies ein Ausschnitt aus dem vorliegenden "Roman" gewesen (der eher eine lange Erzählung ist), wäre allerdings irreführend: Rein handwerklich ist Orths eine geschickt aus dem Erzählkomplex destillierte Kurzfassung gelungen.
Der Charakter der Geschichte unterscheidet sich aber von jenem des Romans: Beim Vorlesen in Klagenfurt hatte Lynn, das Zimmermädchen, das sich eines Abends gezwungen sieht, unter dem Bett eines Hotelgastes zu übernachten, weil es beim Schnüffeln von dessen Rückkunft überrascht wird, bei aller Schrulligkeit etwas Anarchisches an sich, etwas verboten Komisches. In der Langfassung überwiegt das Tragische.
Lynn hat jetzt nicht nur eine Vergangenheit und einen kaum mehr als freundlichen Freund, sondern auch eine Krankengeschichte.
Ein halbes Jahr war sie in einer psychiatrischen Anstalt, der Job im Hotel ist die letzte Chance für ein "normales" Leben. Lynn "putzt nicht nur, sie putzt gründlich", wobei "gründlich" stark untertrieben ist. Ihr Traum von makelloser Reinheit umfasst auch Vaseninnenseiten und unsichtbare Klomuschelbrillen. Am liebsten würde sie die Kacheln herausreißen und darunter saubermachen, würde damit nicht erst recht neuer Schmutz verursacht.

Den Konnex von Putzsucht und Melancholie hat schon Simone de Beauvoir bloßgelegt. Aber Lynn geht noch weiter. Es beginnt mit der Zuwendung zu den Dingen, die zu ihr zu sprechen scheinen, offener, als ihre Inhaber das könnten, über die sie so manches verraten. Mit den fremden Kleidern und Pyjamajacken probiert das Zimmermädchen fremde Existenzen an.
Nach der einen unter dem Bett des Gastes verbrachten Nacht beschließt Lynn, sich diesen Kick fortan jeden Dienstag zu gönnen: Das Leben der anderen macht sie lebendig, sie spürt sich nur, wenn sie sich in fremden Nächten förmlich auflöst.
Nie wieder, behauptet der Klappentext, werde man nach der Lektüre des Buches in einem Hotel schlafen, ohne vorher unters Bett zu schauen. Das ist nicht übertrieben, überhaupt ist's mit der Unschuld im Beherbergungsbetrieb vorbei, sobald man sich der grundsätzlich einseitigen Beziehung zwischen Zimmermädchen und Hotelgast bewusst wird: Er weiß nichts von dem dienstbaren Geist, will auch nichts von ihm wissen. Das Zimmermädchen jedoch weiß einiges von ihm und wüsste stets gern noch mehr.
Meist passiert nichts Besonderes, während Lynn auf ihrem Posten liegt, Sex erlebt sie nur einmal, und da ergibt sich der Kontakt zu einem Callgirl, fast eine Liebesgeschichte, die natürlich schlecht ausgeht.

Die Weltsicht in Wadenhöhe erweitert jedenfalls Lynns Horizont: "Dort, unterm Bett, da siehst du Dinge, die du nie gesehen hast, dort, unterm Bett, da öffnet sich die Kehrseite der Welt, und bevor ich unterm Bett lag, dachte ich immer, dass Männer und Frauen sich küssen, wenn sie morgens aufwachen, aber jetzt weiß ich, dass einer zum anderen sagt: Putz dir die Zähne, du hast Mundgeruch."
Am Ende bleibt Lynn nur ihre herzkranke Mutter, mit der sie aberwitzige Fachgespräche über die Feinheiten einer perfekten Reinigung führt, mit der sie aber nicht wirklich reden kann, weil ihr ein "Gefühlsdolmetscher" fehlt, der das jeweils Gesagte in die Welt der anderen übersetzen könnte, weshalb die Fremdheit zwischen Mutter und Tochter als die allerundurchdringlichste erscheint.
Markus Orths porträtiert sein schreckliches Zimmermädchen mit Sympathie und Humor, treffend und unprätentiös. Unwiderstehlich zieht er den Leser mit unters Bett, lässt ihn dort bangen und schwitzen. Dem vielseitigen Autor ("Lehrerzimmer", "Wer geht wo hinterm Sarg") ist hier das Kunststück geglückt, eine Geschichte in zwei Prosatexten zu erzählen, die beide überzeugen, obwohl ihre Schnittmuster erkennbar bleiben.

Daniela Strigl in FALTER 5/2009 vom 30.01.2009 (S. 30)


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